Am 16. Juni 2005 fand der dritte Workshop in Vorbereitung der Österreichischen Entwicklungstagung 2005 statt.35 TeilnehmerInnen folgten der Einladung von AGEZ, Arbeiterkammer Wien, Attac, Fair Trade und Paulo Freire Zentrum in den Sitzungssaal des Anna-Boschek Hauses der Arbeiterkammer. Gerald Faschingeder, der Direktor des Freire-Zentrums, betonte in seiner kurzen Einleitung den Zusammenhang von Solidarökonomie und Eigentumsfrage (dem Thema der Entwicklungstagung 2005). Dabei gehe es unter anderem um den gemeinsamen Besitz an den Produktionsmitteln als Antwort auf eine zunehmende Privatisierung und die damit verbundenen weltweiten Enteignungsprozesse. Er warf die Frage auf, ob angesichts der vorherrschenden Verhältnisse die Solidarökonomie wirklich zur Verbesserung der Lebensbedingungen in Entwicklungsländern beitragen könne.
Drei kurze Referate standen am Beginn der Diskussion. Als besonderer Gast konnte der chilenische Solidarökonom Luis Razeto Migliaro für die Veranstaltung gewonnen werden, zudem sprachen Barbara Studeny (Fair Trade Österreich) und Eva Dessewffy (Arbeiterkammer Wien).
Der Faktor "C"
Luis Razeto Migliaro stellte das Konzept der Solidarökonomie vor. Anfang der 1980er Jahre hätte man zum ersten Mal versucht, die beiden Begriffe Solidarität und Ökonomie zu vereinen. Solidarökonomie sei die Einführung des Prinzips der Solidarität in den Wirtschaftsprozess. Solidarisch produzieren, konsumieren und akkumulieren sei eine Alternative zum kapitalistischen Wirtschaftssystem. Im Kapitalismus würde es zu einer Verzerrung kommen, indem man die Interessen des Kapitals über die Bedürfnisse der Menschen stelle. Das führe zu Ineffizienzen, weil man die ärmeren Bevölkerungsschichten großteils aus dem Wirtschaftsprozess ausschließe. Die Ressourcen und Möglichkeiten der Einkommensschwachen oder Arbeitslosen blieben dabei aber ungenutzt. Solidarökonomie versuche, auch deren Kapazitäten in das Wirtschaftsgeschehen einzubinden, und sei deshalb effizienter als der Kapitalismus. Als wesentliches Element der Solidarökonomie nannte Razeto einen neuen Produktionsfaktor, den er als Faktor "C" bezeichnete. Dies sei die Kraft der Solidarität, die aus der Vereinigung der gemeinsamen Ressourcen entstehe. Durch die Freude und Emotionen komme es zu einer Freisetzung von Energien, welche die Produktivität beträchtlich erhöhen würden.
Fair Trade ein Weg zu gerechteren Verhältnissen im Welthandel?
Barbara Studeny von Fair Trade Österreich erläuterte das Konzept vom gerechten Handel. Transnationale Unternehmen beuteten Arbeit und Böden aus und drängten kleinbäuerliche Strukturen vom Markt. Als Folge könne man Landflucht und wachsende Slums in den Städten beobachten. Der freie Wettbewerb ohne Regeln führe dazu, dass die Länder mit den geringsten Arbeits- und Umweltstandards am kostengünstigsten produzieren könnten. Demgegenüber wolle Fair Trade bewusst kleine Wirtschaftsstrukturen fördern. Ein direkter Vertrieb ohne ZwischenhänderInnen, faire Mindestpreise und langfristige Abnahmevereinbarungen sollen den Menschen in Entwicklungsländern helfen, ihr Überleben zu sichern. Fair Trade sei daher eine Möglichkeit, langfristige Armutsbekämpfung zu betreiben, indem man den verarmten ländlichen Bevölkerungsschichten eine Möglichkeit biete, am Wirtschaftsprozess teilzuhaben. Allerdings versuche man nicht, in bestehende Besitzverhältnisse einzugreifen.
Arbeitsrechtliche Mindeststandards
Eva Dessewffy von der Arbeiterkammer Wien beschrieb die Rolle der ArbeitnehmerInnenrechte im Welthandel. In der International Trade Organisation (ITO), der Vorgängerin der Welthandelsorganisation (WTO), habe man bereits 1947 erkannt, dass unfaire Arbeitsbedingungen eine Störung des Welthandels nach sich ziehen würden. Dieser Gedanke sei in der WTO nicht mehr vorzufinden. Auf dem Papier unterstütze man zwar die Einführung von Kernarbeitsnormen wie Vereinigungsfreiheit, Kollektivvertragsfreiheit oder etwa der Gleichbehandlung von Frauen und Männern, Schritte zu deren Implementierung stünden aber bisher noch aus. Zum einen seien Kernarbeitsnormen deshalb wichtig, weil sie wesentliche Verteilungsfragen beinhalteten. Zum anderen würden sie sowohl in Entwicklungs- als auch in Industrieländern wirtschaftliches Wachstum fördern. Nur bei gerechter Einkommensverteilung könne langfristiges Wirtschaftswachstum aufgrund einer steigenden Binnennachfrage erzielt werden.
Solidarökonomie und fairer Handel: ein Fortschritt?
Die Referate führten zu hitzigen Diskussionen. Führen Solidarökonomie und fairer Handel tatsächlich zu Verbesserungen? Fair Trade wurde kritisiert, weil es zwar die Folgen der ungerechten Spielregeln im Welthandel bekämpfe, diese aber nicht als Ursache von Unterentwicklung thematisiere. Zusätzlich sei es eine ineffiziente Art, Handel zu betreiben und beruhe auf Opferleistungen von reichen KonsumentInnen. Dagegen wandte Barbara Studeny von Fair Trade ein, dass die niedrigen Kosten "normaler" Produkte nur durch Ausbeutung von Mensch und Natur erzielt werden könnten. Fair Trade sei deshalb nicht ineffizienter, sondern reflektiere eben die tatsächlichen Produktionskosten und garantiere zusätzlich eine hohe Qualität der Produkte.
Angesichts einer fortschreitenden weltweiten Entsolidarisierung wollte man von Luis Razeto wissen, wie nun konkrete Schritte in Richtung Solidarökonomie aussehen könnten. Dieser meinte, dass Solidarökonomie nicht auf den Welthandel angewiesen sei. Lokale Bedürfnisse könnten mit lokalen Ressourcen gedeckt werden. Viele Initiativen in Lateinamerika würden beweisen, dass das Konzept erfolgreich sei. Leider ging Razeto nicht auf den (alternativen) Begriff des Eigentums in der Solidarökonomie ein, was wesentlich zum Verständnis beigetragen hätte. Andere Aspekte des Themas fielen der begrenzten Zeit zum Opfer und mussten verschoben werden: Die Entwicklungstagung 2005 zum Thema Eigentum findet von 18.-20. November in Linz statt.