In einem zweiteiligen Beitrag erklärt der Autor den Zusammenhang
zwischen Privateigentum und gesellschaftlicher Verteilung. Teil II: Die
Monopolrente.
EigentümerInnen des Bodens haben den Vorteil, durch ihr Verfügungsrecht einen Monopoltribut einfordern zu können. Besitzt jemand beispielsweise ein Stück Land in einer Randlage der Stadt Wien, so bestehen verschiedene Möglichkeiten: Es könnte auf dem Grundstück ein Wohnhaus gebaut oder ein Gewerbebetrieb eröffnet werden oder das Grundstück wird nur verpachtet, etwa an eine Gebrauchtwagenhändlerin. Diese parkt darauf einige ihrer Ausstellungsobjekte und einen Wohnwagen, den sie als Büro benutzt. Von der Autohändlerin fließt für die Benutzung des Bodens dem Eigentümer regelmäßig ein Pachtzins zu. Der Zutritt zum Monopolgut Grund und Boden wird so in einer Privateigentumsordnung mit einem Tribut belegt, der Eigentümer kommt zu einem leistungslosen Einkommen. Im Gegensatz zu jeder Unternehmerin, die von Zeit zu Zeit ihr Realkapital erneuern muss, im Gegensatz zu jedem Hausbesitzer, der von Zeit zu Zeit sein Dach flicken lassen muss, beziehen GrundrentnerInnen ein Einkommen, das nicht durch Reinvestitionmaßnahmen geschmälert wird. Die Höhe des Pachtzinses hängt dabei von der Bodengüte und der Nähe zum Marktgeschehen ab.
Ein unvermehrbares Gut
Dazu kommt: Grund und Boden ist ein unvermehrbares Gut. Je mehr Menschen die Erdoberfläche bevölkern, desto knapper wird der verfügbare Boden. Das bedeutet, dass es durch die Verknappung zu Wertsteigerungen des Bodens kommt, die sich für die EigentümerInnen natürlich ebenfalls pekuniär auswirken müssen. Neben den Bodenpreissteigerungen, die sich beim Verkauf von Grundstücken für die EigentümerInnen realisieren, kommt es immer wieder auch zu beträchtlichen Spekulationsgewinnen. Als etwa Ende der 1980er Jahre in Wien eine Weltausstellung geplant wurde, vervielfachten sich in einigen Stadtregionen die Bodenpreise. Es konnte festgestellt werden, dass es in Wien zwischen 1990 und 1993 zu einer Verdreifachung der Grundstückspreise kam – und das, nachdem das Weltausstellungsprojekt bereits langsam zurückgestellt worden war. (1) Auch in der Stadt Salzburg explodierten die Bodenpreise geradezu: Im Jahr 1981 kostete ein Quadratmeter eines Grundstückes noch durchschnittlich 93 Euro, fünf Jahre später waren es 148 Euro, 1991 dann 225 Euro und 1992 schließlich schon 320 Euro. Damit ergibt sich für eine Zeitspanne von elf Jahren eine Steigerung um 245 Prozent. (2)
Wohnungskosten: sozial unverträglich
Die steigenden Bodenkosten haben selbstverständlich die DurchschnittsverbraucherInnen, etwa bei der Bezahlung der Wohnmiete, zu berappen. Mit dem Privateigentum an Grund und Boden wird ein Zustand zementiert, der besonders in Zeiten steigender Wohnungskosten als sozial unverträglich bezeichnet werden muss. Zu Recht titelte die österreichische Tageszeitung "Der Standard" im September 1992: "Der private Wohnungsmarkt ist fast nur für die Reichen." (3) Obwohl das öffentliche Bewusstsein in der Bodenfrage reichlich unterentwickelt ist, hat man in einigen Ländern auf der politischen Ebene bereits zu reagieren begonnen. So unzulänglich manche der eingeleiteten Maßnahmen auch erscheinen mögen, eine Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen. In Dänemark wird über eine entsprechende Bodenbevorratungspolitik und über die Aufstellung von Bebauungsplänen eine vorausschauende Bodenbewirtschaftung durchzusetzen versucht, Hausbesitz und Grundbesitz unterliegen zudem einer getrennten Besteuerung. (4) In den Niederlanden wurden erleichterte Enteignungsverfahren gesetzlich verankert, die Vorkaufsrechte der Gemeinden bei Grund und Boden gestärkt und die Kommunalisierung von Grundstücken insgesamt stark forciert. (5)
Besonders drastisch: Situation in der "Dritten Welt"
Es wird nicht zu leugnen sein, dass sich das Bodenproblem heute in den Ländern der "Dritten Welt" besonders drastisch offenbart. Noch immer ist in diesen Regionen Grund und Boden der Produktionsfaktor Nummer 1. Die strukturellen Gegebenheiten sind stark geprägt durch den Großgrundbesitz, die monopolistische Ausrichtung tritt damit wesentlich klarer zutage. Zahllose kleine PächterInnen, sei es etwa in Lateinamerika oder in Asien, sind der Willkür der ländlichen Elite unterworfen. Vergleichbar der Einhegungsbewegung in Europa im Zeitalter der Industrialisierung, die Legionen von Kleinbäuerinnen und Kleinbauern ihrer Existenz beraubte, bestimmt heute der Großgrundbesitz in der "Dritten Welt" über den Zugang zu Grund und Boden und über die meist einseitige Orientierung in der Agrarproduktion. Nicht die Bedürfnisse der ortsansässigen Bevölkerung stehen dabei im Vordergrund, sondern eine auf Monokultur basierende Landwirtschaft, die von den Zwängen des Weltmarktes dominiert wird.
1 Dramatische Bodenpreis-Explosion. In: Die Presse, 15. 2. 1994, S. 172 Grundstückpreise in Salzburg schießen steil in die Höhe. In: Salzburger Nachrichten, 30. 9. 1994, S. 14.
3 Der private Wohnungsmarkt ist fast nur für die Reichen. In: Der Standard, 12. 9. 1992, S. 26
4 Martin Pfannschmied: Vergessener Faktor Boden. Marktgerechte Bodenbewertung und Raumordnung. Lütjenburg, 1990.
5 Jürgen Rosemann: Das Wohnungswesen in den Niederlanden. Geschichte, Instrumente, Resultate. Wien, 1992.
Der Autor ist Universitätsprofessor am Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte der Wirtschaftsuniversität Wien.