Im Rahmen der Veranstaltung Feminist Activism and Solidarity across borders (dt.: Feministischer Aktivismus und Solidarität über Grenzen hinweg) traten Nikita Dhawan und Chandra Mohanty in Dialog und diskutierten vor großem Publikum transnationalen feministischen Aktivismus.
Anlässlich des neu erschienenen Buchs Feminist Freedom Warriors: Genealogies, Justice, Politics, and Hope (dt.: Feministische Freiheitskämpfer*innen: Genealogien, Gerechtigkeit, Politik und Hoffnung) von Chandra T. Mohanty und Linda E. Carty, wurde Mohanty am 27. Mai auf Initiative der Frauen*solidarität in Kooperation mit zehn weiteren Organisationen (detailierte Auflistung am Ende des Artikels) in den Festsaal der Sigmund Freud Universität Wien eingeladen.
Als Professor*in und Aktivist*in um die Welt.
Chandra Mohanty studierte Englisch in Indien und setzte ihre Laufbahn mit einem Masterstudium der Bildungswissenschaften in den USA fort. Sie hat an Universitäten in Afrika, Asien, Lateinamerika und Europa gelehrt und ist derzeit Professorin für Geschlechterforschung an der Universität Syracuse in New York. Mohanty zählt zu den Theoretiker*innen, die postkoloniale transnationale feministische Theorien maßgeblich geprägt haben. In ihren bisherigen Arbeiten plädiert sie für einen antikapitalistischen Feminismus und eine antirassistische, antikoloniale Bildung und Politik. Auch in ihrem neuen Projekt geht es darum, antikoloniale feministische Solidarität über Grenzen hinweg herzustellen.
Was zeichnet Mohantys Arbeit aus?
In einleitenden Worten sprach Nikita Dhawan über Mohantys eindrucksvollen Werdegang und ihre bedeutendsten Werke. Besonders die Texte Under Western Eyes (dt.: Unter westlichen Augen) und Feminism without borders (dt.: Feminismus ohne Grenzen) seien Schlüsselwerke, die feministische Diskurse auf globaler Ebene verändert hätten. Die Autor*in kritisiert den „westlichen“ Feminismus und dessen diskursive Konstruktion der „Dritte-Welt Frauen“. Es werde angenommen, dass „Dritte-Welt Frauen“ nicht in der Lage seien, für sich selbst zu sprechen. Damit würden Feminist*innen aus dem „globalen Süden“ homogenisiert und viktimisiert. Mohanty zeigt auf, dass sich die Diskriminierungserfahrungen der Frauen* aus dem „globalen Süden“ nicht generalisieren lassen und aus historischen, kulturellen und individuellen Gründen sehr unterschiedlich sind. Daran angelehnt entstand auch Mohantys aktuellstes Werk Feminist Freedom Warriors: Genealogies, Justice, Politics, and Hope.
Feministische Freiheitskämpfer*innen.
„Vor vier Jahren haben wir beschlossen, dass wir raus in die Welt gehen, um anderen das weiterzugeben, was wir wissen (…)“, erklärte Mohanty. Das Buch sei eine Sammlung von Erzählungen von sieben Feminist*innen und women of color aus dem „globalen Süden“. Die Frauen* würden sich über ihre gemeinsamen Erfahrungen in ihren jeweiligen antirassistischen, antikapitalistischen und feministischen Kämpfen austauschen. Besonders schwierig sei es, diese Kämpfe über nationale Grenzen hinweg zu führen. Im Laufe des Abends betonte Mohanty, dass es sich um ein Gemeinschaftsprojekt mit Feminist*innen verschiedener Generationen und Weltregionen handle. Die transnationale Vernetzung von Feminst*innen sei besonders relevant, um eine Gegenhegemonie zum neoliberalen patriarchalen System aufzubauen. Dabei sei Solidarität sowie der Austausch über gemeinsame Erfahrungen von women of color eine wichtige Voraussetzung.
„Unsere Leben sind alle miteinander verbunden!“
„Am meisten inspiriert mich an diesem Projekt , dass es Verbindungen zwischen diesen Frauen* gibt. Jede* von ihnen ist in bestimmten historischen Momenten in Kämpfe verwickelt gewesen, was sie dazu gebracht hat, über Visionen von sozialer Gerechtigkeit nachzudenken“, so die Aktivist*in. Mohanty setzte fort: „In den Geschichten, die wir erzählen, stellen wir uns eine Welt vor, die nicht nur von unserem eigenen Leben abhängt, sondern vielmehr eine, in der all unsere Leben miteinander verbunden sind. Das ist für mich der tiefste Sinn für Solidarität“.
Mit welchen Herausforderungen Feminist*innen konfrontiert sind.
Anschließend wurden Herausforderungen des Projektes sowie transnationaler feministischer Tätigkeiten generell diskutiert. Neben der fehlenden finanziellen Förderung, sei es besonders schwierig, Lebensrealitäten nicht zu generalisieren oder zu vereinfachen. Mohanty sowie auch Personen aus dem Publikum merkten kritisch an, dass die sieben Frauen* im Buch natürlich nicht alle Menschen repräsentieren könnten.
Aktivist*innen hätten in ihrer Arbeit immer wieder mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen. Nikita Dhawan betonte an dieser Stelle die Rolle des Staates: „What to do with the bloody state?! (dt.: Was sollen wir nur mit dem leidigen Staat machen?)“, fragte sie provokant. Soziale Bewegungen sowie einige der Positionierungen im Buch würden sich tendenziell gegen den Staat richten. Als Beispiele, wie sich Staatsgewalt auf die Gemeinschaft auswirkt, nannte Mohanty anti-muslimischen Rassismus in Indien sowie die „anti-Migrant*innen Stimmung“ in Europa. Es sei unbedingt notwendig, gegen staatliche Gewaltformen vorzugehen.
Zusammenschluss und Konversation als mögliche Lösungswege.
Für den Kampf gegen Staatsgewalt, gegen sexuelle Gewalt an Frauen*, Rassismus und neokoloniale Strukturen, müssten Gegenbewegungen gebildet werden, folgerte Mohanty. Es sei unerlässlich, sich untereinander zu vernetzen, aber auch Gespräche mit jenen zu führen, die sich unterschiedlich positionieren. Sich also auch in Räumen zu bewegen, in denen andere ideologische und politische Werte vertreten werden. „Wir müssen Wege finden, miteinander zu sprechen und zuzuhören”, so ihr Resümee.
Gegen Ende des Abends machte Mohanty deutlich, dass es neben grenzüberschreitender Solidarität, Konversationen und dem Zusammenschluss, besonders wichtig sei, interkulturell zu arbeiten, Wissen über Grenzen hinweg zu produzieren, und zu dekolonisieren. Es bräuchte viel mehr „wonderful thinking“ (dt.: wunderbares Denken) – also unabhängig von Ort, Alter und Herkunft, Wissen und Erfahrungen zu teilen, andere Perspektiven zu verstehen, kollektive Identitäten zu generieren, und gemeinsam über Grenzen hinweg für Gerechtigkeit zu kämpfen.
Mitorganisator*innen: Brot für die Welt, Frauenhetz, Gender and Agency, Gender and Transformation, Institut für Afrikawissenschaften, Institut für Internationale Entwicklung, Institut für Kultur- und Sozialanthropologie, Referat Genderforschung, VIDC – Vienna Institute for international Dialogue and Cooperation and WIDE-Netzwerk
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
Projekt und Buch Feminist Freedom Warriors
Interview mit Mohanty in der Standard
„Under Western Eyes“ revisited: Feminist Solidarity through Anticapitalist Struggles“
Fotos © Frauen*solidarität