In Vorbereitung der Entwicklungstagung 2005 luden Südwind Tirol, das
Philosophische Cafe und das Paulo Freire Zentrum am 21. April 2005 zu
einem Workshop ins Innsbrucker Cafe Sinne.
(Von links nach rechts: Veronika Knapp, Kornelia Hauser, Gerald Faschingeder, Reinhard Pirker, Wolfgang Palaver. Foto: Ines Zanella)
Gerald Faschingeder, Direktor des Paulo Freire Zentrums, gab zu Beginn
einen kurzen Überblick über den entwicklungspolitischen
Reflexionsprozess, zu dem auch der Workshop in Innsbruck gehört. Nach
der Entwicklungstagung in Graz 2005 sei erkannt worden, dass viele
entwicklungspolitische Probleme mit der Frage des Eigentums verbunden
seien.
Globalisierung bedeute eine Umgestaltung der Eigentumsverhältnisse, die oftmals als Umverteilung von unten nach oben ablaufe. Die
Privatisierung von öffentlichen Dienstleistungen, Biopiraterie oder das
Vertragswerk der Trade-Related Aspects of Intellectual Property Rights (TRIPS) stellen solche Umgestaltungsprozesse von Eigentum dar.Eigentum als verdrängter Begriff müsse daher wieder thematisiert werden, wenn man der derzeitigen Entwicklung entgegentreten wolle.
Der erste Teil des Workshops umfasste vier kurze Vorträge, die das Thema Eigentum aus soziologischer (Veronika Knapp), feministischer (Kornelia Hauser), ökonomischer (Reinhard Pirker) und theologischer (Wolfgang Palaver) Sichtweise betrachteten. Im zweiten Teil wurde aufbauend auf den Vorträgen in Kleingruppen über alternative Konzepte und Strategien im Hinblick auf die Eigentumsfrage diskutiert.
Die Erziehungswissenschafterin Veronika Knapp (Südwind Tirol) betrachtete die Eigentumsfrage aus soziologischer Perspektive. Durch Vergleiche von verschiedenen Eigentumsdefinitionen machte sie deutlich, dass Eigentum nicht nur das Verhältnis von einer Person zu einer Sache beschreibe, sondern vor allem ein soziales Phänomen sei. Karl Marx habe den ausschließenden Charakter von Eigentum betont, der als gesellschaftliches und historisches Phänomen betrachtet werden müsse, aber nicht "natürlich" sei.
Sie wies darauf hin, dass Privateigentum eine Voraussetzung für kapitalistische Gesellschaftssysteme sei. Die Unterscheidung in Eigentum an Konsumgütern und Eigentum an Produktionsmitteln spiele dabei eine wesentliche Rolle. Während der Allgemeinheit Eigentum an Konsumgütern großteils zugestanden werde, nicht zuletzt, um die Menschen politisch zu befrieden, konzentriere sich Eigentum an Produktionsmitteln in den Händen einiger weniger.
Marx verstand kapitalistisches Eigentum als jenes, das auf der Ausbeutung fremder Arbeit beruhe. Die Trennung von Eigentum und Arbeit habe zur Folge, dass die Besitzenden nicht arbeiten, während die Arbeitenden nichts besitzen. Diese Trennung führe folglich zur Entfremdung von Arbeit. Knapp versteht die Geschichte des Kapitalismus als eine Geschichte der Trennung von ursprünglich zusammen Gehörendem.
Kornelia Hauser, Soziologin am Institut für Erziehungswissenschaften an der Universität Innsbruck, betonte den Zusammenhang zwischen der Eigentumsfrage und der Geschlechterfrage. Als marxistische Feministin wies sie darauf hin, dass Marx das erste Klassenverhältnis zwischen Mann und Frau gesehen habe. Die Arbeitsteilung in Hand- und Kopfarbeit ermögliche diese Klassentrennung, die letztendlich dazu führe, dass sich der Mann zum Eigentümer über die weibliche Produktionskraft mache.
Anschließend knüpfte Hauser an Heiner Müllers Drama "Zement an, um
darzulegen, was es für das Geschlechterverhältnis bedeute, wenn Marx
die Menschen als Ensemble gesellschaftlicher Verhältnisse sieht. Die
Begehrensstrukturen trügen unsere gesellschaftlichen Strukturen in
sich, es gebe daher so etwas wie "inneres Eigentum.
Reinhard
Pirker, Ökonom an der Wirtschaftsuniversität Wien, behandelte die
Eigentumsfrage aus wirtschaftswissenschaftlicher Perspektive. Er
kritisierte, dass der Diskurs über die Eigentumsfrage viel zu eng
geführt werde.
Die Episteme unserer Epoche, das heißt die unbewusste Struktur des
Denkens, verhindere einen offenen Diskurs. In der vorherrschenden
orthodoxen ökonomischen Theorie werde die Eigenverantwortung im
Eigentum als motivierende Kraft bei wirtschaftlichen Transaktionen
betrachtet. Durch die Internalisierung externer Effekte führe der freie
Markt diesem Schema zufolge zu individuellem Wohlstand und sozialer
Stabilität. Diese Betrachtungsweise unterstütze den
wirtschaftspolitischen Privatisierungskurs,
(Foto: Ines Zanella)
die allumfassende
Ausdehnung privater Eigentumsrechte bei gleichzeitiger Zurückdrängung
des Staates. Eigentum solle, so Pirker, aber nicht nur als effizientes Produktionsmittel betrachtet werden, sondern vorwiegend als Macht- und Herrschaftsinstrument. In der vorherrschenden ökonomischen Theoriekonzeption, die er als individuelle Anreizlehre bezeichnet, gebe es keine Theorien, um die strukturierende Funktion des Staates oder anderer Formen von Eigentum zu erklären und deren Notwendigkeit aufzuzeigen.
Wolfgang Palaver, Theologe an der Universität Innsbruck, untersuchte die Eigentumsfrage aus Sicht der katholischen Soziallehre. In dieser werde das Recht auf Eigentum anerkannt und als notwendig erachtet. Gott habe dem Menschen alle Eigentümer übergeben. Privateigentum diene als Mittel, diese Übergabe festzuhalten und sie zu institutionalisieren. Da aber die Güter dieser Erde für alle bestimmt seien, liege auf dem Eigentum eine soziale Hypothek. Das Recht des Eigentums und des freien Tausches seien daher der Gerechtigkeit und der Liebe untergeordnet, Privateigentum sei für niemanden ein unbeschränktes Recht, sondern immer im Hinblick auf das Gemeinwohl zu betrachten.
(Foto: Ines Zanella)
Im zweiten Teil der Veranstaltung fand dann die Reflexion statt. In
Kleingruppen wurde über die Kurzreferate gesprochen und über
Alternativen zur konventionellen Praxis im Umgang mit Eigentum
nachgedacht.
In drei Gruppen kam man zu dem Ergebnis, dass eine
vollständige Kollektivierung von Eigentum weder durchführbar noch
sinnvoll sei. Die Diskussionen drehten sich unter anderem um die Frage,
inwieweit private Eigentumsrechte notwendig seien und ab wann sie dem
Gemeinwohl entgegenstünden.
Durch die Komplexität des Themas konnten in der knappen Zeit wenige konkrete Lösungsvorschläge erörtert werden. Umso mehr bedarf es der Fortführung des Reflexionsprozesses, um die vielen offen gebliebenen Fragen weiter zu diskutieren und sich so möglicher alternativer Zugänge und Lösungen der Eigentumsproblematik zu nähern.
Der Autor studiert Internationale Betriebswirtschaft in Innsbruck und ist Praktikant am Paulo Freire Zentrum.
Lesen Sie auch:
Bericht vom Workshop: Was ist Eigentum?