Eigentum anders

Das Statement des Direktors des Paulo Freire Zentrums für die Auftaktpressekonferenz in Linz.
"Die Schafe, einst so sanft und genügsam, sind wild und raubgierig geworden, dass sie sogar Menschen fressen, Felder, Gehöfte und Dörfer verwüsten und entvölkern. Denn überall, wo feinste Wolle erzeugt wird, sind Edelleute und Äbte nicht mehr mit den jährlichen Einkünften und Erträgnissen zufrieden, die ihren Vorgängern aus den Landgütern erwuchsen. Die Wolle bringt ihnen viel höheren Gewinn als das Korn. So verwandeln sie das Ackerkind in Viehweiden, die sie einhegen." (Thomas Morus, Utopia)

Dieses Zitat aus dem 17. Jahrhundert mag verstörend wirken, beschreibt aber sehr treffend, was viele Menschen in Ländern der Dritten Welt heute erleben. Was vormals allen zugänglich war, wird eingehegt und kann fortan nur mehr von wenigen verwendet werden. "Schafe fressen Menschen", könnte man zugespitzt formulieren.

Die neuen Produktionsmethoden ermöglichten damals eine Steigerung der Produktion, die England zum Weltmarktführer werden ließen, nachdem es die florierende indische Textilindustrie mit Gewalt zerstörte. Was in England vor Jahrhunderten stattfand, wiederholt sich bis heute. Bäuerinnen und Bauern werden von ihrem Land verdrängt, damit die Agrarindustrie effizient produzieren kann. Auch heute noch werden Katastrophen wie Tsunami genutzt, um unliebsame EigentümerInnen mit Hilfe korrupter RichterInnen von ihrem angestammten Land zu vertreiben. Der Kampf um Eigentum ist ein Kampf, bei dem die Schwachen nur zu oft verlieren. Ohne Rechtsanwälte und Bestechung bleiben ihre Ansprüche oftmals auf der Strecke.

Aus diesem Grund wollen wir bei der 3. Österreichischen Entwicklungstagung über Fragen des Eigentums nachdenken, denn es handelt sich hier um eine Grundfrage der Entwicklungspolitik.

Heute wird der Erfolg kapitalistischer Marktwirtschaften wesentlich auf das Privateigentum zurückgeführt. Seit dem Scheitern des Staatssozialismus in Osteuropa und der Sowjetunion und dem Ende der nationalstaatszentrierten Entwicklungsmodelle an der Peripherie gilt es als unbestritten, dass Entwicklung nur durch den Schutz des Privateigentums möglich ist. Die OECD wollte sogar so weit gehen, den Schutz von Investitionen ganz allgemein über die nationalen Gesetze zu stellen. Einzig wegen des unerwartet breiten Protests stellte die OECD diese Idee vorübergehend zurück. Noch können nationale Regierungen für Investitionen im eigenen Land weiterhin demokratisch Regel festlegen wenn sie sich dies angesichts der realen Macht der Investoren trauen.

Europa exportierte sein Konzept von Eigentum weltweit. Als Europa im 15. Jahrhundert begann, die Welt zu erobern, ging es um die Aneignung des Landes. Eroberung bedeutete Landnahme und war mit Gewalt und Unterdrückung verbunden. Den EinwohnerInnen wurde das Land genommen, Günstlinge der europäischen Herrscher wurden zu Herren und Eigentümern. Diese Kolonialisierung lastet bis heute als Hypothek auf Europa und seinem Verhältnis zu diesen Ländern. Bis heute leben in Afrika, Asien und Lateinamerika andere Vorstellungen von Eigentum, Besitz und Nutzung. In Gesellschaften mit ursprünglichem Gemeinbesitz wurde und wird Eigentum
meist allein einer transzendenten Autorität zugesprochen (Naturgottheiten, Ahnen, Geist, …), während die Menschen das Nutzungsrecht auf diesem gemeinschaftlichem Besitz haben.

Die Tagung bietet die Chance, fremde Vorstellungen mit unseren zu verbinden und gemeinsam zu lernen, wie eine Welt gestaltbar ist, in der für alle Platz ist.

Der Autor ist Direktor des Paulo Freire Zentrums in Wien.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.