Open Source erfreut sich immer größerer Beliebtheit. Wie ist aber ein
kollektiver und nicht ausschließlich ökonomisch motivierter
Schaffensprozess mit einer gesellschaftlichen Produktionsweise
vereinbar, die auf Privateigentum und Warenform beruht? Teil II einer
vierteiligen Serie.
Trotz Ausbreitung und zunehmender Akzeptanz von Open Source sind Geheimhaltung und exklusive, das heißt ausschließende, Verwertung von Wissen in der Softwareindustrie die gängigen Strategien. Microsoft äußerte sich diesbezüglich: "Open Source ist ein Zerstörer intellektuellen Eigentums." (O-Ton Microsoft Executive Jim Allchin, zit. aus: OS-Summit-Report 2002: 86).
Property Rights Theory
Kapitalistische Marktgesellschaften basieren maßgeblich auf der Institution des Privateigentums. Theoretisches Erklärungsmodell ihrer eigentumsrechtlichen Konstruktion bildet die sogenannte Property Rights Theorie. Sie entstammt der neoklassischen ökonomischen Analyse von Institutionen. Eine der zentralen Aussagen ist, dass nur private Eigentumsrechte einen effizienten Umgang mit knappen Ressourcen gewährleisten und Anreiz zur Erhöhung der Produktivität bieten. Eine Verteilung der Eigentumsrechte auf mehrere Personen (kollektives Eigentum) oder die Beschränkung der Durchsetzbarkeit einzelner Property Rights hingegen führe zu unwirtschaftlichem Verhalten hinsichtlich der betroffenen Güter. Dies liegt dem Property Rights Ansatz zufolge daran, dass die ökonomischen Folgen der Handlungen einzelner Individuen im Falle gemeinschaftlichen Eigentums nicht in vollem Ausmaß von den Individuen getragen werden müssen, was auf lange Sicht die gemeinschaftlich genutzten Ressourcen erschöpfen kann die sogenannte "Tragik der Allmende" (1) (vgl. auch Hardin 1968).
Die "Arbeitstheorie des Eigentums"
Die "Väter" dieser Property Rights Theorie stehen in der Tradition der bürgerlichen Eigentumstheorie, die auf John Locke und dessen Schrift "Über die Regierung" (1690) zurückgeht. John Lockes historische Leistung war es, individuelles Eigentum im Rahmen des Naturrechts zu rechtfertigen, indem er sich auf das von ihm so genannte "erste Naturgesetz" berief: Die Schöpfung und damit auch die Menschen müssen erhalten bleiben. Dazu aber muss sich der Mensch in irgendeiner Form Nahrung verschaffen. Diese Tätigkeit nun, das Pflücken einer Frucht beispielsweise, betrachtete Locke bereits als individuelle Aneignung, wobei diese und dies ist der Springpunkt das Recht auf Eigentum begründet.
Dieser rein physische Vorgang die Vermischung von Arbeit und Natur diente Locke als Begründung für a) das individuelle Aneignungsrecht und b) die Effizienz von Privateigentum: Arbeit = Aneignung = Privateigentum, so die Gleichung. Die Property Rights Theorie kann als die moderne Fort- bzw. Ausführung der bürgerlichen Eigentumstheorie angesehen werden. Einer ihrer wichtigsten Vertreter ist der US-amerikanische Nobelpreisträger Douglass C. North. Er untersuchte die Wirkung von Privateigentum bzw. von, wie er es nennt, "gesicherten Eigentumsrechten" und kommt zu dem Schluss, dass Länder, deren Staaten gesicherte Eigentumsrechte durchsetzen konnten und können, eine effizientere Wirtschaftsleistung generierten und generieren als Länder, die über wenig oder keine gesicherten Eigentumsrechte verfügen.
Homo oeconomicus, Knappheit und "öffentliche Güter"
Neben der bürgerlichen Eigentumsauffassung nach Locke basiert die Property Rights Theorie auf zwei weiteren, aus der neoklassischen ökonomischen Theorie stammenden Prämissen. Zum einen werden nach individueller Nutzenmaximierung strebende Wirtschaftssubjekte unterstellt, zum anderen wird eine gemessen an der Unbegrenztheit der Bedürfnisse herrschende Knappheit an Nutzen stiftenden Gütern (Produkte, Dienstleistungen, aber auch freie Zeit) angenommen. Davon ausgehend kommt die Theorie zu dem Ergebnis, dass die alloziierende Wirkung des Marktes durch Preise, und nach der Northschen Ergänzung auch mittels gesicherter Eigentumsrechte, zu einer effizienten Produktion und optimalen Verteilung der knappen Güter führen würde.
An dieser Stelle könnte man einwenden, dass gerade bei Open Source Software keine Knappheit vorliege, da Software ohne Qualitätsverlust und ohne größeren, zusätzlichen Kostenaufwand beliebig oft kopierbar ist. Nun hat die herrschende ökonomische Theorie dies durchaus berücksichtigt und hält eine Theorie nicht knapper Güter bereit, wozu sich auch Informationsgüter wie Software zählen lassen. Mit dem Begriff der "öffentlichen Güter" sollen spezifische Produkte, die nicht oder sehr schwer eingegrenzt werden können (z.B. allgemein "Wissen") theoretisch fassbar gemacht werden.
Nun sind zwar öffentliche Güter per se nicht knapp, dennoch werden auf sie die Grundprinzipien der Property Rights Theorie angewendet: Bei öffentlichen Gütern so die Theorie wäre es zwar kurzfristig optimal, sie zu Grenzkosten (kostenlos) abzugeben. Z.B. Wissen könne sich so schnell verbreiten und dem Fortschritt der Gesellschaft insgesamt dienen. Da aber die Kosten für Nachahmung niedriger seien als die Kosten für Innovation, bestehe langfristig kein hinreichender Anreiz mehr, ausreichend neues Wissen zu schaffen und ein wesentlicher Wachstumsmotor käme ins Stocken. Zur Kompensation dieses "Trade Offs" zwischen Allgemeinwohl und Effizienz werden nun spezifische Instrumente des Privateigentumsrechts (z.B. Patente) empfohlen. Dies entspricht der Argumentation, die für die Wahrung und Ausweitung von privaten Rechten an geistigem Eigentum (nicht nur im Internet) vorgebracht wird.
(1) Allmende: Kollektiveigentum an öffentlichen Ressourcen: Felder, Weiden, Fischteiche
Lesen Sie im am 10. Mai 2005 im dritten Teil der Serie über die Kritik der Property Rights Theorie
Lydia Heller ist ist freie Radiojournalistin und lebt in Berlin.
Sabine Nuss ist Politologin und Redakteurin der Prokla.
Die Langversion (pdf) dieses Artikels ist auf der Website von Sabine Nuss
zu finden und wurde in: Robert A. Gehring und Bernd Lutterbeck (Hg.):
Open Source Jahrbuch 2004. Zwischen Softwareentwicklung und
Gesellschaftsmodell. Berlin, 2004. erstmals veröffentlicht.