Filmrezension: Once Upon a Time in Venezuela.

Vor der Naturkulisse des Maracaibo-Sees verdichtet sich die Misere eines ganzen Landes im kleinen Dorf Congo Mirador. Es sind Themen wie Korruption, ökonomischer Zerfall, Polarisierung der Gesellschaft und Abwanderung, die Regisseurin Anabel Rodríguez Ríos anhand der jüngeren Geschichte des Dorfes verhandelt. Durch die jahrelange Begleitung der Menschen mit der Kamera gelingt es der Dokumentation über weite Strecken, den Perspektiven ihrer Protagonist*innen Raum zu geben. Was bei dieser Fokussierung auf die unmittelbar menschliche Erfahrung jedoch im Dunklen bleibt, sind die Hintergründe der Situation.

Eine ethnographische Annäherung an ein Dorf im Wasser.

Die mächtigen Catatumbo-Gewitter, die in den Nächten hunderte Blitze über den Himmel zucken lassen, erleuchten zu Beginn des Filmes die auf Stelzen gebauten Hütten des Dorfes. Dieses Phänomen der weltweit stärksten Blitzentladungen lockte einst viele Tourist*innen in den abgelegenen Ort im Südwesten des Maracaibo-Sees, der im Verlauf der Dokumentation jedoch zusehends dem Verfall überlassen wird. Fünf Jahre lang hat Anabel Rodríguez Ríos die Dorfgemeinschaft begleitet, ihr Zugang erinnert dabei an ethnographische Herangehensweisen. Die Regisseurin nimmt die Zuseher*innen mit auf eine Reise, die sie näher an die Lebensweise der Bewohner*innen von Congo Mirador heranbringt, als dies im Rahmen eines touristischen Aufenthalts jemals möglich wäre. Denn die Kamera ist so nahe bei den Menschen und ihren alltäglichen Aktivitäten, dass es scheint, als wäre das Filmteam zu einem Teil des Lebens im Dorf geworden. Ein Mann steht vor seinem Haus im Wasser und rasiert sich, Frauen waschen sich die Haare im See und Kinder diskutieren darüber, ob man eine vom Öl verschmutzte Schildkröte vielleicht doch noch essen kann.

Zwei politische Gegnerinnen als Protagonistinnen.

Doch die vordergründige Idylle des Lebens am Wasser ist bedroht. Als Zentrum der venezolanischen Erdölindustrie ist der Maracaibo-See von einer hohen Umweltbelastung betroffen, was nicht nur an der Tierwelt, sondern auch auf der Haut der badenden Kinder Spuren hinterlässt. Doch das tatsächliche Ausmaß der Katastrophe erschließt sich nur langsam, denn im Verlauf des Filmes wird klar, dass Congo Mirador immer mehr verlandet. Tamara, die Vorsitzende der Regierungspartei auf lokaler Ebene, scheint in ihrer beinahe religiösen Verehrung für den ehemaligen und langjährigen Präsidenten Venezuelas Hugo Chávez eine der letzten zu sein, die sich die absolute Vernachlässigung ihres Dorfes durch die Regierung noch nicht eingestanden hat. Somit sind auch ihre zahlreichen Versuche, die Menschen mit Geld oder Mobiltelefonen im Vorfeld der Parlamentswahlen von 2015 für eine Stimmabgabe zugunsten der Partei von Chávez-Nachfolger Nicolas Maduro zu überzeugen, kaum von Erfolg gekrönt. Doch auch für Natalie, die Lehrerin des Dorfes, die als Anhängerin der Opposition immer wieder mit Repressionen der Schulaufsichtsbehörde zu kämpfen hat, bringt der Erdrutschsieg des von ihr unterstützten Bündnisses keine Verbesserungen.

Zerfallserscheinungen der Demokratie.

„Dies war der letzte demokratische Akt in unserer neueren Geschichte“, kommentiert die Regisseurin an diesem Punkt die Geschehnisse, die hier zum einzigen Mal im Film von einer Erzählerin begleitet werden. Denn das Parlament wurde in der Folge von einer von der Regierung eingesetzten verfassungsgebenden Versammlung entmachtet. Der scharfe Kontrast zwischen den ausgelassenen Feiern in der Wahlnacht und der Bitterkeit der Stimme von Rodríguez Ríos wird durch die darauf folgenden Bilder noch verstärkt. Sie zeigen, wie immer mehr Menschen ihre Hütten auf Boote verladen und das Dorf verlassen.

Letztlich werden so beide Protagonistinnen des Filmes zu Verliererinnen. Und doch sind die beiden Frauen jene Menschen, die am vehementesten gegen die Resignation kämpfen. Dass die wichtigsten Personen im Dorf Frauen sind, ist ein weiteres bemerkenswertes Detail in einem bemerkenswerten Film. Denn viele Menschen in Congo Mirador haben angesichts der überbordenten Korruption die Hoffnung schon lange aufgegeben. Selbst die Häuser sind so gebaut, dass man sie einfach abtransportieren kann. Ein im Sumpf auf Grund gelaufener Schaufelraddampfer mit dem Namen „Venezuela“, ein Relikt aus einer anderen Ära, ist eine Metapher auf den Niedergang einer Gesellschaft. Dieser erreicht nun auch ein Dorf, das sich trotz seiner isolierten Lage den globalen ökonomischen, politischen und ökologischen Zusammenhängen nicht entziehen kann.

Authentische Bilder und viel Raum für Interpretation.

Gerade an diesem Punkt drängen sich Fragen auf, die im Film unbeantwortet bleiben. Warum kommt es zur Verlandung des Sees und was sind die Hintergründe des Sedimentationsprozesses, von dem alle im Dorf sprechen? Congo Mirador liegt im Delta des Catatumbo-Flusses, dessen Sedimenteintrag eine Erklärung für die drängendsten Probleme des Dorfes sein könnte. Oder gibt es einen Zusammenhang mit der Erdölförderung? Will die Regierung den Menschen nicht helfen oder kann sie es nicht?

Als Zuseher*in wird man unweigerlich hineingezogen in den Kampf um die Zukunft von Congo Mirador. Dabei verhandelt der beobachtende Zugang von Rodríguez Ríos die Komplexität der Situation in einer Weise, die viel Raum zur eigenen Interpretation lässt. Die große Stärke dieser Herangehensweise ist es, die Menschen in ihrer Verletzlichkeit abzubilden, ohne wertend zu sein. Die Ehrlichkeit und Empathie, die sich in der Beobachtungsgabe der Regisseurin vereinen, sind ein wahrer Glücksfall. Denn sie bilden Zeugnis einer Lebensweise, die wie das Dorf und das ganze Land vor einer ungewissen Zukunft steht.

ONCE UPON A TIME IN VENEZUELA feierte im Dezember 2020 bei this human world – International Human Rights Film Festival Österreich Premiere und wurde in der Sektion Austrian Competition mit dem Jury Award ausgezeichnet.

Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Weiterführende Links:

Website zum Film „Once Upon a Time in Venezuela“
this human world – International Human Rights Film Festival
Video Interview mit Anabel Rodríguez Ríos (in englischer Sprache)
Interview mit Anabel Rodríguez Ríos (in spanischer Sprache)

 

Fotos © 2020 Once Upon a Time in Venezuela

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Globale Ungleichheiten, Filmrezensionen.