Zur ie talks Veranstaltung an 27. Juni 2018 war Ulli Vilsmaier (Leuphana Universität Lüneburg) zu Gast am Institut für Internationale Entwicklung (IE), um über ihr Fachgebiet Transdisziplinäre Forschung zu sprechen. Im Seminarraum der IE am Institut für Afrikawissenschaften kamen zu diesem Anlass Personen aus dem Institut sowie Interessierte zusammen, um die Möglichkeiten und Grenzen dieses Forschungsansatzes zu diskutieren. Moderiert wurde die Diskussion von Petra Dannecker (Universität Wien).
Was meint Transdisziplinarität?
Ulli Vilsmaier weiß wie kaum eine andere spannend und erhellend über Transdisziplinarität zu sprechen. Angelehnt an ihren Vortrag bei der 7. Entwicklungstagung 2017 in Graz, klärte sie zu Beginn die Frage, was unter Forschung als transformativer Praxis eigentlich zu verstehen sei, wo doch jede Forschung in irgendeiner Form transformativ sei (meint, neues Wissen wird erzeugt und gezielt in gesellschaftliche Bereiche eingebracht). Geht die traditionelle Forschung jedoch von einem disziplinären Ansatz aus, bleibt also in einer Disziplin verhaftet, so überschreitet die transdisziplinäre Forschung Grenzen. Der Begriff selbst gibt Hinweis darauf: trans- bedeutet im Lateinischen hindurch, hinüber oder dahinter. Mit diesen Überschreitungen sind nicht nur Grenzen zwischen einzelnen Disziplinen gemeint, sondern auch Grenzen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Die Forderung nach einer Forschung, die selbst Transformation anstößt oder sogar herbeiführt, gewinne zunehmend an Bedeutung, so Vilsmaier. Die Integration unterschiedlicher Disziplinen und gesellschaftlicher AkteurInnen bringe aber auch epistemologische und methodologische Herausforderungen mit sich. Die Meinungen zu diesem Forschungsansatz seien kontrastreich und bewegen sich zwischen „Juhu, Forschung wird endlich politisch!“ und „Oh Nein, Werte der Wissenschaft wie Rationalität und Unabhängigkeit gehen verloren!“. Ulli Vilsmaier verwies dabei auch auf eine hitzige Diskussion zum Thema im Jahr 2010 bei der Eröffnung des Instituts für Internationale Entwicklung an der Universität Wien.
Verbindung zu Paulo Freire.
Die Praxisorientierung dieser Forschungsform würde zu grundsätzlichen Fragestellungen nach dem Status der Wissenschaft und der Forschung führen: Wie kann Forschung weiter gefasst werden? Braucht es einen neuen Forschungsbegriff? Und wie kann der Praxisbezug integriert werden? Hier zieht Vilsmaier Parallelen zu Ansätzen Freires: „Die Nähe zu Paulo Freire ist unübersehbar, und das nicht nur, weil wir uns hier in unmittelbarer Nachbarschaft des Paulo Freire Zentrums befinden, sondern weil die Konzeption transformativer Forschung schon in seiner Arbeit angelegt ist“.
Der Begriff Transdisziplinarität selbst sei in den 1970er Jahren aufgekommen und schon damals kontrovers diskutiert worden. „Transdisziplinarität war ein schillernder Betriff und ein strittiges Konzept“, erklärte Vilsmaier. Der große Hype sei allerdings vorbei, die Kontroverse nicht mehr so präsent. Als Grundlage für das Verständnis des Diskurses um Transdisziplinarität verwies Vilsmaier auf zwei Publikationen: Julie Thompson Kleins Futures (2014) und Peter Osbornes Theory, Culture, Society (2015). Die Klassifikationsschemata von Thompson Klein und Osborne würden zwar Orientierung geben, bergen aber auch die Gefahr der Abgrenzung, wodurch die gegenseitige Befruchtung in der Weiterentwicklung einer transdisziplinären Forschung eingeschränkt würde. Würde Transdisziplinäre Forschung also beispielsweise „nur“ als Partizipative Forschung gesehen, für die es reiche, Stakeholder in den Forschungsprozess zu integrieren, sei das zu kurz gegriffen, um sozial-robuste Forschungsergebnisse zu erreichen. „In Summe ist es auch ein sehr wissenschaftszentrierter Diskurs, der dringend um ein Lernen von Zivilgesellschaftlicher Praxis erweitert werden muss“, schloss Vilsmaier.
Forschung als Menschenrecht?
Trotz aller Grenzüberschreitung und Integration unterschiedlicher AkteurInnen und Disziplinen müsse aber auch wissenschaftliche Rationalität gegeben sein. Diese Rationalität könne jedoch unterschiedliche Ausformungen haben, Vilsmaier sprach hier von „diversen Rationalitäten“. Die Akzeptanz diverser Rationalitäten gehe einher mit einer Öffnung des Forschungsbegriffs, wie ihn der französische Psychiater und Psychoanalytiker Felix Guattari forderte: “The UN Charter of Human Rights ought to include an article on the right of everyone to research” (Guattari 2015 [1992]) (zu Deutsch: die UN Charter der Menschenrechte sollte einen Artikel zum Recht aller Menschen auf Forschung inkludieren). Vilsmaier betonte hier die Gefahr des Abgleitens in die Beliebigkeit und stellt die Frage danach, wer den Referenzrahmen zur Bewertung von Forschung setze. In jedem Fall brauche es neue Begriffe für zivilgesellschaftliche Forschung und das Hinterfragen und Aufbrechen hegemonialer Verhältnisse im Wissenschaftsbetrieb.
Forderung nach mehr Radikalität.
In der Diskussion schließlich wurde die Trennung von transformativer und transdisziplinärer Forschung aufgegriffen. Es gebe unterschiedliche Spielarten und vielschichtige Diskurse, eine genaue Abgrenzung sei oft schwer. Eine zentrale Frage in transformativen Forschungsprozessen sei die nach Machtverhältnissen: Wie wird Teilhabe gestaltet? Wer verändert sich in Forschungsprozessen – Erforschende oder Beforschte? Auch die Hierarchisierung von Wissen spiele eine wichtige Rolle. Welches Wissen ist „mehr wert“? Auch stelle sich die Frage nach der Ethik in der Auswahl, wer an Forschung partizipieren könne und wer nicht.
Die Komplexität der Materie gepaart mit einer gewissen Skepsis von Teilen des etablierten Wissenschaftbetriebs schlage sich im Interesse an transdisziplinärer beziehungsweise transformativer Forschung nieder. Ulli Vilsmaier sieht hier einen eher defensiven Zugang zu experimenteller Forschung. „Der klassische Forschungsprozess ist oft der einfachere Weg“, so Vilsmaier. Persönlich wünsche sie sich allerdings mehr Radikalität, auch wenn diese ihren Preis hätte.
Die Autorin ist Chefredakteurin der Webredaktion des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
– Publikationen Ulli Vilsmaier