Im Laufe der Geschichte des Bergsteigens haben sich Traditionen und Normen herausgebildet, die bestimmte Menschen und deren Herangehensweisen an die Berge bevorzugen und andere benachteiligen. Wo liegen die Ursachen für diese Ungleichheit und wie könnte eine Bergwelt für alle aussehen?
Da Bergsteigen einen immanenten Bezug zu als unberührt empfundener Natur aufweist, wird es oft als ein Bereich verstanden, der eine gewisse Unabhängigkeit von gesellschaftlichen Hierarchien und den Konventionen des Alltagslebens ermöglicht. Doch soziale Machtverhältnisse spiegeln sich unweigerlich in den Interaktionen zwischen Bergsteiger*innen sowie in der Art und Weise, wie mit der alpinen Natur umgegangen wird, wider. Ein Aspekt der ungleichen Verteilung von Chancen in der Gesellschaft, durch welchen Herrschaft von Menschen über Menschen aufrechterhalten werden kann, betrifft die Geschlechterverhältnisse. Diese sind in unserer derzeitigen Gesellschaftsformation so ausgestaltet, dass Lebens- und Ausdrucksweisen jenseits einer männlich-heterosexuell dominierten Normvorstellung mit Diskriminierungen konfrontiert sind. Da gerade das Bergsteigen historisch stark männerdominiert war und bis heute ist, sollten sich Alpinist*innen vor Augen führen, welche Auswirkungen diese Dominanz auf ihren Sport und ihr Verhältnis zur Natur hat.
Ein Blick auf die Geschichte des Bergsteigens.
Die Idee, als Freizeitbeschäftigung auf Berge zu steigen, entstammt dem Denken der gesellschaftlichen Eliten des sich industrialisierenden Europas. In der Romantik entwickelt sich eine Sichtweise der Natur, welche diese nicht nach ihrem ökonomischen Nutzen für den Menschen bewertet, sondern sie als Landschaft einer rein ästhetischen Betrachtung unterwirft. Entsprechend der sich im Kolonialismus manifestierenden Vorstellung von der Herrschaft weißer Männer über die Welt, kommt es schließlich zum Wunsch nach der Eroberung dieses „nutzlosen“ Raumes. Im Zentrum stehen dabei möglichst hohe und schwierige Gipfel, deren Besteigungsversuche eine Facette des Kampfes Mensch gegen Natur abbilden. Nicht selten, wie etwa im Falle des Matterhorns, erhält die Erstbesteigung einen Wettlaufcharakter, der für zusätzliche Dramatik in einem ohnehin durch Heroismus geprägten Umfeld sorgt. Für Frauen* war diese Welt aufgrund der ihnen aufgezwungenen Rollen in der Familie, der Bekleidungsvorschriften sowie der mangelnden ökonomischen Unabhängigkeit lange Zeit nur sehr schwer zugänglich. Auch wenn die Kämpfe der vergangenen Jahrhunderte androzentristische Positionen in vielen Bereichen zurückgedrängt haben, ist gerade der Alpinismus bis heute geprägt von männlicher Eroberungslogik, sowie von einer überwältigenden zahlenmäßigen Dominanz weißer heterosexueller Männer. Werden dabei bestimmte Personen und ihre Herangehensweisen an die Berge bewusst oder unbewusst unsichtbar gemacht?
Stereotype Männlichkeit als vorherrschendes Ideal.
Zweifellos genießen bestimmte Verhaltensweisen im Bergsport ein höheres Prestige als andere. Dabei ist der Parameter, der die Art und Weise festlegt, wie man mit der Natur und den anderen Menschen am Berg in Beziehung tritt, stark an einem männlichen Stereotyp orientiert. Man(n) erhält positive Resonanz, wenn man sich schwierigen und oft gefährlichen Verhältnissen aussetzt, wenn man leidet und sich nicht darüber beschwert, wenn man den schwersten Rucksack trägt und die wenigsten Haken zur Absicherung einer Route verwendet. Der Berg – die Natur – muss bezwungen werden. Diese Einstellung aus der Anfangszeit des Alpinismus ist trotz der zaghaften Entwicklung alternativer Zugänge nach wie vor das vorherrschende Narrativ.
Dominanz des männlichen Narrativs schränkt Entfaltungsmöglichkeiten ein.
Die Dominanz der Logik des stereotyp „Männlichen“, die das Bergsteigen seit Anbeginn prägt, ist der Hauptgrund dafür, weshalb es in der Gemeinschaft der Alpinist*innen so schwierig ist, sich gewissen Normen und Rollenbildern zu entziehen und alternative Formen des Umgangs miteinander und mit der Natur zu etablieren. Denn abseits der männlichen Norm bleibt für Menschen, die sich diesem Zugang nicht unterordnen wollen, oft nur wenig Platz. Gerade Frauen* oder LGBTIQ* Personen sind häufig Opfer von Stereotypisierung und sehen sich dadurch mit diskriminierenden Aussagen hinsichtlich ihrer vermeintlichen „Schwäche“ konfrontiert. Doch auch heterosexuelle Männer leiden oft an den selbst getroffenen Zuschreibungen, etwa wenn sie Verletzlichkeit und Angst nicht zeigen können. Sie kompensieren dies jedoch vielfach mit Verurteilungen und Ausgrenzungen. Es ist an der Zeit, ein Klima zu schaffen, in dem Vielfalt, auch in Hinblick auf Geschlechtsidentitäten und sexuelle Orientierung, wertgeschätzt wird und Menschen den Raum erhalten, sich den Bergen auf ihre eigene Art und Weise anzunähern.
Die Bergwelt als Raum zur Entfaltung für alle.
Damit alpine Landschaften tatsächlich dem von vielen Menschen mit ihnen verbundenen Freiheitsbegriff gerecht werden können, müssen sie zu Freiräumen für die menschliche Entfaltung jenseits von diskriminierenden Geschlechterverhältnissen werden. Dafür ist es zentral, eine Haltung zu entwickeln, die ein Einschreiten bei abwertenden und diskriminierenden Aussagen ermöglicht. Zudem gilt es, die zahlreichen Initiativen, die abseits vom dominanten Narrativ bereits existieren, bewusst wahrzunehmen und zu fördern. Dies können insbesondere Bergsportaktivitäten mit Gruppen sein, in denen sich jene Charakteristika, die Menschen zu guten Bergsteiger*innen machen, nicht in der Kategorie Leistung erschöpfen, und wo eine offene und solidarische Haltung gelebt wird.
Denn um sich der Natur anzunähern, ist es immer nötig, physische, mentale und emotionale Anstrengungen auf sich zu nehmen. Es sollte allein verstanden werden, dass diese Herausforderungen unterschiedlich sein können, abhängig von den Zielen, den Erfahrungen und dem Willen der jeweiligen Bergsteiger*innen. Alles kann beigebracht und gelernt werden, doch nicht unter der Prämisse, unreflektiert einer Norm zu entsprechen.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Foto © David Untersmayr