Die friedliche Eroberung Europas durch die Zapatistas. Eine „Reise für das Leben“

Unter dem Motto „für eine Welt, in die viele Welten passen“ ziehen die Zapatistas aus Mexiko um die Welt, um die europäische Eroberung Amerikas umzukehren. Der Anlass der Reise ist ein Erfahrungsaustausch mit dem Ziel, gemeinsam Wege „für eine gerechte und solidarische Welt zu finden, in der viele Welten Platz haben“.

Wer sind die Zapatistas?

Am 1. Jänner 1994 gingen die Zapatistas, eine soziale Bewegung aus indigenen Kleinbäuer*innen erstmals in Chiapas, Mexiko, an die Öffentlichkeit. Unter dem Motto „iYa basta! “ („Es reicht!“) gingen sie in Form eines Aufstandes gegen die autoritäre Regierung Mexikos, gegen Kapitalismus, Rassismus und Ausbeutung und für die Rechte der indigenen Bevölkerung auf Mexikos Straßen. In ihren rund 1.000 Gemeinden leben die Zapatisten heute eine alternative Lebensform, die auf Gleichberechtigung, Basisdemokratie, Selbstorganisierung und Solidarität beruht. Die Bewegung hat sich in den letzten Jahren weltweit ausgebreitet. Sie hat eine Ankerfunktion im globalen Widerstand gegen die neoliberale Ausbeutung von Menschen und Natur und gegen die Unterdrückung von ethnischen Minderheiten.

„Eine andere Welt ist möglich!“

Im 27-Jährigen Kampf gegen die mexikanische Regierung haben die Zapatistas
eine lokale Selbstverwaltung mit eigenem Schulsystem, eigenem Gesundheitssystem und eigener Rechtsprechung organisiert. Damit wurden sie zum wichtigen Motor einer weltweiten Vernetzung von Globalisierungskritiker*innen unter dem Motto „Eine andere Welt ist möglich!“.

„Reise für das Leben“ („El viaje para la vida“).

Um die Allianzen für eine solidarische Gesellschaft und ein gutes Leben für alle zu stärken, traten rund 177 Zapatistas im Sommer eine Reise nach Europa an. Hauptanlass der drei monatigen Reise war die Festnahme von zwei Zaptisten in Chiapas und der Anstieg der Gewalt gegen die Bewegung seitens der paramilitären Gruppen im Land.
Ziel der Reise war, Widerstände gegen den Kapitalismus zu vernetzen, Erfahrungen auszutauschen und Ideen zu einer gerechten Gesellschaft zu teilen. Für den Empfang der mexikanischen Delegation hat sich in Europa ein großes Netzwerk gebildet. In Österreich ist beispielsweise die Gruppe Zapalotta entstanden.

Die Zapatistas in Wien.

Bei der Ankunft der Zapatistas am 14. September in Wien hielt Subcomandante Moisés eine feierliche Begrüßungsansprache. In der Willkommensrede verweist der Hauptsprecher der zapatistischen Bewegung besonders auf die Ausbeutung durch den Kapitalismus. „Der Kapitalismus ist dabei das Leben der Natur zu stören. Die Natur wird sterben. Wer es nicht glaubt, wird es erleben.“ Die Zapatistas verweisen hier besonders auf den Klimawandel und plädieren für ein Leben im Einklang mit der Natur. „Wenn wir die Natur nicht respektieren, wird sie uns zeigen, dass sie die Mächtigste ist“. Hier verweist Moisés besonders auf die Vielzahl an Erdbeben und Überschwemmungen.

„Unsere Augen und unser Verstand müssen sich öffnen “.

Zur Illustration hält Moisés eine Plastikflasche in die Höhe und fragt: „Woher kommt diese Flasche und das, was drinnen ist? Woher kommt das Erdöl, mit dem wir fliegen? – Von der Mutter Erde.“ Die Bevölkerung Mexikos hätte das besonders durch den Bergbau erlebt, der mit Ausbeutung der Indigenen sowie mit Ungleichheit einhergehe. Zum besseren Verständnis hebt er in seiner Ankunftsrede eine Packung Weizen hoch. Er fragt: „Woher kommt der Reis, der Weizen, der Mais? – Von der Mutter Erde“. Unser Essen komme von der Mutter Erde. Dabei werde jedoch außer Acht gelassen, wie die Leute auf dem Land unter den damit einhergehenden Ausbeutungsbedingungen leiden.
An diesem Punkt kritisiert Moisés vor allem die Regierungen, die nichts gegen die Ungleichheiten unternehmen würden. Eine gemeinsame Vernetzung von Stadt und Land sei daher besonders wichtig. „Wir müssen gemeinsam die Mutter Erde verteidigen und bewahren. Denn sie ist diejenige, die uns das Leben gibt.“

Die Zapatistas als Ideenquelle für den Aktivismus in Wien.

Die Forderungen der Zapatistas, die in Wien vor allem vom Netzwerk Zapalotta unterstützt werden, werden hierzulande von vielen sozialen Bewegungen geteilt. Der Besuch in Österreich war daher ein ganz besonderer Anlass für eine Reihe von Vernetzungstreffen. Die Zapatistas nutzten den Austausch und nahmen an Protesten teil. Unter anderem gingen sie zusammen mit der feministischen Bewegung „Ni Una Menos Austria“ (dt.: „nicht eine weniger“) gegen Femizide und für Geschlechtergerechtigkeit auf Wiens Straßen. Weiteres nutzten die Zapatistas die Brunnenpassage und das Frauenzentrum im WUK (Werkstätten- und Kulturhaus) für Vernetzungsaktionen. Sie nahmen am weltweiten Klimastreik in Wien teil sowie am Protestcamp „Stop Lobau Autobahn“. Im Oktober reiste auch María de Jesús Patricio Martínez, genannt Marichuy, die erste indigene Präsidentschaftskandidatin Mexikos an. Eine Gelegenheit mit ihr zu sprechen gab es am 6. Oktober bei einer Filmvorstellung in Museumsquartier.

Die „Reise für das Leben. Zapatistas nach Österreich!“ brachte im September und Oktober neue Perspektiven in Debatten über globale Ungleichheiten, Rassismus, Kolonialismus und Unterdrückung ein. Es kam zu einem regen Ideenaustausch über Demokratie, Selbstverwaltung, Ökologie, Geschlechtergerechtigkeit und Selbstbestimmung.

Wie relevant sind die Inhalte der Bewegung für die Welt?

Die autonome, selbstversorgende und selbstverwaltete Lebensweise im Einklang mit der Natur steht im Gegensatz zur Ressourcenausbeutung, die auf die Kosten der Welt geht. Der erfolgreiche Aufbau der alternativen Gesellschaftsordnung abseits staatlicher Kontrollen ist für viele soziale Bewegungen ein Vorbild.
Durch den Besuch in Österreich wurde auch Wien zu einem der Zentren der Kämpfe für ein gutes Leben für alle Menschen. Die Zaptistas inspirierten vor allem mit ihrem Hauptziel, eine Alternative zum gegenwärtigen System zu errichten. Auf einer basisdemokratischen Gesellschaft beruhend sollen alle Menschen in Würde leben können.

Ein Film, der zum Weiterdenken anregt.

Den Besuch der indigenen Bewegung in Wien nahm Südwind als Anlass für eine Filmvorführung und Diskussion. Die Dokumentation „der Aufstand der Würde“, in der die Zapatistas zu Wort kommen, illustriert die Bedeutung der Gruppierung in Mexiko. Die Sprecher*innen erläutern wie es zur Ausbreitung der Bewegung kam. Ihre Ideen hätten Europa und dem Rest der Welt neue Hoffnung für „eine andere Welt, in die viele Welten passen“ gegeben. Weltweit nehmen viele soziale Bewegungen den Ansatz der Zapatistas in ihren Kämpfen auf. Die Bewegung diene daher als wichtige Inspirationsquelle, um über eine solidarische Gesellschaft nachzudenken.

„Wir bitten euch, dass ihr euch organisiert. Und in euren Ländern und Gemeinden gegen das Projekt des Neoliberalismus kämpft. Denn dieser hinterlässt auf der ganzen Welt Elend. Das ist unser Wort. Demokratie! Freiheit! Gerechtigkeit!“, so die Schlussworte eines Zapatisten im Film.

 

Die Autorin ist Mitglied des Redaktionsteams. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 

Weiterführende Links:

Die Rede von Subcomandante Moisés

Zapatistas in Wien

Zapatistas in Europa

Artikel „Von unten und von links“: Die Zapatistas – Konstrukteure einer alternativen Gesellschaft? von Raina Zimmering

Film: Der Aufstand der Würde.

 

Titelbild © flickr, creative commons

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Sozial-ökologische Transformationen, Gutes Leben für Alle.