Der World Summit on the Information Society (WSIS) geht in die zweite
Runde. Während es dort um die Vormachtstellung zur Kontrolle des
Internet geht, erprobt eine wachsende Gruppe von NetzkritikerInnen
alternative Modelle eines informationsbasierten Miteinanders.
Wikis, Blogs und freie Software die Entwicklung des "Netzes der Netze" stellt mit Sicherheit die radikalste Erneuerung der Kommunikationsstruktur seit Erfindung des Buchdrucks dar. Doch platzte zur Jahrtausendwende nicht nur die schöne heile Welt der "New Economy". Mit dem Ende der "Dotcom-Ära" verschwanden auch die Utopie einer "neutralen" Informationsgesellschaft und deren Illusion eines sich selbst regulierenden wie herrschaftsfreien Cyberspace. Nach der Ankunft in der Realität zeigt sich das Internet nunmehr als sozialer Raum, dessen Grenzziehung entlang altbekannter Kategorien wie Klasse, Geschlecht und ethnischer Herkunft verläuft und zu dessen Neugestaltung es eines Mehr an kulturpolitischer Verantwortung bedarf.
Vom Glück und Ende des Weltgipfels
Als die International Telecommunication Union (ITU) im Oktober 1998 die Idee der Veranstaltung eines Weltgipfels zur Informationsgesellschaft diskutierte, speiste sie diese in den globalpolitischen Prozess des UN-Systems ein: Der Weltgipfel sollte in zwei Phasen vom 10. bis 12. Dezember 2003 in Genf und vom 16. bis 18. November 2005 in Tunis durchgeführt werden. Als Teil der UN-Millenniums-Deklaration sieht der in Genf angenommene Aktionsplan vor, bis zum Jahr 2015 alle Dörfer der Welt miteinander zu vernetzen. Die Realität sieht heute freilich anders aus: 700 Millionen "OnlinerInnen" stehen 5,5 Milliarden "OfflinerInnen" gegenüber. Sicher, angesichts der akuten Armutsprobleme des Südens auf den ersten Blick wohl eher zweitrangig, ginge es hier nicht um den Zugang zu den Kernressourcen des Informationszeitalters schlechthin.
Denn dieser wird in Zukunft entscheiden, wer überhaupt an der Neugestaltung von Politik, Wirtschaft und Kultur in einer globalisierten Welt partizipieren kann. Ob der jetzige Weltgipfel zu einer Verbesserung der Situation beitragen wird, scheint fragwürdig: Beim WSIS ging und geht es um Macht und Geld, was die Interessenskonflikte in Bezug auf Finanzierung, Evaluation und Verwaltung einer globalen Informationsgesellschaft unvermeidbar macht, und somit für die Abschlusserklärung wohl erneut ein aussageloses Geflecht an leeren Worthülsen verspricht.
… zur Vergesellschaftung des Internet
Die AkteurInnen einer kritischen Internetkultur stellen dagegen offen die konservative, auf Profit orientierte "digitale Revolution" in Frage. Abseits herrschaftlicher Interessen aus Politik und Wirtschaft, geht es hier um die Vorstellung von Information und Kultur als einem gemeinschaftlichen Gut, dessen Erzeugung und Gebrauch nicht in der Hand einiger weniger liegen darf. Parallel zum WSIS findet dann auch die Konferenz und Ausstellung von World-Inormation.Org, einem internationalen Partnerprojekt der Netbase, in Bangalore/Indien statt: Unter dem Titel "World-Information City" werden Dynamik und Widersprüche einer globalisierten Informationswirtschaft untersucht, wobei das Hauptaugenmerk auf urbanen Transformationsprozessen durch neue Informations- und Kommunikationstechnologien, sowie der Problematik des "Geistigen Eigentums" liegt. Um auch hierzulande die nötige Resonanz und Öffentlichkeit zu schaffen, wird es am 18. November 2005 einen Wiener Aktionstag mit begleitendem österreichweitem Radioprogramm geben. Denn was mit der Entdeckung und kommerziellen Eroberung des Cyberspace begann, bedarf nunmehr einer gemeinsamen Anstrengung, um so den Zugang zum "Rohstoff Information" für alle zu ermöglichen.
https://www.itu.int/wsis/
https://world-information.org/bangalore
Informationen zum Aktionstag finden Sie hier.
Der Beitrag erschien zuerst in Progress 07/05.
Der Autor studiert Politikwissenschaft und Philosophie in Wien