In einem dreiteiligen Beitrag analysiert der Autor Bedeutung und
Konsequenzen der Patentierung von Lebewesen und Pflanzen. Teil II: Der
Saatgutmarkt Abkommen, AkteurInnen und Biopiraterie.
Das allgemeine Regime von gewerblichen Patenten und strengem Sortenschutz wurde 1994 bei der Gründung der Welthandelsorganisation (WTO) zum internationalen Standard erhoben. Entwicklungsländer mussten sich im Rahmen des TRIPS-Abkommens (Abkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte des geistigen Eigentums) verpflichten, den gewerblichen Rechtsschutz innerhalb bestimmter Fristen zu akzeptieren und zumindest Sortenschutzrecht für Pflanzen und Tiere einzuführen. Selbst wenn es den Entwicklungsländern noch erlaubt ist, im Rahmen eines eigenständigen Schutzrechtes das LandwirtInnenprivileg aufrecht zu erhalten, werden sie insbesondere von den USA und den großen multinationalen Konzernen gezwungen, einen stringenten patentähnlichen Sortenschutz festzulegen. Die "Order 81" aus dem Irak, von den USA erlassen, lässt diese Praxis besonders augenfällig werden: Sie verbietet den Irakischen Bauern/Bäuerinnen die Wiederverwendung geschützter Sorten. In einem Aufruf von 13 alternativen NobelpreisträgerInnen wird dies als "Verbrechen gegen die Menschheit" bezeichnet, ist der Irak doch auch Ursprungs- und Vielfaltszentrum unserer Getreidearten.
Saatgutmonopole: Agrochemie- und Pharmaziekonzerne
Da ab Anfang der 1980er Jahre abzusehen war, dass sich der Saatgutmarkt sowohl in technologischer Hinsicht (Gentechnologie) als auch in politischer und juristischer Hinsicht (Patent- und Sortenschutz) zunehmend beherrschen lassen würde, begannen sich multinationale Agrochemieunternehmen in den Saatgutsektor einzukaufen. Die Möglichkeit, Pflanzen an chemische Mittel anzupassen, daraus Technologiepakete zu entwickeln (herbizidresistente Gentech-Pflanzen) und diese dann an LandwirtInnen zu verkaufen, faszinierte die Unternehmen. Da die dynamische Weiterentwicklung der Gentechnik auch ein zentrales Moment für die Medizin-/Pharmazieforschung war, so interessierten sich auch die großen pharmazeutischen Konzerne plötzlich für landwirtschaftliches Saatgut.
Die weltweit zehn größten Saatgutkonzerne
SaatgutkonzerneLandUmsätze(Mio US-$)01. Pharmacia (Monsanto) + SeminisUSA2.80302. DuPont (Pioneer)USA2.60003. SyngentaSchweiz1.23904. Groupe LimagrainFrankreich1.04405. KWS AGBRD62206. Land O’LakesUSA53807. SakataJapan41608. Bayer Crop.scienceBRD38709. TaikiiJapan36610. DLF-TrifoliumDänemark32011. Delta & Pine LandUSA315Quelle: ETCGROUP
Der kommerzielle Saatgutmarkt, der jährlich 21 Mrd. Dollar Umsatz erwirtschaftet, wird von sechs multinationalen Pharmazie- oder Agrochemiekonzernen beherrscht. Die "Top-Drei" der Saatgut-Multis, Monsanto, Pioneer und Syngenta, sind Töchter der Groß-Multis Pharmacia, DuPont und Novartis. Monsanto und Syngenta zählen außerdem zu den weltweit führenden Herstellern von Pflanzenschutzmitteln, ebenso wie Bayer CropScience, das sich für das Vorantreiben der gentechnischen Pflanzenzucht in Europa federführend einsetzt.
Diese global agierenden Konzerne haben innerhalb der letzten 20 Jahre enorme Summen für den Aufkauf traditioneller Pflanzenzuchtunternehmen aufgewendet. Erst kürzlich hat Monsanto um 1,4 Mrd. US-Dollar Seminis, das global führende Gemüse- und Obstzuchtunternehmen, unter seine Fittiche genommen. Seither beherrscht Monsanto neben 41% Mais und 25% Soja, jetzt auch 31% Bohnen, 23% Tomaten, 38% Gurken und 25% Zwiebel im globalen kommerziellen Saatgutmarkt. Gentechnik und Patentierung von Pflanzen haben die enorme Konzentration der Pflanzenzucht und das Entstehen monopolartiger Strukturen stimuliert. Trotzdem repräsentiert der kommerzielle Saatgutmarkt derzeit "nur" ein Drittel der Weltsaatguterzeugung. Zwei Drittel werden nach wie vor von Bauern/Bäuerinnen selbst, sowie von öffentlichen und genossenschaftlichen Betrieben erzeugt. Durch die fortlaufende globale Modernisierung der Landwirtschaft verfügt der kommerzielle Saatgutsektor aber über enormes Wachstumspotential.
Zudem setzt sich in Industrieländern der Trend zu immer größeren Pflanzenpatenten, nicht zuletzt bedingt durch das automatische Ablesen der DNA-Codes der Pflanzengenome, fort. So hat beispielsweise Syngenta Patente auf die genetischen Grundlagen der allgemeinen "Blüten-Entwicklung und den Blüh-Zeitpunkt von Pflanzen" sowie der Samenbildung angemeldet. Der Konzern wartet außerdem auf Patenterteilungen, die umfassende Ansprüche auf das gesamte Reisgenom gewährleisten sollen.
Biopiraterie
Biopiraterie wird als illegale und illegitime Aneignung genetischer Ressourcen, die vorwiegend aus der "Dritten Welt" stammen, durch Konzerne und private Unternehmen verstanden.
Die Patentierung des Neem-Baumes: Der Nutzen des Neem-Baumes ist im Rahmen der traditionellen Ayurveda-Medizin in Indien seit Jahrhunderten bekannt. Die Patentierung der fungiziden Wirkung von Neembaumöl durch die US-Firma W.R. Grace lehnte das Europäischen Patentamt in München nach Einspruch globaler NGOs zwar ab, doch 22 von 65 beantragten Patenten waren bereits erteilt. Es wurde versucht, traditionelles Wissen zu patentieren und dessen Weiterentwicklung zu behindern.
Basmati-Reis-Patent: 1997 hat in den USA die Firma RiceTec Inc. ein Patent für Kreuzungen von 22 Reislinien aus Pakistan und Indien unter dem Namen "Basmati" beantragt. "Basmati" ist bekanntlich der traditionelle Name hochqualitativer aromatischer Reissorten aus Südasien. Damit hätte RiceTec den jährlichen Export an Basmati-Reis (der rund 277 Millionen US-Dollar beträgt) gefährdet und die Lebenssituation tausender Bauern und Bäuerinnen des Punjabs bedroht. Auf Druck Indiens wurden im September 2000 Teile der Patentansprüche zurückgezogen.
Der Beitrag beruht auf einem Vortrag, den der Autor im September 2005 bei einem Workshop des Paulo Freire Zentrums in Ried im Innkreis gehalten hat.
Lesen Sie in Teil III am 27. Oktober 2005: Ausblick und Thesen
Der Autor ist Mitarbeiter der Bundesanstalt für Bergbauernfragen.