Ein Leben für Demokratie und Solidarität – Zum Tod von Paul Singer II.

Teil II des Nachrufs auf Paul Singer bildet die Fortsetzung seiner bewegten Biographie. Der dialogische Zugang zu Wissensvermittlung und die Solidarische Ökonomie in Brasilien waren zentrale Konzepte im Leben des nahezu unerschütterlichen Optimisten. 

Ökonomie als Sozialwissenschaft.

Mit der beginnenden Redemokratisierung 1979 kehrte Paul Singer an die Universität zurück, zuerst an die Katholische Universität von São Paulo, dann an die USP. Doch beschränkte er sich nie darauf, Wissen bloß weiterzugeben. Schon gar nicht das Wissen der Ökonomie als Disziplin. Immer verstand er Ökonomie als Sozialwissenschaft, offen für den Dialog mit anderen Disziplinen und Perspektiven. Seine Haltung war immer die des Dialogs, des Austauschs und des gemeinsamen Lernens. In diesem Sinne war er Paulo Freire, dem brasilianischen Befreiungspädagogen, eng verbunden. Es war daher eine große Ehre, dass Paul Singer 2005 akzeptierte, Mitglied des Ehrenpräsidiums des österreichischen Paulo Freire Zentrums zu werden. Es ehrt die Wirtschaftsuniversität Wien, dass Paul noch 2013 Zeit fand, ihren Studierenden über seine Erfahrungen zu berichten.

Universität als Elfenbeinturm der Wissenschaft war ihm immer zu wenig. Es zog ihn in die Welt, er wollte verändern und lernen. Nach seiner Erfahrung in der Stadtregierung von São Paulo (1989-1992), entdeckte er in den 1990er Jahren die solidarische Ökonomie, der er bis zu seinem Tod verbunden blieb.

Klassenkompromisse in Brasilien wie in Österreich.

Paul Singer war seit seiner Mitgliedschaft bei der Sozialistischen Partei Brasiliens 1953 ein demokratischer Sozialist. Ich erinnere mich an einen Zeitungsartikel, in dem er in der Stichwahl zur Präsidentschaftswahl 1989 das angestrebte Wirtschaftsmodell der Arbeiterpartei und Lulas mit dem der österreichischen Sozialpartnerschaft verglich. Tatsächlich versuchte Luiz Inácio Lula da Silva ab 2003 in Brasilien einen „sozialpartnerschaftlichen“ Klassenkompromiss umzusetzen. Ganz in der Tradition der europäischen Sozialdemokratie wollte er die tiefen Gräben zwischen reich und arm, weiß und schwarz, oben und unten durch die Einführung von sozialstaatlichen Mindeststandards einebnen, die Sklavenhalter- und Dienstbotinnengesellschaft zivilisieren. Vielen Linken war dies zu wenig; vielen Rechten zu viel. Tatsache ist, dass 2013 6,5 Millionen Hausangestellte erstmals volle soziale Rechte erhielten und Brasilien 2014 an die Welternährungsorganisation FAO berichten konnte, dass der Hunger weitgehend gebannt ist – für sich allein ein Markstein an Zivilisierung.

Die Solidarische Ökonomie ist eine neue Form der Genossenschaftsbewegung, der Selbstorganisation der Arbeiter und Landlosen als Reaktion auf die Wirtschaftskrise. Singers Engagement für diese zivilgesellschaftlichen Initiativen spiegelt seine Ernüchterung über staatliche und parteipolitische Veränderungsstrategien wider. Er war überzeugt, dass die Überwindung des Kapitalismus nicht „von oben“ verordnet werden kann, sondern „von unten“ gemacht werden muss. Die Lehre aus 21 Jahre Diktatur war, Demokratie als Wert, als zentrales Organisationsprinzip zu sehen. Daher sei Wirtschaftsdemokratie, wie sie in der Genossenschaftsbewegung praktiziert wird, der einzig mögliche Weg, ein neues Wirtschaftsmodell zu entwickeln.

Soziale vs. Politische Revolution.

So grenzte er in seinem Buch Uma utopia militante (eine aktivistische Utopie) das Konzept von sozialer Revolution von dem der politischen Revolution ab. Während letztere die ganze politische Energie auf die Eroberung der Regierungs- und Staatsmacht richtet, ist die soziale Revolution ein langsamer, Jahrzehnte, ja vielleicht Jahrhunderte dauernder Prozess der Gesellschaftsveränderung. Demnach, so Singer, wird die Abkehr vom Kapitalismus als soziale Revolution vermutlich ähnlich lange dauern wie dessen langsame Durchsetzung gegen feudale Strukturen.

Zuerst ungewollt, dann bewusst gestaltet, ist Paul Singers Leben eine politische Biographie; ist Zeitgeschichte. Nur knapp entkam er 1940 dem nationalsozialistischen Terror in Österreich. Doch auch in seiner neuen Heimat musste er 21 Jahre Diktatur überleben. Es ist vermutlich die größte Tragik seines Lebens, vor seinem Tod mitzuerleben, dass weder Demokratie noch sozialer Fortschritt unumstößlich sind. 52 Jahre nach dem Beginn der Militärdiktatur 1964 wurde die demokratisch gewählte Präsidentin durch einen parlamentarischen Putsch 2016 abgesetzt. Eine der ersten Aktionen der illegitimen Regierung Temer 2016 war, das Staatssekretariat für Solidarische Ökonomie, das Paul Singer über 13 Jahre geleitet hatte, zu schließen. Das Land wurde von seiner Sklavenhaltervergangenheit eingeholt, „Sklavenhütte“ und „Herrenhaus“ sind zurück; erneut bestimmen die Nachfahren der Kolonialherren Brasiliens Politik.

Heute steht Brasilien an der Kippe zur Diktatur. Politisch motivierte Morde nehmen zu; eine Einheitspresse macht Opposition mundtot und wichtige Repräsentanten der Justiz verletzen fortgesetzt grundlegende Prinzipien der Rechtsstaatlichkeit. Es ist vermutlich kein Zufall, dass Paul Singer eine Woche nach der Inhaftierung Lulas, Brasiliens beliebtesten Ex-Präsidenten, starb.

Wir verlieren einen Freund und ein Vorbild; doch es bleibt die Erinnerung an einen Menschen, der zeitlebens überzeugt blieb, dass eine andere Welt möglich ist.


Andreas Novy ist Universitätsprofessor an der Wirtschaftsuniversität Wien und war wissenschaftlicher Leiter des Paulo Freire Zentrums. 2013 veröffentlichte er zusammen mit Paul Singer und Ana C. Fernandes The linkages between popular education and solidarity economy in Brazil: A historical perspective (In: Moulaert F et al. (eds) The International Handbook of Social Innovation. Collective Action, Social Learning and Transdisciplinary Research. Cheltenham: Edward Elgar: 384-296).

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Weiterführende Links: 

– Andreas Novys Nachruf übersetzt ins Portugiesische von Peter Naumann: https://jornalggn.com.br/noticia/uma-vida-em-prol-da-democracia-e-solidariedade-sobre-a-morte-de-paul-singer-por-andreas-novy


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