Städte ohne Wachstum – eine bisher kaum vorstellbare Vision. Wie wollen wir heute und morgen zusammenleben? Wie gestalten wir ein gutes Leben für alle in der Stadt? Diese Fragen werden im Buch „Postwachstumsstadt. Konturen einer solidarischen Stadtpolitik“ diskutiert.
Das Werk beruht auf der Konferenz „Postwachstumsstadt. Perspektiven des sozial-ökologischen Wandels der Stadtgesellschaft“, die von 10-11. Mai 2019 an der Bauhaus-Universität in Weimar stattfand. Die Herausgeber Anton Brokow-Loga und Franz Eckardt sind beide an der Bauhaus-Universität Weimar tätig, die Autor*innen der Beiträge waren Teilnehmer*innen der genannten Konferenz. Ihr Buch ist als Entwurf für das gute Leben in der Stadt für alle zu verstehen und regt an, über eine Postwachstumsstadt nachzudenken. Dabei wird klar: jede*r kann die Stadt, in der er oder sie* lebt, verändern! – Wie das gelingen kann, wird den Leser*innen in vier Teilen präsentiert: „Von der Rolle einer transformativen Planung geht es über städtische soziale Bewegungen und Aushandlungsprozesse letztlich zum Utopie-orientierten Horizont der Postwachstumsstadt“.
„Zwischen Depression, Abgas-Schwindel und Roboter-Beziehungen“.
Autoverkehr, Smog, Feinstaubbelastung, Hitzewellen, Gentrifizierung, Wohnungsnot und Verdrängung zeigen, dass die Lebensqualität in Städten abnimmt. Die ökologischen sowie sozialen Krisen machen deutlich: Städte sind Orte, an denen sich soziale Ungleichheiten manifestieren. Die heutigen Städte sind geformt von der kapitalistischen Expansion und der imperialen Lebensweise, also der Ausbeutung von Arbeitskraft und natürlichen Ressourcen oft im globalen Süden. Die Autor*innen des Werks sind sich einig, dass eine sozial-ökologische Transformation notwendig und eine andere Stadt machbar ist.
Postwachstumsstadt fühlen, denken und machen.
Wie könnte eine Stadt ohne Autoverschmutzung riechen? Wie würde sich eine Stadt ohne Baulärm anhören? Wie fühlt sich die klimagerechte, solidarische Stadt der Zukunft an? Die Autor*innen zeichnen ein Bild einer Postwachstumsstadt, die durch Wachstumsunabhängigkeit, Gemeinwohl, Solidarität, sozialer und ökologischer Gerechtigkeit gekennzeichnet ist.
Was kennzeichnet die Postwachstumsstadt?
Hauptziel ist die Reduktion des ökologischen Fußabdrucks sowie des Ressourcenverbrauchs. Dafür müssen sich alternative Lebensstile herausbilden, es braucht ein anderes Konsum- und Mobilitätsverhalten, sowie ein neues Ernährungssystem und Arbeitsmodell. Im Buch werden vor allem gemeinwohlorientierte Projekte und Initiativen im Bereich Wohnen, Ernährung, Mobilität, öffentlicher Raum und Verkehr beschrieben.
Räume teilen: Wie eine Postwachstumsstadt konkret gelingt.
Eine konkrete Vision ist, PKW-Streifen und Parkplätze zu verringern, und durch breitere Radwege zu ersetzen, oder bestimmte Straßen in Fußgänger- und Radfahrer*innenzonen umzuwandeln. Um sich Erholungsräume und saubere Luft in der Stadt zurückzuholen ist eine in einigen Städten bereits durchgeführte Initiative der „Park(ing) Day“. Jeden dritten Freitag im September werden Parkplätze in temporäre Grün- und Spielflächen umgewandelt.
Generell gehe es in einer Postwachstumsstadt vor allem darum, Räume zu teilen. Zum Beispiel durch die Schaffung von kooperativen Wohnformen wie Wohngemeinschaften, Nachbarschaftszentren, gemeinschaftliches Gärtnern oder der Nutzung von sogenannten Co-Working Spaces, also geteilten Arbeitsräumen. Zusätzlich plädieren die Autor*innen stark für ein alternatives Arbeitsmodell, indem zum Beispiel Arbeitstage reduziert werden oder vermehrt von Zuhause aus gearbeitet wird. Dies würde auch die Mobilität reduzieren, denn „eine Postwachstumsstadt muss eine Stadt der kurzen Wege sein“.
Außerdem sei eine nachhaltige Gestaltung städtischer Ernährungssysteme notwendig. Schritte dafür wären der Rückgang der „Fremdversorgung“ zu Gunsten lokaler und regionaler Lebensmittel, Selbstversorgung, oder der Verzicht auf Verpackungen. In Schulen könnte hier bereits angesetzt werden, durch einen gemeinsamen Gemüsegarten oder ein regionales Lebensmittelangebot in den Kantinen. Ein Anfang für alle wäre sich Zeit fürs Kochen und Essen zu nehmen, um Lebensmittel wieder mehr wertzuschätzen.
Städte gemeinsam verändern.
Den Leser*innen wird insgesamt bewusst gemacht, dass eine ressourcenleichte, umweltschonende Bedürfnisbefriedigung sowie eine andere Organisation und Nutzung von Besitz, Markt, Raum und Zeit möglich sind. Das Leben in Postwachstumsstädten erlaubt Lebensweisen zu entwickeln, „die stärker von Respekt und Wertschätzung für Mitmenschen und zukünftige Generationen, für Natur, Ressourcen, Güter und Dinge, sowohl im lokalen als auch globalen Kontext geprägt sind“. Das Fazit lautet: „Das Leben in der Postwachstumsstadt riecht und schmeckt nach Erfüllung, Solidarität und Gemeinschaft“.
Unabhängige Beiträge ohne gemeinsame Conclusio.
Da die Beiträge im Buch unabhängig voneinander betrachtet werden und keine gemeinsame Conclusio präsentiert wird, wirkt das Werk teilweise wiederholend und der Zusammenhang zwischen den einzelnen Passagen fehlt. Obwohl damit kein umfassender Entwurf für eine Postwachstumsstadt gelungen ist, stellt es einen ersten und wichtigen Schritt dar. Der Diskurs zur Postwachstumsstadt wird angeregt. Den Autor*innen ist eine Visualisierung einer Stadt ohne Wachstum geglückt.
Das Buch begeistert, inspiriert und motiviert!
Von der ersten bis zur letzten Seite des Buches werden die Leser*innen förmlich zur Postwachstumsstadt hingezogen. Nach dem Lesen kann man es kaum erwarten, in der im Buch dargestellten Zukunftsstadt von morgen zu leben und diese mit allen Sinnen wahrzunehmen. Besonders gelungen ist den Autor*innen die Praxisnähe, wodurch Leser*innen bestärkt werden anzufangen, das Leben in der Stadt zu verändern. Die rund 300 Seiten können dafür als Anleitung und Inspiration dienen. Insgesamt ist das Werk äußerst lesenswert, und für alle zu empfehlen, die sich auf eine Reise in die Zukunft begeben möchten. – In eine Zeit, in der Städte „fundamental anders sind, anders aussehen, schmecken, riechen, sich anfühlen“.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Foto: Postwachstumsstadt © oekom Verlag.
Weiterführende Links:
Website zum Buch
Plattform Postwachstumsstadt
Zum Buch beim Oekom-Verlag
Zum Beitrag über „Wohnen und (Post)Wachstum in Wien“ im Postwachstums-Blog