Eine Reaktion auf die Rezension von Walter Scheidls Buch „The Great Leveler – Violence and the History of Inequality“.
Wie Massenmobilisierungskriege ökonomische Ungleichheit reduzieren, steht im Mittelpunkt von Walter Scheidels Buch „The Great Leveler – Violence and the History of Inequality“ (2016) (deutscher Titel: Nach dem Krieg sind alle gleich). So einfach ist dieser Zusammenhang aber nicht.
Darin greift Scheidel auf das biblische Bild der vier apokalyptischen Reiter zurück, deren historisch wiederkehrende Realformen er als Massenmobilisierungskrieg, transformative Revolutionen, Zerfall von (staatlicher) Ordnung und katastrophale Seuchen- und Naturereignisse übersetzt.
Gewagte These: Ungleichheit sank empirisch nur nach Gewalt.
Scheidels provokante These lautet, dass aus historischer Sicht nur in der Folge einer oder mehrerer dieser apokalyptischen Gewaltereignisse wirklich signifikante Rückgänge materieller Ungleichheit empirisch nachweisbar sind. Damit ist allerdings noch nicht gesagt, dass steigende ökonomische Ungleichheit zwangsläufig in Revolutionen oder kriegerischer Zerstörung enden müsste. Vielmehr macht Scheidels Argumentation deutlich, dass es einen erschreckenden Mangel an wirksamen, aber gewaltlosen Mitteln zur Reduktion von ökonomischer Ungleichheit innerhalb unserer Gesellschaften gibt (Scheidel 2016: 444).
Bemerkenswert an Scheidels These ist, dass sie eine globale und epochenübergreifende Geltung beansprucht, also beispielsweise nicht nur auf das neuzeitliche Europa beschränkt bleibt.
Grundfragen des Kapitalismus.
Auch Piketty thematisiert in seinem Buch Das Kapital im 21. Jahrhundert (2014: 357f.) bereits den aus Einkommens- und Vermögensdaten ablesbaren Rückgang von ökonomischer Ungleichheit in Folge von Vermögensvernichtung und Enteignung im Zuge der großen Kriege und Krisen des 20. Jahrhunderts. Scheidels historische und geografische Ausweitung verdeutlicht aber, dass die Konzentration von Reichtum weder eine spezifisch kapitalistische Angelegenheit ist, noch irgendwie von selbst im Zuge der gesellschaftlichen Entwicklung wieder zurückgehen müsse.
Beide, Scheidel und Piketty, stellen sich mit ihren Befunden also gegen die immer noch verbreitete, optimistischere These von Simon Kuznets. Mit der nach ihm benannten Kuznets-Kurve brachte dieser in den 1950er Jahren die Vermutung zum Ausdruck, dass extreme Einkommensungleichheit im Kapitalismus als vorübergehende Entwicklung anzusehen sei. Im Übergang von agrarischer zu industrieller Produktion baue sich Ungleichheit auf, die sich mit der von ihm im Weiteren erwarteten Verschiebung von physischer Kapitalakkumulation zur Akkumulation von Humankapital aber wieder abbaue. Mit anderen Worten: Die fortschreitende wirtschaftliche Entwicklung reduziere Ungleichheit letztlich wieder von selbst (Kuznets 1955). Der Angriff durch Scheidel und Piketty auf diese idyllische Vorstellung zielt noch darüber hinaus auf eine Grundfrage kapitalistischer Entwicklung: ob nämlich der Kapitalismus die von ihm erzeugten Widersprüche längerfristig wieder aufzulösen im Stande ist, oder ob seine krisenhafte Entwicklung ein inhärentes und bedrohliches Problem darstellt.
Zweifelhafte Kausalitäten.
Scheidels Argumentation beruht zum Teil aber auch auf weniger überzeugenden Spitzfindigkeiten. Der aus den Daten für die 1930er und 1940er Jahre erkennbare Rückgang von Einkommensungleichheit in den USA lässt sich nämlich nicht direkt mit den relativ geringen Kriegsschäden der erstehenden Supermacht erklären. Um den Rückgang an Ungleichheit dennoch als Kriegsfolge einordnen zu können, bringt Scheidel unter anderem die Kriegsfinanzierung ins Spiel, die unter der Präsidentschaft von Franklin D. Roosevelt neben Staatsverschuldung vor allem auf einer erhöhten Einkommens- und Vermögensbesteuerung beruhte. Scheidels historische Befunde legen nahe, dass die Ressourcenmobilisierung im Rahmen großer Kriege regelmäßig mit einem Anstieg des Zugriffs auf private Vermögen einhergeht. Es scheint von daher nachvollziehbar, dass er daran zweifelt, ob eine ähnliche Vermögensabschöpfung auch ohne die Herausforderungen eines großen Krieges oder eines anderen apokalyptischen Reiters politisch durchsetzbar wäre. Die Fortdauer dieser im historischen Vergleich eher geringen innerstaatlichen Ungleichheit in den USA vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Beginn der 1980er Jahre erklärt Scheidel recht einfach mit dem Fortwirken dieser egalisierenden Steuerpolitik. Allerdings bleiben dabei die Anhaltspunkte der spezifischen historischen Bedingungen und die Auslöser der darauf folgenden neoliberalen Wende recht oberflächlich.
Reiche verlieren im Krieg Vermögen, Arme ihr Leben.
Eine problematische Vereinfachung ist die wahrscheinlich verkaufssteigernde Titelwahl der jüngst erschienenen deutschen Übersetzung: Nach dem Krieg sind alle gleich (Scheidel 2018). Dies überragt doch sehr großspurig die präsentierte Datenlage. Auch übergeht dies den Umstand, dass historische Quellen zur Opferstatistik von Massenmobilisierungskriegen einen signifikanten Zusammenhang zwischen höherer sozialer und ökonomischer Stellung und besseren Überlebenschancen erkennen lassen. Während die Reichen also durch Zerstörung, Enteignung oder durch Steuern womöglich um ihr Vermögen gebracht werden, verlieren die Armen mit statistischer Regelmäßigkeit häufiger ihr Leben.
Während beides die messbare Ungleichheit reduzieren mag, geschieht dies doch auf individueller Ebene auf erschreckend ungleiche Weise. Mit der Ausnahme transformativer Revolutionen gilt Vergleichbares auch für die anderen apokalyptischen Ereignisse, für die sich Scheidel interessiert. Eine bessere ökonomische Stellung übersetzt sich regelmäßig in bessere Überlebenschancen (Mäder 2009: 92). Die höhere relative ökonomische Gleichheit nach apokalyptischen Katastrophen und Kriegen gilt also nur für die Überlebenden.
Die vollständige Version des Artikels ist im Band 19 der Buchreihe Gesellschaft, Entwicklung & Politik (GEP) „Globale Ungleichheit. Über Zusammenhänge von Kolonialismus, Arbeitsverhältnissen und Naturverbrauch“, herausgegeben von Karin Fischer und Margarete Grandner, zu lesen:
Meyer, Angela; Giersch, Gregor (2019): Gewalt, Krieg und Ungleichheit. In: Fischer, Karin; Grandner, Margarete: Globale Ungleichheit. Über Zusammenhänge von Kolonialismus, Arbeitsverhältnissen und Naturverbrauch. Wien: Mandelbaum.
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Foto: © Malina Bachert, Kontraste (2011/12)