Patente, Monopole und Hunger (III)

In einem dreiteiligen Beitrag analysiert der Autor Bedeutung und
Konsequenzen der Patentierung von Lebewesen und Pflanzen. Teil III:
Ausblick und Thesen.
Die Patentierung von Pflanzen und Tieren führt zu einer Monopolisierung im Saatgutbereich. Eine Hand voll multinationaler Unternehmen kontrolliert Forschung, Entwicklung und Verteilung des Saatguts. Die Folge ist eine systematische Abhängigkeit der Entwicklungsländer von der Technologieführerschaft des "Nordens". Patente und Gentechnik erzeugen somit das Gegenteil von Ernährungssouveränität.

Monopolisierung heißt auch Zentralisierung von Entscheidungen und Prozessen, letztlich also "Einfalt statt Vielfalt". Die Entscheidungen werden nicht nach dem ökologischen und sozialen Bedarf, sondern nach dem Kalkül eines maximalen "Shareholder Value" (Aktienwert) getroffen.

Die dezentrale traditionelle Züchtung wird immer mehr an den Rand gedrängt. Das ZüchterInnenprivileg wurde weitgehend aufgehoben und durch ein System von Zwangslizenzen ersetzt. Die Reste des LandwirtInnenprivilegs, nämlich Saatgut wiederverwenden zu können, werden weltweit ausgehebelt. Dies bedingt einen Verlust regionaler, Standort angepasster Züchtung und behindert die Weiterentwicklung vielfältigen Saatguts. Weitere genetische Erosionen sind die Konsequenz des gegenwärtigen Prozesses.

Die Zerstörung ländlicher Subsistenzgrundlagen

Der Zwang zu Saatgutwechsel, die Verteuerung des Saatguts durch Lizenzen, die verstärkte Marktanbindung und "Modernisierung" und die Gefährdung und Zerstörung der Grundlagen der Subsistenzfähigkeit drängen viele Klein- und Subsistenzbauern/-bäuerinnen aus der Produktion. In den meisten Entwicklungsländern besteht allerdings keine Kompensationsmöglichkeit (im Gegensatz zu den reichen Industrieländern). Es kommt zu einem globalen Strukturwandel, der eine Abwanderung in die Slums der Großstädte nach sich zieht.

Von Unterernährung betroffene Länder sind vorwiegend finanzschwache Agrarstaaten, die sich durch eine hohe Agrarquote und eine relativ starke Exportorientierung kennzeichnen. Wenn die unter Armut lebende Agrarbevölkerung dieser Länder (bis zu 70%) zusätzlich unter wirtschaftlichen Stress gesetzt wird, beispielsweise durch die Gefährdung der Selbstversorgung mit Saatgut, bestehen zusätzliche Gefahren für Unterernährung und Hunger.

Patente auf Pflanzen und Tiere: eine strategische Option der Multis

Das landwirtschaftliche Produktionssystem wird weltweit zunehmend industriell organisiert und orientiert sich an den möglichen Erträgen am Weltmarkt. Wenn der steigende Futtermittelbedarf Südostasiens und Chinas zur Fleischerzeugung oder die Produktionschancen für pflanzliche Rohstoffe (1) in den Industrieländern bessere Preise erbringen, dann richten sich Produktion und Handel dorthin aus. Multinationale PatentinhaberInnen haben die neuen globalen Märkte im Auge und setzen alles daran diese zu entwickeln. Die Verwaltung des Hungers bleibt der "Staatengemeinschaft" überlassen.

Patente sind ein Instrument, wenn nicht das wesentliche Instrument, um die Biologie und vor allem auch die Pflanzen als Basis menschlicher Ernährung neu zu kolonisieren und das offene Feld der genetischen Strukturen neu zu vermessen. Alle Gene, aber auch alle Lebewesen, können in ihren genetischen Bestandteilen der kapitalistischen Verwertungslogik zugänglich gemacht werden. Bei dieser Kolonisierung haben nur ganz Wenige das Kapital und die Technologie in Händen. Als SiegerInnenpreis winkt ihnen die globale Beherrschung der Ernährung oder zumindest das monopolartige Recht einer Privatsteuer auf jedes Stück Brot, auch auf das "Brot der Armen".

Die Patentierung von Pflanzen und Tieren muss zwar nicht zwingend zum Hunger führen, aber wenn der Zugang zu Saatgut in einem derartigen Ausmaß monopolisiert und die Ernährungssouveränität der Menschen derart untergraben wird, dann steigt das Risiko einer Verstärkung der globalen Hungerproblematik. Regionale Ernährungssysteme werden durch die eindimensionale Ausrichtung ökologisch anfällig und durch das fast zwangsweise Abhängigmachen der Bauern und Bäuerinnen, in Form von patentierten Technologiepaketen, ökonomisch destabilisiert. Patente können also Hunger machen.


1 Moderne pflanzliche Industrierohstoffe werden neuerdings auch als so
genannte "Bio-Treibstoffe" und "Bio-Rohstoffe" bezeichnet was nichts
mit Bio-Landbau zu tun hat. Auch ist der Handel dieser Rohstoffe am
Weltmarkt weitgehend liberalisiert. Dies bereitet große Probleme für
eventuelle regionale Selbstversorgungsansätze.

Der Beitrag beruht auf einem Vortrag, den der Autor im September 2005 bei einem Workshop des Paulo Freire Zentrums in Ried im Innkreis gehalten hat.

Der Autor ist Mitarbeiter der Bundesanstalt für Bergbauernfragen.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.