Open Source: gegen Eigentum und Warenform? (IV)

Open Source erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wie ist aber ein
kollektiver und nicht ausschließlich ökonomisch motivierter
Schaffensprozess mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise
vereinbar, die auf Privateigentum und Warenform beruht? Vierter und
letzter Teil.
Aus der Perspektive der Kritik der bürgerlichen ökonomischen Theorie ist privates Eigentum an Produktionsmitteln und Arbeitsprodukten im Kapitalismus die Voraussetzung zur Produktion und Realisation von Mehrwert, der Zwang zur Verwertung ist wesentliches Merkmal kapitalistischer Produktionsweise. Die Argumentation der ApologetInnen der Eigentumssicherung basiert auf einer oberflächlichen, ahistorischen Theorie, die häufig zudem als ideologisches Beiwerk dient, wenn sie behauptet, das individuelle Streben nach "Mehr" käme zugleich dem Gemeinwohl zugute. Die VerfechterInnen gesicherter Eigentumsrechte für Software argumentieren insofern ganz im Sinne dieser Funktionslogik: Soll Software als solche, als "eigenständiges, einzelnes Produkt" verkauft werden (soll also ihr Mehrwert realisiert werden), so darf sie nicht überall kostenlos zur Verfügung stehen, dann muss sie künstlich abgegrenzt, verknappt werden. Alle juristischen und technologischen Instrumente und Maßnahmen, die in irgendeiner Form dem Ziel dienen, den freien Zugang bzw. die kostenlose Nutzung dieser Software einzuschränken, dienen dabei als notwendiges Mittel der Verwertung.

Open Source: Gute Idee falsches System?

Aber auch wenn sich Software als solche nicht so einfach in eine gut zu verkaufende Ware verwandeln lässt, wenn sich exklusive Eigentumsansprüche darauf wie im Fall von Open Source Software nicht so einfach durchsetzen lassen, fällt sie nicht automatisch aus der kapitalistischen Verwertungslogik. Open Source Software auch wenn sie sich als geistiges Produkt zunächst der Warenförmigkeit, der Verkaufbarkeit zu entziehen scheint zerstört das herrschende Eigentumsregime also keineswegs. Genauso wenig bedrohlich waren (bislang) öffentliche Bibliotheken oder ganz allgemein die Weitergabe von Wissen in Forschung und Lehre. Vielmehr ist Open Source Software ein aktuelles Beispiel für eine Marktgesellschaften inhärente, permanente Spannung zwischen dem privaten Einschluss von Wissen und dem gesamtgesellschaftlichen Zugang dazu.
Gesellschaftliche Kooperation als Entstehungsbedingung von Wissen kommt im Rahmen kapitalistischer Produktionsweise jedoch mit der Notwendigkeit des Einzelkapitals, Wissen exklusiv zurückzuhalten, um es verwerten zu können, in Konflikt. Dieser Widerspruch zwischen der Zirkulationsebene (in Waren vergegenständlichtes Wissen soll exklusiv sein) und der Produktionsebene (Wissen kann nur gesellschaftlich generiert werden) wird mit Hilfe rechtlicher Maßnahmen zum Schutz geistigen Eigentums, u.a. dem Patentsystem, zu kompensieren versucht. Dies spiegelt den Widerspruch der kapitalistischen Vergesellschaftungsform wider.

Über Open Source hinaus

Die Produktionsweise von Open Source Software widerlegt die These der herrschenden bürgerlichen ökonomischen Theorie, dass nur Privateigentum Anreiz für Produktivität, Effizienz und Innovation schaffen würde. Und der Arbeitsanreiz, der nach herrschender Auffassung nur generiert wird, weil die eigene Arbeit exklusiv verwertet werden kann, ist keine allgemeingültige oder gar natürliche Eigenschaft des Individuums, sondern Ausdruck einer Handlungsrationalität, die in der kapitalistischen Logik begründet liegt: Privates, ausschließliches Eigentum sei Voraussetzung dafür, dass ein Ding – sei es materiell oder immateriell – überhaupt zur Ware werden kann.

Damit dürfte deutlich geworden sein, dass die eigentumssichernden Maßnahmen gar nicht so sehr das Kernproblem darstellen sie sind vielmehr nur das Mittel, welches dazu dient, den Zweck kapitalistischer Produktion (Gewinnerzielung) zu gewährleisten. Indem nun allgemein gegen private und ausschließende Aneignung von Wissen und im Besonderen gegen die privatrechtlich abgesicherte Geheimhaltung von Source Code gekämpft wird, ohne dabei den Zweck dieses Handelns (die Verwertungslogik) in Frage zu stellen, bleibt das oben beschriebene Spannungsfeld bestehen und stellt einen stets und ständig umkämpften Raum dar. Solange der Zweck der herrschenden Wirtschaftsweise nicht zur Disposition steht, kann es also nur darum gehen, den offenen Zugang zu Wissen zu erhalten und zu erweitern. Dies ist aber nicht einfach eine Frage von alternativen Geschäftsmodellen, sondern von sozialen Kämpfen um ein öffentliches Gut. Derartige Kämpfe sollten sich nicht auf das Thema Software beschränken.

Lydia Heller ist ist freie Radiojournalistin und lebt in Berlin.
Sabine Nuss ist Politologin und Redakteurin der Prokla.

Die Langversion (pdf) dieses Artikels ist auf der Website von Sabine Nuss
zu finden und wurde in: Robert A. Gehring und Bernd Lutterbeck (Hg.):
Open Source Jahrbuch 2004. Zwischen Softwareentwicklung und
Gesellschaftsmodell. Berlin, 2004. erstmals veröffentlicht.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.