Unter dem Motto „Ich habe GENUG!“ drehte sich am zweiten Tag des Online-Symposiums des Vereins SOL – Menschen für Solidarität, Ökologie und Lebensstil „Klima: Politik und Lebensstil – gemeinsam klimagerecht leben“, das von 22. bis 24. Mai 2020 stattfand, alles um klimagerechte Politik.
Die Organisator*innen luden Expert*innen zu Vorträgen und anschließender gemeinsamer Diskussion ein. Ulrich Brand, Professor für Internationale Politik an der Universität Wien, sprach über aktuelle Entwicklungen und sein Konzept der imperialen Lebensweise.
Coronakrise als Chance für Klimapolitik.
Obwohl nicht alle Gruppen der Klimabewegung die sozialen Aspekte der Klimakrise als gleichermaßen wichtig sehen, wird durch die Proteste der letzten Jahre, insbesondere im letzten Jahr, zunehmend auch über Klimagerechtigkeit gesprochen. Trotz des diskutierten European Green Deals, dem Konzept der Europäischen Kommission unter Ursula von der Leyen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen, dominieren aktuell jedoch andere Sorgen die politische Agenda. „Die Coronakrise ist eine tiefe Wirtschaftskrise, aber eben auch eine Krise dessen, wie sich die Gesellschaft ihre Naturverhältnisse organisiert“, so Brand und nannte Lebensbereiche wie Mobilität, Lebensmittel oder Kleidung. Wir machen zwar gerade ungewollt gewisse Erfahrungen wie die Reduzierung von Autoverkehr in Städten, könnten diese jedoch als Ausgangspunkt für eine bewusste Veränderung nutzen und beispielsweise Fahrradwege ausbauen. „Es lohnt sich, initiativ zu werden“, meinte der Politikprofessor und verwies auf die zahlreichen Initiativen der Zivilgesellschaft.
Imperiale Lebensweise ist exklusiv, expansiv und unsichtbar.
Der Grundgedanke des mit Markus Wissen zusammen entwickelten theoretischen Konzepts ist, dass Menschen im globalen Norden täglich auf Produkte zugreifen, die im globalen Süden unter ökologisch und sozial problematischen Bedingungen produziert wurden. Diese Produktionsweise sei „exklusiv, expansiv und unsichtbar“: Nur ein kleiner Teil der Weltbevölkerung kann daran teilhaben, der Reichtum beruht auf Ausbeutung von Arbeitskraft und Natur, die in Raum und Intensität immer mehr zunimmt, und sie ist unsichtbar, da Konsument*innen im globalen Norden sich nicht darüber informieren müssen und teilweise gar nicht können. Diese Ungleichverteilung der Wertschöpfung ist laut Brand eine zentrale Ursache für Klimaungerechtigkeit. Man kann jedoch nicht einfach allen Konsument*innen des globalen Nordens die Schuld daran geben, dass sie diese Ungleichheiten weitertragen, der individuelle Handlungsspielraum hängt auch stark von gesellschaftlichen Rahmenbedingungen ab. So verwenden Brand und Wissen bewusst das Wort „Lebensweise“, das strukturelle Bedingungen beschreibt, als Ergänzung zum „Lebensstil“, womit eher die Möglichkeiten jeder/jedes Einzelnen gemeint sind.
Globaler Norden als schlechtes Vorbild.
Trotz Klimaabkommen und regelmäßiger Klimakonferenzen steigen die CO2-Emissionen an und die Nutzung natürlicher Ressourcen nimmt zu. Unter dem Titel „Die große Beschleunigung“ haben Wissenschafter*innen sozio-ökonomische und ökologische Kennzahlen in einem Modell zusammengetragen. Es zeigt, dass seit den 1950er-Jahren die menschlichen Aktivitäten auf der Erde teilweise sogar exponentiell zunehmen. Das liegt unter anderem auch am wirtschaftlichen Aufschwung einiger großer Schwellenländer wie China, Indien oder Brasilien. Der globale Norden lebt eine Lebensweise vor, die nicht für die ganze Welt funktionieren kann: Wenn ärmere Weltregionen zu mehr Wohlstand gelangen, bedeutet das in diesem System automatisch zunehmende Umweltzerstörung, obwohl die Natur ohnehin schon zu stark beansprucht wird. Eine solidarische Lebensweise, wie sie Brand als Alternative zur imperialen Lebensweise beschreibt, darf also nicht ausschließend sein und soll dabei ansetzen, Wohlstand und „gutes Leben“ neu zu definieren. Die Produktionsweisen müssen geändert werden und ein nachhaltiges Leben soll nicht auf Verzicht basieren müssen.
Veränderung ist möglich.
Auf die Frage, was denn die nächsten Schritte wären, dieser gewünschten Lebensweise näher zu kommen, wollte Brand keine konkrete Antwort geben, da diese Frage die Gefahr berge, andere Aktivitäten abzuwerten oder Verantwortung auf öffentliche Verwaltung und Politik zu schieben. Jede und jeder könne sich jedoch im eigenen privaten und beruflichen Umfeld fragen, was wirklich wichtig ist. Außerdem zeige die Coronakrise, dass mehr möglich ist, als sich manche vielleicht vorstellen konnten: Staaten sind in Ausnahmesituationen handlungsfähig und können sich gegenüber Wirtschaftsinteressen durchsetzen und Unternehmen können sich umorientieren und sind bei Veränderungen nicht automatisch existenzbedroht, wie es oft befürchtet wird. Zu guter Letzt sieht man, dass „gutes Leben“ sehr wohl umdefiniert und in den öffentlichen Diskurs gebracht werden kann.
Selbstverständlich hat das aktuell ungewollt und undemokratisch stattgefunden, vielleicht könne nach diesen Erfahrungen aber auch bewusste Veränderung, angefangen von Online-Meetings statt Kurzstreckenflügen, Aufwertung gesellschaftlich bisher eher unsichtbarer Berufe bis hin zum Umbau der Automobilindustrie, leichter passieren.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
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