Jobverlust, Politisierung, Landbesetzung. Zwei BrasilianerInnen waren am Paulo Freire Zentrum zu Gast.
Luiz Damasio de Lima war 25 Jahre alt, als er seinen Job als Zuckerrohrarbeiter in Brasilien verlor. Politisiert durch die Comisión Pastoral de la Tierra (CPT, kirchliche Kommission für Landseelsorge) beteiligte er sich an einer Landbesetzung. Gemeinsam mit Tania Maria de Sousa von der CPT gab Luiz Damasio de Lima am 8. Dezember 2004 in Wien darüber einen Bericht.
Die Landbesetzung sollte 14 Monate dauern. "Die 14 Monate waren schwer", erzählte Luiz Damasio de Lima den ZuhörerInnen im Paulo Freire Zentrum in Wien. Aber es habe sich gelohnt: Die Gruppe von BesetzerInnen erhielt Land zugesprochen. Sie organisierten sich in einem Verein (neun Gemeinden mit 200 Familien), in dem interne Probleme besprochen werden und Interessenvertretung betrieben wird: denn staatlich zur Verfügung gestellte Infrastruktur ist keine Selbstverständlichkeit. Auch die gemeinsame Vermarktung der Erzeugnisse sei deutlich effizienter. Die Produkte werden an vier Orten gemeinsam verkauft, so spart man sich ZwischenhändlerInnen. Probleme der Wasserversorgung wurden durch zentral gelegene Teiche und Zisternen gelöst. Eine Diversifizierung der Produktion erhöht die Unabhängigkeit der BewohnerInnen. Die Selbstorganisation der ProduzentInnen hebe das Selbstbewusstsein und ändere die Einstellung zur Produktion: Ein sorgfältiger Umgang mit der Umwelt zeige sich in der Umstellung auf biologische Erzeugung.
Die Fragen der ZuhörerInnen konzentrierten sich auf die Enteignungsproblematik. "Wie werden die Enteignungen gerechtfertigt?", "Wie sieht das rechtlich aus?". Tania Maria de Sousa erklärt die Situation: "Oft liegt die Hälfte des Landes der Großgrundbesitzer brach. Wenn der Anteil des Brachlandes über einem gewissen Prozentsatz liegt, kann ein Verfahren eingeleitet werden, das sich über Monate hinzieht und im Fall, dass der Enteignungsklage stattgegeben wird, immer eine angemessene Entschädigung des Grundeigentümers beinhaltet."
Auf die Frage, warum überhaupt Entschädigungen ausbezahlt würden, wenn sie doch Ungleichheiten perpetuieren, verwies Tania Maria de Sousa auf die Machtposition der GroßgrundbesitzerInnen: "Die zuständigen Richter stehen oft auf ihrer Seite, und es kommt auch zu Repression gegen die Landbesetzer. Die Situation ist nicht zu vergleichen mit Venezuela." Sie fügte hinzu: "Seit Lula Präsident ist, wurde entgegen den Erwartungen recht wenig Land enteignet, und wenn er sich weiterhin so gemäßigt verhält, wird er Probleme mit der Landlosenbewegung bekommen."
Der Autor ist Student der Internationalen Entwicklung und Praktikant des Paulo Freire Zentrums.