Bildungspolitische Stadtspaziergänge schärfen die Aufmerksamkeit für strukturelle Machtasymmetrien im eigenen Umfeld. Damit setzen sie Grundgedanken anti-, post- und dekolonialer Theorien in die Praxis um. In welcher Form sich das gestaltet, zeigen drei verschiedene Touren in Wien.
Wer an einer touristischen Stadtführung durch die Wiener Innenstadt teilnimmt, kommt leicht ins Schwärmen über die prunkvolle Architektur und die reichverzierten Denkmäler, wird aber oft daran vorbei gehetzt zur nächsten Sehenswürdigkeit. In den seltensten Fällen bleibt dabei Zeit, genauer hinzuschauen und nachzufragen, was sich denn hinter den schönen Fassaden verbirgt. Ungleiche Machtverhältnisse, die im Zusammenhang mit dem Glanz und Prunk stehen, bleiben im Verborgenen und damit unsichtbar. Genau diese Lücken wollen thematische Stadtspaziergänge, fernab der Tourismusangebote, ausleuchten. Als eine Form von bildungspolitischer Praxis wird in diesen Rundgängen Wissen vermittelt, welches die dominanten historischen Narrative kritisch hinterfragt und oft ignorierte Perspektiven ergänzt. In diesem Sinne verfolgen die Spaziergänge Ziele und Forderungen dekolonialer Theorien und Praxen. Es geht um das Überwinden von eurozentrischen Perspektiven, und die Fremdrepräsentation marginalisierter Gruppen, sowie um die Stärkung herrschaftskritischer Positionen und den Ausbau gesellschaftlicher Solidarität. Auch in Wien gibt es Rundgänge, die sich dieser Thematik mit verschiedenen Schwerpunkten nähern.
Österreichs vergessene koloniale Vergangenheit.
Eine direkte Verbindung zu Dekolonialität lässt sich in den Spaziergängen ‚Afrikanisches Wien‘, geführt von Walter Sauer, wiederfinden. Sauer lehrt an der Universität Wien und arbeitetet unter anderem zu Kolonialismus und kolonialer Gegenwart in Österreich. Seine Touren setzen aktuelle Machtgefälle zwischen Europa und Afrika in den Kontext kolonialer Ereignisse und zeigen die Mitschuld des Globalen Nordens am Status globaler Ungleichheiten. Er weist dabei anhand konkreter Sympole und Spuren im Stadtbild auch auf Österreichs Verbindung zum Kolonialismus hin.. Ebenso werden anhaltende Vorurteile gegenüber Menschen aus afrikanischen Ländern diskutiert und dekonstruiert.
Spazieren gegen Stigmatisierung.
Um das Hinterfragen und Abbauen von Stereotypen geht es auch in den Rundgängen der ‚Shades Tours‘ (dt.: Schatten Touren). Diese drehen sich thematisch unter anderem um Armut und Obdachlosigkeit. Geleitet werden die Spaziergänge von Personen, die selbst armutsbetroffen sind oder waren, wie beispielsweise Guide Norbert. Bemüht, nicht voyeuristisch einzelne Menschen zu entblößen, geben die Touren Einblick in die Lebensrealitäten von Personen, die wegen Krankheit, Sucht oder anderen Schicksalsschlägen ihre bisherigen sozioökonomischen Stellungen verloren haben und aus der Mehrheitsgesellschaft ausgeschlossen bleiben. Diese gesellschaftliche Stigmatisierung thematisiert Guide Norbert bei den Rundgängen und plädiert für einen respektvollen Umgang mit Betroffenen auf Augenhöhe.
Respekt fordert auch Petra Unger bei ihren ‚Wiener Frauen*Spaziergängen‘ für die Errungenschaften und die Leistungen der weiblichen Bevölkerung. Mit weniger als zehn Prozent an Straßen und Plätzen, die in Wien nach Frauen* benannt wurden, sind diese kaum repräsentiert im Stadtbild und finden auch in historischen Berichten wenig Erwähnung. Um ein Bewusstsein für die Vielfalt und das Wirken von Frauen* zu schaffen, geht Unger bei ihren Spaziergängen auf weibliche Lebensentwürfe und Biografien ein und verknüpft diese mit dem Stadtraum, um neue Zugänge zur männlich-dominiert scheinenden Stadt zu finden. So weist sie auf Gebäude wie den Trattnerhof am Graben hin, in dem sich der erste Wiener Frauen*club traf und erfolgreich für Frauen*rechte kämpfte.
Machtstrukturen und Ungleichheit sichtbar machen.
Alle der beschriebenen Stadtrundgänge versuchen, strukturelle Ungleichheiten wie rassistische, klassenfeindliche oder patriarchale Unterdrückungsmechanismen zu benennen und damit angreifbar zu machen. Durch historische Neuverhandlung werden die im Stadtbild materialisierten Sieger-Narrative kritisiert und nicht-hegemoniale Erzählungen finden Raum. Dies führt zur Erweiterung gängiger Diskurse, zur Anerkennung verschiedener Subjektivitäten und zur Reflexion der eigenen Privilegien. Damit verfolgen die Rundgänge eine Sensibilisierung und Bewusstseinserweiterung des Publikums, das dadurch zum Weiterdenken sowie zu engagiertem Verhalten und Zivilcourage angeregt wird.
Um eine Reproduktion von Hierarchien und Machtasymmetrien während der Touren zu vermeiden, bemühen sich die Guides, ihre eigene Deutungshoheit bei der Repräsentation der betroffenen Gruppen zu hinterfragen und transparent zu machen. Ebenso wird darauf geachtet, die Personen, von denen gesprochen wird, möglichst selbst zu Wort kommen zu lassen und zu involvieren.
Diese Bemühungen zur Selbstrepräsentation könnten noch ergänzt werden durch Dialog-Führungen mit Betroffenen bei den Spaziergängen oder durch Zusammenarbeit mit den jeweiligen Gruppen. Sinnvoll wäre es zudem, die Spaziergänge für ein diverseres Publikum zugänglich zu machen. Die direkte Arbeit mit Schüler*innen, digitale Formate der Rundgänge und mehr Präsenz in Sozialen Medien könnten dabei helfen.
Auf diese Weise leisten bildungspolitische Stadtrundgänge einen wichtigen Beitrag für eine kritische historische Aufarbeitung, binden die Gesellschaft ein in Reflexionen über Machtstrukturen und Privilegien und tragen somit zur Dekolonialisierung und Destabilisierung von Herrschaftsstrukturen bei.
Die Autorin hat Internationale Entwicklung an der Uni Wien studiert. Ihre Masterarbeit schrieb sie über Konzepte bildungspolitischer Stadtspaziergänge und deren Potential, anti-, post- und dekoloniale Theorien in die Praxis umzusetzen. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Shades Tours in Wien und Graz
Frauen*Spaziergänge in Wien
Titelbild © Sophie Kissel