Wissenschaft auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit.

Wissenschaft und Hochschulbildung brauchen einen Paradigmenwechsel, wenn sie zu einem sozioökonomischen Wandel und der Erreichung der SDGs beitragen sollen. Dieser Prämisse widmete sich der Workshop „Science in Transition“ im Rahmen der Wachstum im Wandel Konferenz 2018 in Wien.

Gesellschaftliche Transformation für mehr Nachhaltigkeit.

Unter dem Titel „Europe’s Transformation: Where People matter“ (dt.: Europas Transformation: Wo die Menschen zählen) fand im November 2018 die 4. Internationale Wachstum im Wandel Konferenz statt. Interaktive Workshops ermöglichten einen aktiven Austausch zu den vielfältigen Themen der Konferenz: Wachstum, Wohlstand, Lebensqualität und die nachhaltige Transformation der Gesellschaft standen im Zentrum. Internationale Vertreter*innen aus Politik, Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Privatwirtschaft, Forschung und Wissenschaft konnten bei der Konferenz in Dialog treten.
Am Vortag fand die Konferenz „Wissenschaft im Wandel“ in Wien statt, die sich der Frage widmete, wie Universitäten und Hochschulen die Gesellschaft auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen können. Daran schloss die Konferenz Wachstum im Wandel mit dem Workshop „Science in Transition“ (dt.: Wissenschaft im Wandel) direkt an. Im ersten Teil des Workshops fasste Gastredner Arjen Wals (Universität Wageningen) die erarbeiteten Ergebnisse der Wissenschaft im Wandel Konferenz auf. Im interaktiven zweiten Teil, wurde ausgehend von Wals Input an Umsetzungsstrategien gearbeitet. Moderiert wurde der Workshop von Helga Kromp-Kolb (BOKU) und Gerald Steiner (Donau Universität Krems).

Lernen und Lehren transformieren.

Arjen Wals ist Professor für Transformatives Lernen und sozioökologischer Nachhaltigkeit an der Universität Wageningen in den Niederlanden. Er ist außerdem Inhaber des UNESCO Chair in Social Learning and Sustainable Development (dt.: UNESCO Vorsitz für soziales Lernens und nachhaltige Entwicklung). Seine Lehre und Forschung umfasst Lernprozesse, -Lernäume sowie Vermittlungsstrategien für mehr Nachhaltigkeit in der Lehre. Das herkömmliche Lehr- und Lernformat an (Hoch-)schulen fördere kein vielfältiges, kreatives und zukunftsorientiertes Wissen. Akademiker*innen, so Wals, würden Wissen produzieren, um es in Fachzeitschriften zu veröffentlichen. Ihre Artikel und Beiträge würden den „Markt“ wissenschaftlicher Arbeiten überschwemmen.

Wachstumsdruck statt Inhalt.

Wals zieht hier einen Vergleich zur kapitalistischen Produktionsweise: Ständig besteht der Druck zu wachsen und zu produzieren. „Wer nicht viel veröffentlicht, der geht in der wissenschaftlichen Community unter“, stellte Wals fest. Auch der Stellenwert der Wissenschaft nehme im kapitalistischen System zunehmend ab. Nicht die Qualität der Ergebnisse stehe im Vordergrund, sondern die Quantität. „Mit steigender Anzahl von Publikationen wird die Qualität der Wissenschaft untergraben, wie auch der Wert des Kapitals mit steigender Anzahl abnimmt.“, erläuterte Wals. Seine Sichtweise war unmissverständlich: Wissenschaft und Hochschulbildung sollten nicht auf das Veröffentlichen möglichst vieler Journalbeiträge abzielen. Sie sollten als Think-Tanks fungieren, in denen nachhaltige, nicht-hegemoniale Lebensstile, -räume und Ideen erdacht werden. Wals fügte hinzu, dass universitäre Curricula hinsichtlich der Integration der SDGs überarbeitet werden sollten. So weit, dass diese einen integrativen Bestanteil der Lehr- und Lernziele ausmachen.

Transformativ, Transgressiv, Transdisziplinär.

„Es stellt sich also die zentrale Frage“, folgerte Wals, „wie es möglich ist, neue Lernformen zu schaffen“, welche Kreativität, Qualität und Vielfalt in die Wissenschaft und Hochschulbildung zurückbringen. Infolgedessen müsse auch überlegt werden, in welcher Form dialogisches Arbeiten in offenen Lernräumen und -Prozessen ermöglicht wird. „Wie können Forschung und Gesellschaft im Punkt Nachhaltigkeit verbunden werden? Den Schlüssel stellen die Universitäten dar. „Dort wo die Denker*innen von Morgen sich bilden, muss die Lehre transformativ, transgressiv und transdisziplinär sein“, betonte Wals. Wissenschaft, die sich mit dem Erhalt natürlicher Ressourcen und der Eindämmung des Klimawandels beschäftigt, müsse stärker in eine aktivistische Richtung gelenkt werden. „Man kann sich in seiner Karriere entscheiden, ob man in einem High-End Journal oder in einem aktivistischen Journal veröffentlicht“, stellte Wals fest.

Wissenschaft hat gesellschaftliche Wirksamkeit.

Im zweiten Teil des Workshops ging es um Umsetzungsstrategien. In Kleingruppen wurden Vorschläge zur Transformation in Lehre, Bildung und Forschung diskutiert. Die Ergebnisse der einzelnen Gruppen wurden in der abschließenden Diskussion im Plenum präsentiert. Richtungsweisend seien eine intensivere Zusammenarbeit von Regierenden, Politiker*innen, Lern- und Lehrenden sowie Akteur*innen aus Wissenschaft und Forschung. Es gelte den Transformationsprozess der Wissenschaft und Bildung aktiv umzusetzen und mit der Umgestaltung von Lehre und Lernen zu beginnen. Besondere Aufmerksamkeit solle zukünftig der gesellschaftlichen Wirksamkeit von Wissenschaft gegeben werden. So bestehe die Möglichkeit, die Zivilbevölkerung in Richtung eines Transformationsprozess zu führen, ergänzte Helga Kromp-Kolb.
Wissenschaft im Wandel.

Die Diskussion im Workshop zeigte, dass eine bloße Ergänzung des bestehenden Bildungs- und Forschungssystem nicht ausreichend sei. Engagierte wissenschaftliche Publikationen mit dem Potential für gesellschaftliche Wirksamkeit, sollten höhere Förderungen bekommen.. Die zentralen Akteur*innen hier sind Studierende. Sie werden zu Multiplikator*innen von Wissen. Wie sie dieses verbreiten, liegt in den Händen des Bildungs- und Wissenschaftssystem, in dem sie lernen.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at

 


Weiterführende Links:

T-Lerning
Transformatives Lernen
Allianz nachhaltiger Universitäten
Konferenz Wachstum im Wandel


 

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung, Sozial-ökologische Transformationen, Themen.