Landraub in Guatemala: Der Fall Finca La Perla

Die Autorin beschreibt die Geschichte des Landraubs in Guatemala und dessen andauernden Konsequenzen.

Der Raub von indigenem Gemeindeland durch die spanischen Eroberer und deren Nachkommen stand in Guatemala Jahrhunderte lang an der Tagesordnung. An den Folgen der Vertreibung der indigenen Völker von ihrem ursprünglichen Land hat sich bis heute wenig geändert. Die Konzentration von Landbesitz in Guatemala ist weltweit eine der höchsten: 1,86 Prozent der Bevölkerung kontrollieren 56,59 Prozent des landwirtschaftlich nutzbaren Landes. Die restlichen 43,41 Prozent der Fläche teilen sich auf 98,14 Prozent der LandbesitzerInnen auf. Der fehlende Zugang zu Land ist einer der Hauptgründe für Armut, Hunger und Unternährung der guatemaltekischen Familien, vor allem in ländlichen Gemeinden. Die Folgen lassen sich bei Besuchen in diesen Gemeinden allerorts deutlich beobachten. Etwas abstrakter belegen offizielle Statistiken, dass die Bevölkerung in vorwiegend indigenen Gebieten zu rund drei Viertel von Armut betroffen ist, über 30 Prozent leben in Verhältnissen extremer Armut, rund 25 Prozent der ca. 12 Millionen GuatemaltekInnen sind unterernährt.

Landraub: Betrug und Massaker

Das Gebiet der heutigen Finca (Farm) La Perla war bis ins 19. Jahrhundert Teil des traditionellen Lebensraums der Maya-Ethnie Ixil. Während der liberalen Diktatur Ende dieses Jahrhunderts wurden die Ixiles schrittweise vertrieben, und ihr Land mit großteils betrügerischen Methoden enteignet. So rühmte sich José Luis Arenas Mitte des 19. Jahrhunderts, große Teile seines Landes für ein paar Kisten Bier erworben zu haben. In weiterer Folge war die Familie des heutigen Besitzers Enriqü Arenas unter dem Deckmantel der Bekämpfung von Aufständischen an den Massakern an der indigenen Bevölkerung der Region während des 36-jährigen Bürgerkrieges aktiv beteiligt. Hunderte Mitglieder der Dörfer in der Nähe der Finca wurden vom guatemaltekischen Militär unter Mithilfe paramilitärischer Truppen in den 1980er Jahren brutal ermordet. Auch nach Abschluss der Friedensverträge und dem offiziellen Ende des Bürgerkrieges besteht die Konflikt zwischen den Finca-BesitzerInnen und den ansässigen Ixil-Familien fort. Zusätzlich zu ihren prekären Lebensumständen leiden sie unter regelmäßigen Einschüchterungsversuchen der privaten Söldnertruppe der Familie Arenas, welche diese zu ihrem und zum Schutz ihres Landes beschäftigt.

Kampf um Land

Seit Ende des 19. Jahrhunderts hat sich die Fläche der Finca La Perla auf wundersame Weise versechsfacht, von 990 auf 5.850 ha. Der offiziell eingetragene Besitz umfasst jedoch nur 2.790 ha. Im Gegensatz dazu verfügen die indigenen Familien über im Schnitt 0,5 ha. Von den vier um ihr Land kämpfenden Dörfer Ilom, Sotzil, Sacsiguán und Ixtupil verfügen zwei über eingetragenen Landbesitz. Jedoch sind ihre Dokumente alt, und es bestehen viele Unklarheiten, etwa über die tatsächliche Ausdehnung des Besitzes. In Guatemala wurde erst vor wenigen Wochen ein Gesetz beschlossen, das den nationalen Landkataster regelt. Im Kampf um ihr Land stoßen die DorfbewohnerInnen immer wieder auf Hindernisse. Viele sind des Spanischen nicht oder nicht ausreichend mächtig, um sich gegenüber den nationalen Behörden behaupten zu können. Der Umgang mit staatlichen Stellen ist in Guatemala allgemein problematisch. Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen während des Bürgerkrieges herrscht hier nach wie vor verbreitetes Misstrauen.

Trotz vieler Anstrengungen ist es bislang nicht gelungen, das Recht der Familien auf ihr Land durchzusetzen. Von den vielfältigen Gründen dafür ist der fehlende Wille von staatlicher Seite sicher der schwerwiegendste. Seit Mitte der 1990er Jahre werden die vier Dörfer von der guatemaltekischen Organisation von Bauern und Bäurinnen CONIC begleitet. Seit kurzem unterstützt auch die katholische Landpastoral die Familien. Bereits im Jahr 2000 wandte sich CONIC an FIAN mit der Bitte um internationale Unterstützung in diesem Fall. Seitdem haben FIAN-MitarbeiterInnen die Finca La Perla auf ihren "fact finding missions" besucht, bei Treffen mit RegierungsvertreterInnen mehrfach auf diesen Fall hingewiesen und sich für die Lösung dieses Landkonfliktes und die Umsetzung des Rechts auf Nahrung der BewohnerInnen der umliegenden Dörfer eingesetzt. Mittels regelmäßiger Eil- und Briefaktionen wird den guatemaltekischen Behörden regelmäßig in Erinnerung gerufen, dass der Fall der Finca La Perla auch außerhalb Guatemalas verfolgt wird.

Interamerikanische Menschenrechtskommission

Im Jänner dieses Jahres setzte der UN-Sonderberichterstatter Jean Ziegler den Fall auf die Agenda seines Guatemala-Besuches. Sein Bericht ist leider nach wie vor ausständig, doch betonte er bereits vor seiner Abreise den direkten Zusammenhang von fehlendem Zugang zu Land, einem nicht funktionierenden Rechtsstaat und dem in Guatemala verbreiteten Rassismus mit Armut und Unterernährung der ländlichen Bevölkerung.

FIAN bemüht sich, das Menschenrecht auf Nahrung in diesem Fall durchzusetzen. Mangels Fortschritten auf nationaler Ebene wird FIAN den Fall Finca La Perla vor die Interamerikanische Menschenrechtskomission bringen.


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Die Autorin ist Koordinatorin des Projektes Acompañamiento de Austria (ADA) in Guatemala.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.