Was passiert mit Fernsehern, Computern oder Mobiltelefonen, wenn sie weggeworfen werden? Landen sie in Agbogbloshie, einem Stadtteil von Accra in Ghana, ist ihr Reise noch nicht zu Ende. Hier türmt sich der Elektromüll, und dazwischen: Menschen, die versuchen, an wiederverwertbare Rohstoffe zu kommen.
„Welcome to Sodom“ ist ein Dokumentarfilm von Florian Weigensamer und Christian Krönes aus dem Jahr 2018 über eine Elektromülldeponie in Accra, der Hauptstadt von Ghana. Der Film zeigt den Lebensalltag jener, die auf diesem vergifteten Flecken Erde leben und arbeiten. Die rund 6000 Männer, Frauen und Kinder, die an diesem Ort in Wellblechhütten wohnen, nennen die Deponie „Sodom“. „Sodom“, wie der Ort aus dem Alten Testament, den Gott durch Feuer und Schwefel vernichten ließ. Tag für Tag arbeiten sich die Bewohner*innen durch Elektroschrott aus dem Westen, um noch etwas daran verdienen zu können. Ohne Schutz vor giftigen Dämpfen oder Plastik- beziehungsweise Glassplittern werden die weggeworfenen Geräte zertrümmert oder angezündet. Ziel ist es, die kostbaren Metalle aus dem Schrott herauszulösen um sie weiterverkaufen zu können. Das Resultat: vergiftete Luft, vergiftetes Wasser und vergifteter Boden.
Alltag in Sodom.
Der Film folgt mehreren Menschen bei ihren alltäglichen Tätigkeiten: ein junger Mann, der Medizin studiert hatte, aber auf Grund seiner Homosexualität fliehen musste. Ein Mädchen, das sich die Haare rasiert und Jungenkleidung trägt, um nach Metallresten im Boden suchen zu können (eine Arbeit, die eigentlich Männern vorbehalten ist). Eine Frau, die ihren Mann verloren hat und sich durch den Verkauf von Wasser durchzuschlagen versucht. Ein Arbeiter, der in den Pausen im selbstgebauten Tonstudio Rap Songs aufnimmt. Sie alle erzählen von ihrer Geschichte, ihren Hoffnungen und Zukunftsträumen. Sie alle sehnen sich nach einem besseren Leben und Sicherheit, doch dafür braucht es finanzielle Mittel. Viele erhoffen sich diese durch ihre Arbeit in Agbogbloshie. Das junge Mädchen erklärt: „Überall liegt Eisen am Boden. Es ist wie Geld, das aber niemanden gehört“, und fügt etwas später hinzu: „Das ist ein guter Ort. Hier kann ich arbeiten und Geld machen. In meiner Heimatstadt würde mich die Polizei verhaften. Aber hier kümmert sich niemand. Alle Kinder arbeiten“.
Was bei den Zuseher*innen Endzeitstimmung vermitteln mag, ist für viele Menschen ein Ort der Hoffnung und wird zum möglichen Sprungbrett in ein anderes Leben. Menschen aus ganz Ghana und aus Nachbarländern kommen nach Agbogbloshie, um ihr Glück in Form von wiederverwertbaren Metallen zu suchen.
Berichten ohne zu urteilen.
Die beiden Regisseure arbeiten in „Welcome to Sodom“ nicht mit klassischen talking-heads (dt.: sprechende Köpfe) Interviewmethoden, es kommt zu keinem Frage-Antwortspiel zwischen den Filmschaffenden und den Protagonist*innen. Die Handlungsstränge werden von den gefilmten Bewohner*innen von Agbogbloshie getragen. Sie selbst erzählen von ihrem Alltag, den Hindernissen, denen sie täglich begegnen, ihren persönlichen Geschichten und Wünschen. Dadurch entsteht ein komplexes Bild der Situation in „Sodom“, ohne sichtbare Bewertung von außen. Es wird von Strapazen berichtet, aber auch von erhofften Möglichkeiten. Es gibt im Film keine Kommentare von Seiten der Regisseure, was den Film nicht moralisierend wirken lässt.
Postapokalyptische Bilder in der Gegenwart.
„Welcome to Sodom“ erzählt die Geschichte der Elektromülldeponie in Ghana aber nicht nur durch die individuellen Erzählungen von Menschen, die dort leben und arbeiten, sondern auch durch starke visuelle Eindrücke. Bilder von schwarzer, verbrannter Erde und wild wütendem Feuer. Bilder von Menschen und Tieren zwischen Rauch, Gestank und Müll. Diese Aufnahmen wirken geradezu surreal und doch nah – ein postapokalyptisch anmutender Ausschnitt der Gegenwart. Vielleicht fesseln diese gewaltigen Bildeindrücke auch gerade deshalb so sehr, weil sie die tatsächlichen Auswirkungen einer Konsum- und Wegwerfgesellschaft zeigen.
Durch die Augen der Betrachter*innen.
Mit diesen gewaltigen, manchmal dramatisch wirkenden Bildern, hebt sich „Welcome to Sodom“ von anderen Dokumentarfilmen ab. Auch der Einstieg in den Film unterscheidet sich von klassischen Dokumentarfilmformaten: Aus dem Off erzählt eine Stimme eine alte Sage über die Entwicklung der Welt, die einst ein Paradies gewesen sei, jedoch durch den Menschen zu Grunde gerichtet wurde: „Vor nicht allzu langer Zeit war die Erde ein Paradies. Für alle Menschen. Aber sie achteten weder das Land noch die Tiere. Und sie sorgten auch nicht für einander.“ Kurz danach werden die verbrannte Erde und die Müllberge von Agbogbloshie eingeblendet.
Der Film hinterlässt ein beklemmendes Gefühl, was nicht zuletzt an den oben beschriebenen Bildimpressionen liegt. Die Zuseher*innen bekommen eine Idee von der Lebensrealität in Agbogbloshie, auch wenn nur individuelle Erfahrungen gezeigt werden. „Welcome to Sodom“ geht nicht auf die globale Wertschöpfungskette und die Verbrauchskultur des Globalen Nordens ein, die „Sodom“ entstehen ließen. Der Film zeichnet ein Bild von „Sodom“, ohne die portraitierten Menschen zu Opfern globaler Ungleichheit zu stilisieren. Der Blick der Regisseure darf dabei aber nicht vergessen werden: Die wirkungsvollen Aufnahmen und ihre schauerlich schöne Ästhetik sind schlussendlich gewollt und spiegeln auch nur einen Teil der Realität in „Sodom“ wieder.
Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Interview mit den beide Regisseuren
Foto © Welcome to Sodom