Renditen mit gutem Gewissen? Eine Diskussion über Green Finance.

Seit einigen Jahren werben Banken mit „grünen Anleihen“, bei denen durch private Investitionen klimafreundliche Projekte unterstützt und aufgebaut werden sollen. Kapitalismus und Umweltschutz? Kapitalanhäufung und Nachhaltigkeit? Mit Green Finance (dt.: Grüne Finanzierung) soll eine Verbindung geschaffen werden.

Kann Green Finance Umweltprobleme lösen und globale Ungleichheiten verringern? Gilt die Umwelt hier tatsächlich mehr, als Gewinne? Diesen Fragen widmete sich der erste Global Inequality Talk am 10. März 2021. Das neue online Veranstaltungsformat des Paulo Freire Zentrums dient der Diskussion von Fragen globaler Ungleichheiten. In 45 Minuten werden zentrale Aspekte zum jeweiligen Thema von Expert*innen ausgeführt und die Debatte auch für Teilnehmende geöffnet.

Das Gespräch wurde von Gerald Faschingeder (Paulo Freire Zentrum) moderiert. Als Sprecher*innen waren Simone Claar (Glocalpower, Uni Kassel), Lukas Schmidt (FIAN, Mattersburger Kreis) und Thomas Zotter (Arbeiterkammer Wien) eingeladen.

Der Talk startete mit einer Umfrage bei den Teilnehmenden, wie sie die Sinnhaftigkeit von Green Finance einschätzen würden. Dieselbe Umfrage wurde auch am Ende der Online Veranstaltung durchgeführt. Beim ersten Mal stimmte die Mehrheit der Teilnehmenden mit 56 Prozent dafür, dass Green Finance unter bestimmten Umständen sinnvoll sein könne. Nachdem die Sprecher*innen ihr Wissen mit den Zusehenden teilten, stimmten am Ende des Talks 45 Prozent der Aussage „Ja, wenn eine progressive transformative Green Finance umgesetzt wird“ zu. 30 Prozent kamen zum Schluss, dass Green Finance in einem auf Wettbewerb basierenden Wirtschaftssystem keine Lösung für globale Umweltprobleme sei.

Große Nachfrage – Große Relevanz.

„Schon das antike Rom ist durch zu hohen Ressourcenverbrauch und Ungleichheit verfallen.“ Mit diesem Einstiegsstatement von Gerald Faschingeder wurde im Talk auf die Tragweite von Globalen Ungleichheiten und die Dringlichkeit von umweltfreundlicheren Ansätzen verwiesen. Die Relevanz von Klima und Umwelt zeigt sich in den 29 Milliarden Euro, die 2019 in Österreich in Green Finance investiert wurden – Tendenz steigend. Bei derart hohen Beträgen sei die Frage, wo das Geld am Ende ankommt, und was nun als „Grün“ bezeichnet wird, zentral. Jedoch existiere eine starke Informationsasymmetrie. Investor*innen und Unternehmen hätten nicht den gleichen Zugang zu Informationen, so Thomas Zotter.

Green Washing (dt.: Grün waschen), also die vorgetäuschte Umweltfreundlichkeit und Nachhaltigkeit von Unternehmen zu Imagezwecken, stelle ein Problem von grünem Investment dar, waren sich die Sprecher*innen einig. „Daher ist es so wichtig, über Green Finance zu sprechen. Wo ist Marketing im Wiederspruch zu dem, was wirklich passiert?“, betonte Lukas Schmidt.

Zudem gäbe es nicht genügend grüne Anlagemöglichkeiten für die hohe Nachfrage. Dies führt zu Lockerungen in der Definition. Transparenz zu Projekten, Nachhaltigkeit und deren Auswirkungen auf den Staat müssen von Unternehmen offengelegt werden. Es soll genaue, verpflichtende Regelungen wie Prozentsätze oder Ausschlusskriterien für grüne Investitionen geben. Sonst könne das beste Unternehmen unter den größten Umweltverschmutzern als „Grün“ gelten, betonte Simone Claar.

Diskrepanz von Kapitalismus und Green Finance.

Der Fokus des Talks lief auf Diskussionen über die Vereinbarkeit von ökologisch nachhaltigen Lösungen und deren Verankerung im kapitalistischen System hinaus. Freiwilligkeit zur Nachhaltigkeit sei in einem kapitalistischen Markt schwer umsetzbar, waren sich die Sprecher*innen einig.
Lukas Schmidt veranschaulichte mit Beispielen und Bildern, welch große Schäden der Globale Norden im Globaler Süden anrichtet. Green Finance sei Teil des kapitalistischen Systems. Die Investitionen werden getätigt, um Profite zu erwirtschaften. „Der Anreiz, Menschenrechte zu achten, besteht schlichtweg in dieser Konstellation nicht“, so Schmidt. Die Bewältigung der Klimakrise mit einem neoliberalen Ansatz, wo viele freie Märkte mit möglichst wenig Regulierung agieren, kritisierte er stark. Es existiere ein Widerspruch zwischen dem Zwang zum kontinuierlichen Wachsen im Kapitalismus und der Endlichkeit unseres Planeten.

Perspektiven von nachhaltiger Green Finance.

Kein permanentes wirtschaftliches Wachstum sei allerdings auch keine Lösung und würde Probleme sogar verstärken, entgegnete Zotter. Er betonte, dass Green Finance eine Lösung im Umweltschutz darstelle, „es kommt sehr stark darauf an, was man daraus macht“. Als oberste Priorität sieht Zotter die Finanzmarktregulierung. Mit Transparenz und Green Ratings (dt.: Grüne Bewertungen) soll die Umweltleistung von Unternehmen verbessert werden. Die richtige Verteilung sei für Zotter zielführend. „Das wichtigste wäre, dass man den Preis des Klimarisikos oder der Verschmutzung in die Preise reinholt“, schlug Zotter vor. Transparenz solle die Umweltleistung von Unternehmen verbessern und auf eine starke Regulierung und damit eine umweltfreundliche Zukunft hinauslaufen.

Auch Lukas Schmidt erklärte, dass auf staatlicher Ebene eingegriffen werden müsse. Investitionen sollten getätigt werden, um die Wirtschaft auf einen anderen Pfad bringen. Die neoliberale Logik, ausgehend von Profitmaximierung und Effizienzsteigerung, müsse überwunden werden. Diesen Ansatz bezeichnete Schmidt zurzeit noch als Utopie. Simone Claar ergänzte, dass die Ausbeutungsverhältnisse auf gesellschaftlicher Ebene verändert werden müssen. Solange dieselben Akteure, die sonst in Gas und Kohle investieren, in erneuerbare Energie investieren, würden Ungleichheit und ein umweltfeindliches System bestehen bleiben, so Claar.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

 

Weiterführende Links:

Veranstaltungsreihe Global Inequality Talks
Österreichische Entwicklungstagung
Journal für Entwicklungspolitik: The Global Political Economy of Green Finance and Socio-Ecological Transformation

 

Titelbild © Anand Kumar from Pixabay

Veröffentlicht in Globale Ungleichheiten, Sozial-ökologische Transformationen.