Harmonie als demokratisches Prinzip: Politische Bildung in Österreich nach 1945.

Im vierten Vortrag der Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung spannte Thomas Hellmuth einerseits einen Bogen um die einzelnen gehaltenen Vorträge und gab andererseits Einblicke in die Geschichte der Politischen Bildung in Österreich seit 1945.

Der letzte Vortrag der Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für politische Bildung (ÖGPB) mit dem Titel „Politische Bildung in Österreich – Geschichte, Zugänge, Konzepte“ fand am 06. Dezember 2017 im Depot Wien statt. 

Harmoniebedürfnis und politische Abstinenz.

Abwesenheit von politischer Bildung an Schulen nach dem Zweiten Weltkrieg habe vor allem zwei Gründe gehabt, so Hellmuth. Erstens sei die Angst vor ideologischer Nationalerziehung vorhanden gewesen, habe die Schule in der Zeit des Nationalsozialismus doch als Ort der politischen Erziehung fungiert. Zweitens hätte man sich so mit der Rolle Österreichs im Krieg und im nationalsozialistischen System auseinandersetzen müssen. Dies wäre nicht konform mit der offiziellen Opferthese gewesen. Dennoch habe an den Berufsschulen Unterricht in politischer Bildung stattgefunden. Dieser habe aber nicht die Förderung von kritischen und mündigen BürgerInnen zum Ziel gehabt, sondern staatsbürgerliche Integration und Unterordnung unter den Staat. Den Staat selbst habe man als unpolitische Institution, die über politischen Konflikten steht, wahrgenommen. Politische Bildung habe sich dadurch zur Dialektik des Unpolitischen verwandelt, da Schule zu einem politikfreien Terrain und politische Bildung zur Institutionenkunde geworden sei.

Hellmuth führte weiters an, dass Ende der 1950er Jahre Demokratie bedeutet habe, einen Konsens zu finden. Das Individuum hatte sich dem Staat und der Allgemeinheit unterzuordnen. Es sei eine Frage der Balance zwischen individueller Freiheit und festgeschriebenen Rahmenbedingungen gewesen.

Identitätsbildung nach 1945.

Nach dem Kriegsende habe man, so Hellmuth, den Versuch unternommen, ein neues Österreich, eine neue Nation aufzubauen und sich als Opfer von Deutschland abzugrenzen. Im Zuge dieser eigenen Identitätsbildung habe man sich auf Friedfertigkeit, Harmoniebedürfnis und Gutmütigkeit berufen. Betont habe man den Platz Österreichs „im Herzen Europas“, die neugewonnene Neutralität sowie die Rolle als Vermittler zwischen Ost und West. Auch habe man eine Dichotomie von „Zivilisation“ und „Barbarei“ geschaffen und Österreich als schon immer „auf der Seite der Zivilisation“ dargestellt.

Aufbruch?

Im Zuge der 68er Bewegung, so erzählte Hellmuth, habe man schließlich begonnen, neue Ansätze der politischen Bildung zu forcieren. Die Auswirkungen seien auch in den Schulen sichtbar geworden. So sollte 1974 in Abschlussklassen von AHS und BHS das Fach politische Bildung eingerichtet werden. Dies traf jedoch auf Angst vor Indoktrination und Stundenkürzungen. Was darauf folgte, beschrieb Hellmuth als „typisch österreichische Lösung“. Es sei zu einem Grundsatzerlass politischer Bildung als Unterrichtskonzept gekommen. Dennoch sei der Schwerpunkt erneut auf die Betonung des Konsensgedanken anstatt auf Konflikte als notwendige Bestandteile einer Demokratie gefallen. Auch der Grundsatzerlass habe nicht dazu geführt, dass in der LehrerInnenbildung politische Bildung mitgedacht wird. Es werde zwar erwartet, dass die Lehrkräfte politische Bildung in ihren Fächern vermitteln, ausgebildet dazu seien sie aber nicht.

Positiv zu erwähnen sei, so Hellmuth, dass durch die Diskussion die Furcht vor Indoktrination abgeschwächt worden sei. Auch sei es Anfang der 80er Jahre zur Entwicklung eines Lehrgangs zu politischer Bildung gekommen. Außerdem sei es durch diese erste Aufbruchsstimmung und neuen Ansätze auch zur Gründung etlicher Institutionen der Erwachsenenbildung gekommen, die heutzutage ein buntes Gemisch darstellen.

Aufbruch!

Hellmuth betonte außerdem, dass vor allem in den späten 80ern und 90ern eine Durststrecke der politischen Bildung zu finden sei. Zu dieser Zeit sei sie nicht sonderlich im Zentrum des öffentlichen Interesses gestanden. Dies habe sich jedoch mit dem neuen Jahrtausend geändert. Ein Zeichen dafür sei, dass man das Alter des aktiven Wahlrechts von 18 Jahre auf 16 Jahre hinunter gesetzt habe. Auch habe man die Demokratie-Initiative „Entscheidend bist du!“ ins Leben gerufen. Generell sei das Interesse an politischer Bildung stark gestiegen. Teilweise sei dies zwar oberflächlich geschehen, trotzdem habe es dazu geführt, dass eine intensive didaktische Diskussion geweckt wurde. Im Zuge dessen seien auch Theoriemodelle und Methoden der politischen Bildung thematisiert worden und ein eigenes Kompetenzmodell für diesen Bereich wurde ausgearbeitet.

Zusätzlich, so Hellmuth, habe es in den Jahren von 2008 bis 2010 eine Professur für Didaktik der Politischen Bildung an der Universität Wien gegeben, die im März 2017 wieder besetzt worden sei. Es sei zu einer sukzessiven Überarbeitung der Schullehrpläne sowie einer Verankerung der politischen Bildung imUnterricht gekommen, meist in Kombination mit Geschichte oder Geographie und Wirtschaftskunde.

Problem der Ausbildung.

Nichtsdestotrotz sei das Thema politische Bildung keineswegs frei von Komplikationen. Ein Problem ist laut Hellmuth, dass sie ein Anhängsel des Geschichtsstudiums bleibe und keine eigene Ausbildung zum politischen Bildner oder zur politischen Bildnerin erfolge. Man solle in Betracht ziehen, eine neue, eigene Ausbildung zu denken, die Synergienschafft. Die LehrerInnen der einzelnen Fächer stellen sich hierbei jedoch quer, da sie Angst um ihre Stunden haben und die Gefahr von Halbwissen beziehungsweise oberflächlichem Wissen bestehe.

Trotz bestehender Mängel habe es, so Hellmuths Resümee, seit den 70er Jahren eine Entwicklung hin zur professionalisierten politischen Bildung gegeben. So habe sich ein weiter Politikbegriff durchgesetzt und Konflikte seien als zentraler Bestandteil einer Demokratie anerkannt worden. Auch haben sich Multiperspektivität und Kontroversität als didaktische Grundprinzipien durchgesetzt. Das Ziel sei die Herausbildung mündiger und partizipationsfähiger BürgerInnen, die sich nicht einfach nur unreflektiert dem Staat unterordnen.

 

Die Autorin ist Mitglied im Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 


   

Weiterführende Links:

– Vortragsreihe der Österreichischen Gesellschaft für Politische Bildung (ÖGPB): https://www.politischebildung.at/oegpb/bildungsangebot/vortragsreihe/?detail=88070

 

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