Die COVID-19 Pandemie trifft auch die Bekleidungsindustrie, vor allem im asiatischen Raum. Fabriken sind geschlossen, Lohnzahlungen stehen aus, Existenzen von Arbeiter*innen sind bedroht. Es ist an der Zeit, große Marken zur Verantwortung zu ziehen, meint die Clean Clothes Campaign (dt.: Kampagne für saubere Kleidung).
Denn die Dynamiken von Güterketten in der Bekleidungsindustrie werden von großen Einkäufer*innenn dominiert, die Bedingungen und Preise in Fabriken diktieren . Jene besitzen in der Regel keine eigenen Produktionsstätten und verkaufen Waren, gefertigt von Subunternehmen im Globalen Süden, unter dem eigenen Markennamen. Trotz der Debatte um Corporate Social Responsibility (CSR) (dt.: Unternehmerische Sozialverantwortung) und Code of Conduct (COC) (dt.: Verhaltenskodex), sind die Arbeitsbedingungen meist nach wie vor kritisch, die Löhne zu niedrig. Außerdem sind soziale Absicherungssysteme in Produktionsländern kaum oder nur schwach ausgeprägt und eine Vielzahl informeller Arbeiter*innen davon ausgeschlossen.
Fabrikschließungen, Massenentlassungen und ausstehende Löhne.
Die Krise um COVID-19 hat die ohnehin schon prekären Bedingungen im Bekleidungssektor weiter verschärft. Zahlreiche Arbeiter*innen leiden unter Lohnkürzungen (wage gaps), oder verlieren ihre Jobs. Dazu schreibt die Clean Clothes Campaign (CCC): „Unterbrechungen von Lieferketten, Auftragsstornierungen, und oft kurzfristig verhängte Lockdowns in Produktionsländern der Bekleidungsindustrie haben die Lebensgrundlage dieser Arbeiter*innen schwer beeinträchtigt.”
Die Pandemie kann dabei in drei Phasen unterteilt werden: im Jänner blieben notwendige Rohstoffe von China für die Bekleidungsindustrie aus. Mit der Ausbreitung der Pandemie in Europa und den USA ab März, sank die Nachfrage der wichtigsten Abnehmer*innen deutlich. Im Laufe der nächsten Monate erreichte das Virus dann auch den Globalen Süden. Diese Veränderungen der Nachfrage und die eingeführten Corona-Maßnahmen hatten zur Folge, dass Fabriken temporär, aber auch permanent schließen mussten, und viele Menschen entlassen wurden.
Viele der Fabriken sind nach wie vor teils oder ganz geschlossen. Schätzungen zu Folge konnten nach Lockerungen im Mai nur 40 bis 60 Prozent der Arbeiter*innen zu ihren Arbeitsplätzen zurückkehren, „[…] entweder weil öffentliche Transportmittel weiterhin eingestellt waren oder weil die Fabriken nicht mit voller Kapazität wiedereröffnet wurden.“, erklärt die CCC.
Verletzungen des Arbeitsrechts hatten Proteste zur Folge.
Seit Beginn der Pandemie werden Marken wie H&M, Nike und Primark besonders häufig mit Verletzungen des Arbeitsrechts in Verbindung gebracht. Die Unternehmen weigern sich für bereits produzierte Ware zu zahlen und Aufträge werden kurzfristig storniert. Zusätzlich bekommen viele Arbeiter*innen keine Abfertigung für ihre Kündigung und Lohnzahlungen bleiben aus.
Von der CCC wird im Zuge einer wage gap Analyse geschätzt, dass in Bangladesch in den Monaten März bis Juni durchschnittlich 29,5 Prozent der zustehenden Löhne nicht ausgezahlt wurden. Ähnliche Zahlen gibt es für Kambodscha und Myanmar. In einigen Regionen Indiens soll die Diskrepanz sogar bis zu 56,9 Prozent betragen. Jedoch entsprechen diese Berechnungen den Mindestlöhnen und schließen keine Überstunden oder andere Bonuszahlungen mit ein. Auch Informelle Arbeiter*innen und jene von Subunternehmen sind aus diesen Schätzungen ausgeschlossen. Die tatsächlichen Lohnverluste und Kürzungen werden somit noch drastischer vermutet.
Als Folge dessen gab es seit März 2020 kontinuierlich Proteste. Trotz massivem Gegenwind konnten vereinzelt Erfolge verzeichnet werden: Ein Beispiel ist die Klage von Wanderarbeiter*innen in Thailand und die darauffolgende Zustimmung von großen Konzernen wie Tesco und Starbucks, ausständige Löhne zurückzuzahlen.
Verantwortung übernehmen statt Gewinne maximieren.
Neben einem auf Freiwilligkeit basierenden Call to Action (dt.: Aufruf zum Handeln) der International Labour Organisation (ILO) startete die Clean Clothes Campaign im Juni 2020 die Pay Your Workers (dt.: Bezahl deine Arbeiter*innen) Initiative. Ziel der CCC ist die Sichtbarmachung von Benachteiligung und von Verlagerungen der Geschäftsverluste auf die Produzierenden.
Dabei fordert die CCC ein öffentliches Lohnzugeständnis von großen Einkäufer*innen. Die Verantwortung gegenüber Zuliefer*innen und Arbeiter*innen, sowie finanzielle Entschädigungen im Falle von Kündigungen und (temporären) Fabrikschließungen, wird nämlich meist auf die einzelnen Nationalstaaten abgewälzt. Durch das Ausnützen von Arbeiter*innen ohne soziale Absicherung, müssen Konzerne gerade in Krisenzeiten in die Pflicht genommen werden. „Diese Unternehmen haben jahrzehntelang auf der Grundlage von Armutslöhnen und ausgelagerter Verantwortung Gewinne erwirtschaftet, ohne zu irgendeiner Form des sozialen Schutzes in den Herstellungsländern beizutragen. Unsere Kampagne zielt darauf ab, das Geld der Arbeiter*innen zurückzufordern, indem wir die Marken davon überzeugen, Verantwortung für die Menschen zu übernehmen, die durch ihre unterbezahlte Arbeit die großen Gewinne erst ermöglicht haben“, so die CCC.
Während bereits eine Vielzahl kleinerer Marken positiv auf die CCC Initiative reagiert hat, sind Zusagen von H&M, Nike und Primark nach wie vor ausständig. Ein weiteres Mittel, um Bewusstsein für die Missstände zu schaffen, sind die Pay Your Workers-Etiketten, die an Kleidungsstücken in besagten Markengeschäften angebracht werden können.
Wie soll es weiter gehen?
Die Pandemie zwingt große Unternehmen, ihre Strukturen und Liefernetzwerke zu überdenken und kritische Arbeitsbedingungen sowie fehlende Absicherungsmaßnahmen zu thematisieren. Durch gezielte Mechanismen wie Garantiefonds sollen nicht nur die Auswirkungen der Pandemie minimiert, sondern auch Systeme zur Abschwächung zukünftiger Krisen geschaffen werden. „Der einzige Weg um die katastrophalen Auswirkungen auf die Existenz der Arbeiter*innen umzukehren und den Einfluss solcher Krisen zu reduzieren, besteht darin, dass die großen Einkäufer sofortige und nachhaltige Maßnahmen ergreifen.“, urteilt die CCC.
Die Autorin studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien und beschäftigt sich vor allem mit der Analyse und Kritik globaler Güterketten, sowie den damit verbundenen sozialen und ökologischen Auswirkungen. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
Clean Clothes Campaign „Pay Your Workers“
Artikel zum Thema der deutschen Kampagne für saubere Kleidung
Foto © NYU Stern BHR, Rana Plaza Site, visited 5 December, 2014