Welche Maßnahmen müssen ergriffen werden für einen gerechten Übergang zu einer kohlenstoffarmen Gesellschaft? Welche Rolle nehmen Arbeit und Zivilgesellschaft in dieser Zeit ein? Diese Fragen diskutierten ExpertInnen im Rahmen der 4. Internationalen Wachstum im Wandel Konferenz in Wien.
Unter dem Titel „Europe’s Transformation: Where people matter“ (dt.: Europas Transformation: Wo die Menschen zählen) fand am 14. und 15. November 2018 die 4. internationale Wachstum im Wandel Konferenz im Austria Center in Wien statt. Die Initiative Wachstum im Wandel bietet einen Raum für Menschen, sich mit Fragen zu Wachstum, Wohlstand und Lebensqualität auseinanderzusetzen. Organisiert wurde die Konferenz vom Bundesministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus in Zusammenarbeit mit dem Umweltbundesamt und der Unterstützung von 31 weiteren Stakeholder-Organisationen.
Folgen der Transformation.
Die Eröffnung der Konferenz bot nicht nur österreichischen PolitikerInnen eine Bühne, auch Ban Ki-Moon, ehemalige Generalsekretär der Vereinten Nationen, war als Redner zu Gast und richtete appellierende Worte an seine VorrednerInnen und das Publikum. Der weitere Verlauf der Konferenz war in interaktiven Panels organisiert. Das Panel „A just transition to a low carbon economy – the role of labour and civil society“ (dt.: Eine gerechter Übergang zu einer kohlenstoffarmen Wirtschaft – die Rolle von Arbeit und Zivilgesellschaft) wurde am 15. November 2018 von der Arbeiterkammer Wien, attac, Global 2000 und der Produktionsgewerkschaft (PRO-GE) organisiert.
Der Weg zu einer emissionsarmen Wirtschaft wird weitreichende Auswirkungen auf die Existenzgrundlage, Konsumgewohnheiten und die Arbeitsplätze von ArbeiterInnen haben. Im Rahmen einer „just transition“ (dt.: gerechter Übergang) wird versucht, Maßnahmen zu schaffen, die die negativen Folgen dieses Wandels mildern könnten. Hierzu diskutierten Sigrid Stagl (WU Wien), Sylvia Leodolter (Arbeiterkammer), Pablo Solón (Fundación Solón), Johannes Wahlmüller (GLOBAL 2000) und Susi Haslinger (PRO-GE). Moderiert wurde das Panel von Alexandra Strickner (attac).
Gerechter Wandel – Utopie oder Realität?
Nach der Eröffnung des Panels durch Alexandra Strickner, sprach Sigrid Stagl über eine sozial-ökologische Transformation mit Fokus auf den Arbeitsmarkt. Für Stagl bedarf eine gerechte Transformation einer Auseinandersetzung mit Lohnarbeit. Neben einer Neudefinierung des Verständnisses von Arbeit, Arbeitszeit und Arbeitsteilung sprach sie sich für eine multidisziplinäre Herangehensweise aus. Innerhalb dieser Herangehensweise müssen gender- und umweltsensible Perspektiven, die ihrer Meinung nach in der Vergangenheit zu kurz kamen, berücksichtigt werden, um nachhaltige Arbeit gewährleisten zu können. Aufbauend auf den Impulsvortrag eröffnete Alexandra Strickner nach einer kurzen Vorstellungsrunde die Diskussion. Drei Fragen dienten als Rahmen für das Panel: „Neue Arbeitszeiten? Wie ist Arbeit verteilt?“ und „Wie ist Arbeit definiert?“
Konsum im Wandel.
Susi Haslinger ergriff als erste das Wort. Ihrer Meinung nach fehle eine zentrale Frage, und zwar die nach der Veränderung der Lebensweise und des Konsumverhaltens. In Ihrer Rolle als Gewerkschaftsvertreterin sprach sie von den Herausforderungen in Gesprächen mit IndustriearbeiterInnen über Veränderungen der Lebensweise und des Konsumverhaltens. „Die sozialen Auswirkungen der Transformation werden enorm sein“, so Haslinger. In diesem Sinne brauche Transformation ein gut etabliertes wohlfahrtsstaatliches Netz, um einen sozial gerechten Übergang sicherzustellen.
Gerechter Wandel statt Klimawandel. Sind diese Ziele vereinbar?
Silvia Leodolter stimmte ihrer Vorrednerin zu und betonte den globalen multidisziplinären Charakter der Thematik. Skeptisch war Leodolter aber hinsichtlich der Verwirklichung einer gerechten Transformation unter Berücksichtigung der Klimaziele. Der notwendige Übergang sei ihrer Meinung nach immer noch ein idealistisch geprägter. „Gerechter Wandel wird in einer Zeit realisiert werden müssen, die von ökonomischen, sozialen, kulturellen, politischen Turbulenzen und wachsenden Krisen gekennzeichnet ist.”, so Leodolter.
Österreich im Wandel.
Johannes Wahlmüller gab sich überzeugt, dass eine Transformation stattfinden werde. Ausschlaggebend seien dabei aber zwei Fragen: Wird diese Transformation früh genug stattfinden um den Klimawandel zu bekämpfen? Und wird dieser Wandel sozial gerecht sein? Die momentane Geschwindigkeit sei zu langsam. Der Staat Österreich habe seine Emissionen in den letzten 30 Jahren nicht reduzieren können. Österreich werde mit der momentanen Entwicklung acht bis neun Milliarden Euro durch die Konsequenzen des Klimawandels verlieren. Ein gerechter Wandel wäre daher im Interesse der österreichischen Regierung und der Bevölkerung.
Alternative Arbeit versus Kapitalismus.
Bevor Pablo Solón zu Wort kam, wurde er von Alexandra Strickner gebeten, die größten Unterschiede hinsichtlich einer gerechten Transformation zwischen dem globalen Süden und dem globalen Norden zu beschreiben. Für Solón sei das der Faktor informelle Arbeit. Als informell wird all jene Arbeit bezeichnet, die nicht im Brutto Inlandsprodukt aufscheint. In manchen Ländern würde diese bis zu 60 Prozent der gesamten Arbeitsleistungen betragen. Die Zukunft am Arbeitsmarkt sehe Solón in Berufen, die sich dem Erhalt der Erde widmen. Diese würden zwar keine Güter produzieren und somit im Konflikt mit dem kapitalistischen Wertesystem stehen, stellen aber vor dem Hintergrund eines sich verändernden Arbeitsmarktes eine Alternative dar. Diese Alternativen würden aber nur möglich, wenn der Arbeitsmarkt demokratisiert und mit traditionellen Hierarchien und dem traditionellen Verständnis von Arbeit gebrochen werden würde.
„Gerechter Wandel braucht Politiken der Hoffnung, nicht der Angst“, schloss Alexandra Strickner. Mithilfe einer maßgeblichen Umstrukturierung des Arbeitsmarktes unter der Einbeziehung aller betroffenen Akteure könnte die Grundlage für eine gerechte Transformation geschaffen werden.
Der Autor ist Praktikant im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at