Eine junge Kommunikationswissenschafterin macht sich auf den Weg, um wieder einmal einige Monate an einem weit entfernten Ort zu verbringen. Doch die Reiselust will diesmal nicht so richtig aufkommen – schon am Flughafen beginnt sie, ihr Reiseverhalten zu hinterfragen.
Die Autorin Claudia Endrich nimmt uns in ihrem Buch mit auf ihre persönliche Reise zu mehr Umweltbewusstsein und Selbstreflexion und bringt dabei reiselustige Leser*innen zum Nachdenken.
Im Gespräch mit Reisenden.
Claudia, die für ein halbes Jahr nach Peru zu ihrem Freund Tom zieht, der dort gerade ein Auslandssemester macht, hat selbst schon mehrere Monate auf verschiedenen Kontinenten verbracht. Nun beginnt das schlechte Gewissen aufgrund der vielen emissionsreichen Flüge an ihr zu nagen und sie fragt sich: Was soll das ganze Reisen? Woher kommt dieses starke Bedürfnis, jedes Jahr möglichst weit weg zu fliegen? Bringen Reisen wirklich etwas?
Während ihrer Zeit in Peru trifft sie viele Menschen, mit denen sie über ihr persönliches Reiseverhalten und ihre Erfahrungen mit Tourismus spricht: Freiwillige, Aussteiger*innen, Hängengebliebene, Sinnsuchende, Sporturlauber*innen, ewig reisende Pensionist*innenpaare, aber auch Einheimische wie Busfahrer*innen, Lokalbetreiber*innen und Handwerker*innen. Nicht alle teilen ihre Gedanken. Ein Bergsteiger in den Anden meint: „Mein Spanisch ist zwar automatisch besser geworden, aber solange ich mich verständigen kann, ist mir das eigentlich egal. Die Kultur interessiert mich eigentlich auch nicht besonders. Ich will einfach auf ganz bestimmte Berge rauf, von denen ich gehört habe. Das sind Höhen und Schwierigkeitsgrade, die man bei uns in den Alpen nicht findet.“
Strapazen werden oft verschwiegen.
Erzählungen von Auslandsaufenthalten sehen oft anders aus als die Realität. Sie werden paradiesisch geschildert, nur die schönsten Fotos hergezeigt und die Reisenden um ihre bewundernswerten Erfahrungen beneidet. Doch dahinter stecken oft Schwierigkeiten, über die niemand reden will.
Einsamkeit, sprachliche Barrieren oder schwierige Prüfungen gehören oft zu einem Auslandssemester dazu. “Projekte wie Erasmus sind Grundsteine einer modernen, offenen Gesellschaft“, ist die Autorin überzeugt. Dabei sei es aber wichtig, herausfordernde Situationen nicht zu verschweigen.
Sie selbst hatte mühsame Erfahrungen mit einem alten VW-Bus: Auch sie und ihr Freund haben es schon versucht, mit der romantischen Vorstellung, ganz frei überall hinfahren zu können und auch gleich eine Unterkunft dabei zu haben. Leider machte der Bus das nicht so lange mit und sie mussten hohe Reparaturkosten auf sich nehmen und den VW-Bus-Traum schlussendlich aufgeben.
Armut und Umweltverschmutzung landen nicht auf Instagram.
Im Zusammenhang mit Freiwilligendiensten, deren Nutzen für die Betroffenen oft hinterfragt wird, wirft die Autorin eine spannende Frage auf: Würdest du die Reise auch ohne Kamera machen?
Heutzutage werden Reiseziele oft aufgrund ihrer „Instagramability“ ausgesucht, also deren Tauglichkeit für beeindruckende Fotos, die dann im Internet verbreitet werden können. Hergezeigt werden aber natürlich nur Fotos von der heilen Welt. Von Armut oder Umweltverschmutzung, denen man auf Reisen regelmäßig begegnet, werden weder Fotos noch Erzählungen verbreitet. Anerkennung im sozialen Umfeld scheint ein Hauptmotiv für ferne Reisen zu sein.
Was ist ethisch korrekter: Surfurlaub oder Kulturreise?
Umweltbewusste Reisende mögen bei diesen Vorwürfen denken: „Ich unterstütze doch nicht den Massentourismus und wenn ich wo hinfahre, dann um die Kultur und Menschen kennenzulernen“. Claudia Endrichs Erfahrung nach landet man als „alternative“ Touristin aber doch öfter als gewollt an Orten des Massentourismus. Aber ist es überhaupt weniger verwerflich, einen Flug zu buchen, um die lokale Kultur kennenzulernen als Surfurlaub zu machen? Schlussendlich kann man einen Ort nicht einmal in wenigen Monaten wirklich kennenlernen, geschweige denn in ein paar Wochen. Außerdem sind es doch wieder die Kulturinteressierten, die Zoobesuch-ähnliche Touren zu indigenen Dörfern unternehmen. Auch statistisch stehen die gebildeten und weltoffenen Reisenden nicht gut da: Grünwähler*innen fliegen von allen Wählerschaften am meisten. Reisegrund sind immer öfter Besuche von Freund*innen und Verwandten, die im Ausland studieren oder arbeiten.
Reisen als Flucht und Suche.
Den im Laufe des Buches geführten Gesprächen kann man entnehmen, dass viele Reisende eigentlich auf der Flucht sind vor ihrer Arbeit, Familie, ihren Sorgen, ihrem stressigen Leben. Auf Reisen kann man entspannen, sich anders verhalten ohne verurteilt zu werden, das eigene Leben mal aus der Ferne betrachten und sich wieder der schönen Dinge zuhause bewusst werden. Doch müssen wir dafür zuerst lange in einem Flugzeug sitzen? In einem Hostel fragt sie einen australischen Yoga-Lehrer, was er denn von dem, was er auf Reisen macht, zuhause nicht machen kann. Nach kurzem Innehalten gibt er zu: „Es ist nicht so, dass ich es nicht machen kann, ich mache es zuhause einfach nicht.“
Für Endrich wird immer klarer, dass es in einer komplett erschlossenen und leicht erreichbaren Welt keine ruhigen Wälder mehr gibt, wo man zu sich selbst, zu Gott oder wonach auch immer man auf der Suche ist, finden kann: „Unsere Wälder liegen in neuen Verhaltensweisen und Gewohnheiten.“, schließt sie.
Leichte Unterhaltung mit Tiefgang.
Die Autorin schafft es, in einem persönlichen und unterhaltsamen Stil wichtige Fragen aufzuwerfen, ohne Menschen anzuprangern. Die vielen Gespräche machen die Reflexion lebendig und geben unterschiedlichsten Sichtweisen ihren Raum. Antworten findet man keine, dafür spannende Fragen, die man sich vielleicht noch nicht gestellt hatte.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Endrich, Claudia: Das nächste Mal bleib ich daheim. Umweltbewusstsein um Gepäck. Wien: Edition Atelier, 2020. 237 S., ISBN 978-3-99065-027-1.
Foto © Edition Atelier.