In einer
dreiteiligen Serie zeichnet die Autorin die Wandelbarkeit des Begriffs Eigentum nach
und zeigt Perspektiven für die Eigentumsforschung auf. Teil III: der Eigentumsbegriff in der Wissenschaft.
Wie aber sieht es aus mit dem deutschen Begriff "Eigentum" in seiner Funktion als forschungsleitender Begriff? Analytische Begriffe sind Modelle, Schlüssel gewissermaßen, welche Türen in die Geschichte aufsperren. Gleichgültig, ob es sich dabei um die "eigene" Vergangenheit handelt oder um eine als "fremd" definierte Kultur: Der anzuwendende analytische Begriff sollte möglichst offen sein, denn zu eng definierte, geschlossene Begriffe bringen die Gefahr mit sich, eine normative Herangehensweise zu begünstigen. "Eigentum", verstanden als Konzept einer liberalen Weltanschauung ist somit als analytischer Begriff unbrauchbar. Sollte er also ersetzt werden? Sind andere Begriffe, wie "Besitz", "Haben", "Vermögen" womöglich geeigneter? Ist eine "Eigentumswissenschaft", wie sie in den letzten Jahren gefordert wurde, nur für Westeuropa denkbar und nur für die Zeit der Moderne?
Eigentum meint vieles
Eine solche Begrenzung wirkt in mehrerlei Hinsicht unnötig beschränkend. Zum einen wird sie der Geschichte und womöglich auch der Zukunft des deutschen Begriffs "Eigentum" nicht gerecht. Denn "Eigentum" ist, wie viele andere Termini, so eng nicht zu verstehen. "Eigentum" meint und meinte etwas anderes im juristischen Kontext, in politischen Diskussionen, in sozialistischen Ideologien, im liberalen Denken, umgangssprachlich, während der Aufklärung oder im 21. Jahrhundert. Zum anderen würde auf diese Weise eine unnötige und wissenschaftlich wie politisch nicht unproblematische Exotisierung anderer Länder wie z.B. Russland stattfinden. Wenn wir von vornherein davon ausgingen, dass der Begriff des "Eigentums" nur auf westliche, moderne Länder anwendbar sei und andere Gesellschaften mit "neutraleren", scheinbar schwächer definierten Begriffen wie "Besitz" oder "Haben" gefasst werden sollten, dann hätten wir eine Zweiklassengeschichte: Wir und die Anderen. So bliebe der größere Teil der Welt praktisch aus der Geschichte ausgeschlossen. Die Notwendigkeit eines anderen Maßstabes wäre in wohl gut gemeinter kulturrelativistischer, aber problematischer Weise neu zementiert. Wenn Eigentum als Begriff bisher zu eng war, um die Welt zu verstehen, so können wir die Welt nicht ausschließen, sondern müssen unsere Begrifflichkeit erweitern.
Eigentum: kein neutraler Begriff
Wie nun aber, wenn wir den Begriff des Eigentums vollständig aus der Forschung verbannten? Keine "Eigentumswissenschaft", sondern eine "Vermögensforschung" etablierten? Eine größere Offenheit könnte so erreicht werden, und viele Missverständnisse wohl vermieden, indem die liberale Aufladung des Begriffes "Eigentum" umgangen würde. Gleichzeitig jedoch würde vieles verloren gehen: so die älteren und neuen Traditionen der Eigentumsforschung und die Anknüpfungsmöglichkeiten an die Wandlungen des Begriffes in der Geschichte. Das Moment der Veränderung, der Komplexität und der faszinierenden neuen Fragestellungen fehlt den denkbaren Alternativen wie "Besitz" oder "Vermögen". Gerade weil Eigentum ein so stark aufgeladener oder besser: aufladbarer! Begriff ist, ist er anderen Termini vorzuziehen. Offen verstanden, in seiner veränderlichen Historizität begriffen und bewusst als analytisches Wort- und Assoziationsfeld eingesetzt, ermöglicht er einen reizvolleren und breiteren Blick als das engere "Besitz".
Und schließlich wird durch den Begriff "Eigentum" und seine verschiedenen Konnotationen auch ein Blick aus dem Elfenbeinturm der Wissenschaft heraus erzwungen. Eigentum ist kein neutraler Begriff und kein neutrales Phänomen, es wurde und wird zu Recht intensiv diskutiert, verteidigt und angegriffen. Kulturgeschichte kann dazu beitragen, diese Diskussionen zu bereichern und auf solide Grundlagen zu stellen, indem sie empirische Beispiele für verschiedene Eigentumskulturen sammelt und damit auch die theoretische und methodische Ebene ergänzt. Eigentum war und ist in Bewegung, es ist kein fest gefügtes, normativ zu betrachtendes Axiom gesellschaftlichen Funktionierens, sondern es ist ein kulturelles Konstrukt und damit ein Gegenstand sozialen Zusammenlebens und politischer Herrschaft. Als solches muss es in der Kulturgeschichte betrachtet werden.
Literaturhinweise
– Hannes Siegrist, David Sugarman (Hg.): Eigentum im internationalen Vergleich. 18.-20. Jahrhundert. Leipzig 1999.
– Lee. A Farrow: Between Clan and Crown. The Struggle to Define Noble Property Rights in Imperial Russia. Newark 2004.
– Richard Pipes: Property and Freedom. New York 1999.
– Nicole Grochowina (Hg.): Geschlecht und Eigentumskulturen. Themenheft der Zeitschrift Comparativ, Jahrgang 2005, Heft 4. (im Druck)
Die Autorin ist wissenschaftliche Mitarbeiterin des Instituts für Geschichtswissenschaften an der Humboldt Universität Berlin.