Wie manifestieren sich ungleiche Machtverhältnisse an Orten, an denen wir uns täglich bewegen? Ein Artikel über aktuelle städtische Entwicklungen, die Auswirkungen neoliberaler Stadtpolitiken und wie diesen entgegengewirkt werden kann.
Städte sind stets im Wandel. Sie sind nicht mehr nur Orte der Begegnung, sondern vielmehr Orte der Produktion und Konsumtion. Seit den 80-iger exkludieren Stadtpolitiken gezielt bestimmte soziale Gruppen. Das kollidiert mit dem „Recht auf Stadt“ der Bewohner*innen, also dem Recht auf gleichberechtigte Teilhabe und Gestaltung der urbanen Gesellschaft. Hoher Leerstand, Spekulation, ansteigende Mietpreise, der Rückgang öffentlicher Räume, vermehrte (rassistische) Sicherheitskontrollen an öffentlichen Plätzen der Stadt lösen Konflikte aus.
Gentrifizierung als „neues“ städtisches Phänomen.
Ein Begleiter kapitalistischer, neoliberal regierter Städte ist Gentrifizierung, also die Aufwertung von Stadtteilen. Damit sollen Städte untereinander konkurrenzfähig gemacht werden und für die Mittel- und Oberschicht sowie Tourist*innen attraktiver. Leute mit weniger Einkommen müssen jenen mit höheren Ressourcen weichen. Besonders davon betroffen sind „Arbeiter*innenviertel“ und Stadtteile mit hohem Migrationsanteil, wie das Wiener Brunnerviertel im 16. Gemeindebezirk Ottakring.
Vom „Arbeiter*innen- und Migrant*innenviertel“ zum „schicken Bobogrätzl“.
Das Wiener Brunnenviertel erfährt durch die seitens der Stadt induzierten Aufwertungen seit einigen Jahren einen Wandel hin zu einem „hippen“ Viertel. Deutlich wird dies speziell am stark frequentierten Yppenplatz: Teure Bars, Schanigärten, neu sanierte Häuser sowie Dachgeschoßbauten zeichnen den Ort mittlerweile aus. Die Kommerzialisierung des Platzes führt dazu, dass öffentlicher Raum enger wird: Freie Spielfläche sowie Sitzbänke weichen teuren Terrassenkaffees, die besonders bei jungen Studierenden und Tourist*innen beliebt sind. „Das ist ein Ort mit viel hochpreisiger Gastronomie, wo auch ein – ich sag´ mal – hipperes Publikum hinkommt und klischeemäßig ihren Aperol Spritz trinken und dann wieder weg ist“, so eine Aktivist*in in Wien.

Terrassenkaffee Wirr am Yppenplatz im August 2019 © Theresa Goisauf.
Die von der Stadtpolitik gezielt angetriebene Aufwertung führt dazu, dass lokale Gewerbe schwinden und Mietpreise ansteigen. In der derzeitigen Stadtpolitik werden Modelle von Wenigen für Wenige entworfen und die Stadtbewohner*innen damit zunehmend aus ihren Räumlichkeiten verdrängt. Dies führt zu Widerständigkeiten seitens der Stadtbewohner*innen.
Gentrifizierung ist umkämpft und löst Widerstand aus.
Diese durch Gentrifizierung produzierte Verdrängung löst zunehmend Konflikte in den Städten aus. „Keiner sollte ein Recht darauf haben, mit existenziellen Bedürfnissen Profit zu machen“, argumentiert ein Aktivist (Interview, Juli 2019, Wien). Aktivist*innen sozialer Bewegungen Wiens und Madrids versuchen sich mit unterschiedlichen widerständigen Praktiken das Recht auf die Stadt zurückzuerobern.

Versammlung von Aktivistinnen am Plaza de Lavapiés in Madrid im Juni 2019 © Theresa Goisauf.
Wie sich Aktivist*innen städtischer Aufwertung entgegenstellen.
Eine gemeinsame Strategie, um sich die Räumlichkeiten in der Stadt wieder anzueignen, ist die Selbstorganisation von Kunst- und Kulturräumen. Dabei gehe es darum, „nicht-kommerzielle Inseln im Zentrum der Stadt“ und Orte der Zusammenkunft und des Austauschs in der Stadt zu generieren, so ein Aktivist aus Madrid. Eine Aktivist*in Wiens meint: „Stadtentwicklung braucht Freiräume. Es kann nicht alles nur in diesen neoliberalistischen Zurichtungen enden, wo einfach bestimmte Leute überhaupt nicht mehr vorkommen“.

Selbstorganisiertes Kunst- und Kulturzentrum in Lavapiés in Madrid 2019 © Theresa Goisauf.
Eine weitere gängige politische Aktionsform in Wien und Madrid ist jene der Besetzung von Häusern, Plätzen, Kunst- und Kulturzentren. Ziel ist es, auf Leerstand, die Notwendigkeit von leistbarem Wohnraum sowie die verfehlte Wohnungspolitik aufmerksam zu machen. Besetzungen sind in diesem Kontext als Gegenbeispiele zur Logik der Gentrifizierung und als politische und kulturelle Gegenhegemonie zur neoliberalen Stadt zu verstehen.

besetztes Haus Nele in der Neulerchenfelderstraße in Ottakring 2019 © Theresa Goisauf.
Wege zu einer gerechteren, solidarischen Stadt für alle.
Für erfolgreichen Widerstand ist vor allem die Mobilisierung von den von Ausgrenzung betroffenen Personen notwendig. Dies ist in Spanien gelungen, wo soziale Bewegungen vor allem seit der Wirtschaftskrise gleichere Rechte einfordern. Studierende, Migrant*innen, Frauen*, Familien, Kinder- und Jugendliche, Pensionist*innen sowie von Zwangsräumung und Obdachlosigkeit Betroffene haben sich zusammengeschlossen, um gegen die verfehlte Sozialpolitik des Landes zu protestieren. Wohnungspolitische Initiativen wie die PAH („Plataforma de Afectados por la Hipoteca“) oder 15-M Bewegung („Bewegung 15. Mai“) haben es geschafft, in den letzten zehn Jahren tausende Zwangsräumungen im Land zu stoppen.
Internationale Vernetzung sozialer Bewegungen.
Lokaler Widerstand reicht aber nicht, um eine erfolgreiche Gegenhegemonie zur neoliberalen Stadt herzustellen. Vielmehr müssen sich städtische Bewegungen auch auf globaler Ebene vernetzen und Erfahrungen und Gemeinsamkeiten im Kampf gegen Gentrifizierung auszutauschen. Wegen zunehmender Aufwertungspolitiken und damit einhergehender ansteigender sozialer Exklusion sind gerade solche Kooperationsprozesse von großer Bedeutung.
Vom Protest zum Programm.
Der wohl wichtigste Schritt zu einer gerechteren Stadt für alle ist künftig eine enge Kooperation sozialer Bewegungen mit lokalen Verwaltungen der Stadt. Die Forderungen und Stimmen der Aktivist*innen sollten künftig in der Stadtplanung- und Entwicklung miteinbezogen werden, um eine gleiche Teilhabe für alle zu garantieren und ungleiche Machtverhältnisse in der Stadt zu reduzieren.
Fotos © Theresa Goisauf
Weiterführende Links:
Artikel über besetztes Haus „Nele“ in Ottakring im Standard
Video zur Hausbesetzung „Nele“ in Ottakring
Artikel über Gentrifizierung im Standard
Interaktive Karte „Beyond Gentrification“