Eine Kontroverse über Denkverbote und Sprechgebote. Ein Kommentar.

Am 20. März 2018 lud die Wirtschaftsuniversität Wien bereits zum 16. Mal zur „NachhaltigkeitsKontroverse“ ein. Dabei lieferte Gastredner und Philosoph Robert Pfaller in der Tat einige strittige Aussagen über „politische Korrektheit“. Anschließend folgte eine Podiumssdiskussion mit den WU-ProfessorInnen Ingolfur Blühdorn, Bernadette Kamleitner, Verena Madner und Pfaller selbst.

„Ich will, dass gestritten wird!“

Mit diesen Worten und einem Augenzwinkern eröffnete  Moderator Fred Luks (WU)  die Veranstaltung. Zwar kann man rückblickend nicht wirklich von einer moderierten Streitkultur sprechen, jedoch trafen tatsächlich sehr unterschiedliche Sichtweisen und Wertvorstellungen aufeinander. Auch im Publikum waren starke Emotionen spürbar.

Wirtschaft trifft Philosophie.

Selbst als Leiter des WU-Kompetenzzentrums für Nachhaltigkeit tätig, stellte Luks Gastredner Robert Pfaller (Kunstuniversität Linz) vor. Allein, dass ein Professor für Philosophie an die WU eingeladen wird, um über Gesellschaft und Politik zu sprechen, mag so manchem/mancher bereits kontrovers erscheinen. Doch damit nicht genug: Weiters war auch ein Podium bestehend aus WU-ProfessorInnen geladen, die, so Luks, teilweise ganz anderer Meinung seien als Philosoph Pfaller. Diese Komposition sollte ein breites Meinungsspektrum abbilden.

Denkverwirrungen und Zynismus.

Der bewusst gelegte Zündstoff wäre aber vermutlich gar nicht notwendig gewesen. Pfaller selbst verstrickte sich mit seiner These über „politische Korrektheit“ bereits in ein Netz aus Widersprüchen, sodass er immer wieder zuvor getätigte Aussagen relativierte oder diese im Nachhinein plötzlich als Zitate anderer WissenschaftlerInnen offenbarte. Eine andere Taktik Pfallers war es, Gegenmeinungen lächerlich zu machen. In Summe ließ der Philosoph, ohne es zu merken, eine Vielzahl an Kritikpunkten auf sein eigenes Glashaus hageln. Während er klare Sprache forderte, redete er selbst oft um den heißen Brei.

„Erwachsenensprache“ versus „politische Korrektheit“.

Bei Pfallers These ging es um das, was er unter „politischer Korrektheit“ versteht und warum er diese kritisiert. Er mockierte sich über einen Film, den er unlängst gesehen hätte. Dieser habe mit einer Warnung begonnen, dass besagter Film „Erwachsenensprache“ enthalte, die die Gefühle der Zuschauenden verletzen könnte. Die Lacher im Publikum ließen vermuten, dass auch die Gäste der „NachhaltigkeitsKontroverse“ diese Warnung als überzogen empfanden. Erst schien es auch noch so, als würde Pfaller dies kritisieren, weil Menschen wie unmündige und „intellektuell unbewegliche“ Wesen behandelt würden.

Der „alte, weiße Mann“ und die Empfindlichkeit.

Doch sein wesentlicher Kritikpunkt lag woanders: Pfaller habe ein Problem mit der „Propaganda der Empfindlichkeit“. Diese werde aus seiner Sicht von neoliberalen MachthaberInnen genutzt, um von „wahren“ Problemen abzulenken. Dass soziale Kämpfe auf die Kultur verlagert würden, verursache dabei aber nur noch weitere Streitereien. Bis hier hin könnte man Pfallers Aussage noch als Populismus-Kritik interpretieren. Denn tatsächlich begegnen manche PolitikerInnen strukturellen Problemen, wie Migration oder Dauerarbeitslosigkeit, häufig, indem sie bestimmten Bevölkerungsgruppen eine Vielzahl (negativer) Charakteristika zuschreiben. Doch Pfaller sprach in aller Deutlichkeit davon, dass „Empfindlichkeit“ in öffentlichen Diskussionen nichts verloren habe. Er zog beispielsweise ins Lächerliche, dass es an Universitäten im angloamerikanischen Raum psychologische Trauma-Zentren gebe. Einige Minuten zuvor warnte der Philosoph vor Pauschalisierungen wie etwa die des „weißen, alten Mannes“ als Sinnbild für eine vermeintlich ausnahmslos privilegierte Gruppe, im nächsten Atemzug entwertete er sämtliche Personen, die psychische Hilfe in Anspruch nehmen. Er unterstellte, Empfindsamkeit werde heutzutage in öffentlichen Debatten bewusst als Waffe eingesetzt, weshalb man diesen Emotionen keine Bühne bieten dürfe.

Neoliberalismus und das „Private“.

Die (neoliberale) Politik betreibe, so Pfaller, „kulturelle Privatisierung“. Sie rede uns eine Art „Hypersensibilität“ ein, um von wahren Problemen abzulenken. Im Zuge dessen lege man uns Sprechgebote unter dem Deckmantel „politischer Korrektheit“ auf. Ironischerweise stützte Pfaller mit seinen Aussagen eine im Neoliberalismus allzu bekannte Taktik: Die Differenzierung von „echten“ Gesellschaftsproblemen und „privaten“ Problemen. Letztere seien aus dieser Sicht Partikularitäten, die in der öffentlichen Debatte und Politik nichts verloren hätten. Dieses Dogma wird im Neoliberalismus verfolgt, wenn es um Bereiche wie Kindererziehung, Hausarbeit oder Pflege geht. Auch Aspekte wie die (psychische) Gesundheit werden dabei oftmals als Partikularitäten dargestellt. Pfaller schien sich seiner Adaption dieser Logik offensichtlich nicht bewusst. Ebenso wenig zog er die Möglichkeit in Erwägung, dass diese „Empfindlichkeit“ strukturell durch ebendieses neoliberale System (mit-)verursacht worden sein könnte, statt rein durch „Gehirnwäsche“ oder als berechnende Taktik.

Unreflektiertheit und Feindseligkeit.

Pfallers These entpuppte sich in Summe als höchst inkonsistent. Er kritisierte Sprechgebote und Denkverbote, während er selbst seinem Publikum solche aufzuerlegen versuchte. Er stellte Emotionalität in „objektiven Diskussionen“ als eine Art unfaire „Schach-matt“-Methode dar, wobei er selbst jegliche Gegenargumente mit Spot und Zynismus abwürgte. Zwar ist es richtig, dass man starke Emotionen in politischen Diskussionen auch hinterfragen sollte. Der Generalverdacht, dass alle Emotionalität in öffentlichen Debatten reine Taktik sei, ist jedoch ein schwerer, zu kurz gegriffener Vorwurf. Dieser verkennt nicht nur Empfindsamkeit als menschliches Wesensmerkmal, sondern auch strukturelle Gegebenheiten, die derartigen Emotionen vorausgehen. Letztlich verunmöglichte Pfaller durch Sprachverstrickungen, Relativierungen und Feindseligkeit jegliche Form von fruchtbarer Diskussion.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 



Weiterführende Links:



– NachhaltigkeitsKontroversen: https://www.wu.ac.at/sustainabilitycenter/events/sustainabilitycontroversies/



Fotoquelle: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Robert_Pfaller.jpg

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