Filmrezension: Unser Saatgut – wir ernten, was wir säen.

Biotechkonzerne nehmen zunehmend Einfluss auf die industrielle Landwirtschaft. Die Vielfalt des Saatguts weltweit schwindet. Taggert Siegel und Jonathan Betzler portraitieren in ihrer Dokumentation Geschichten, Erfahrungen und Proteste. Ein Film mit dem Anspruch, die Samen der Zukunft zu pflanzen.

Woher kommt das Essen aus dem Supermarkt?

Bereits in der Jungsteinzeit vor etwa 12.000 Jahren kultivierten Menschen Land und ernährten sich von Pflanzen und Pflanzensamen. Saatgut ist die Quelle allen Lebens und wird in weiten Teilen der Erde verehrt. Heute, in der Blütezeit der industriellen Landwirtschaft, ist vielen Menschen die natürliche Diversität von essbaren Pflanzen nicht mehr bewusst, denn sie kaufen ihre Produkte zu einem Großteil in Supermärkten.

Die globale Saatgutvielfalt schrumpft.

Der Film „Unser Saatgut – Wir ernten was wir säen“ dokumentiert eindrücklich den Kampf um den Schutz der noch bestehende globale Saatgutvielfalt. Gleichzeitig wird auf die weltweite Problematik der Privatisierung von Saatgut, Umweltverpestung und Gesundheitsbelastung durch Pestizide aufmerksam gemacht. Leidenschaftliche SaatgutsammlerInnen, enthusiastische BäuerInnen, WissenschaftlerInnen, deren Studien von Pharmakonzernen übergangen wurden, UmweltanwältInnen und -aktivistInnen und verzweifelte, krankgewordene BewohnerInnen erzählen in Interviews von ihren Erfahrungen mit Saatgutvielfalt, deren Erhalt und Verlust.

„Das Saatgut muss frei sein, damit die Menschen auch frei sein können!“

Neben Interviews, werden im Film Projekte zum Thema Samen- und Pflanzenvielfalt vorgestellt.  Eines dieser Projekte ist das „Scatterseed-Projekt“ von Will Bonsall in Maine, USA. Der US-amerikanische Aktivist, Autor und Landwirt ist für seine Arbeit zur Erhaltung der Pflanzenvielfalt bekannt. Seit über 40 Jahren setzt lebt er seine Vision, die Samenvielfalt durch Kultivierung beizubehalten, durch. Er sammelt, verteilt und präserviert tausende Pflanzenarten. Seine Sammlung umfasst hunderte Pflanzen in seinem Garten und tausende Samen, abgepackt in Papiertüten, provisorisch sortiert in Holzkisten auf seinem Dachboden.

 natives kämpfen um ihr Kulturgut.

In Arizona präsentiert Leigh Kuwanwisi, ein native (zu Deutsch: Indigener) des Hopi Stammes, einzigartig bunten Mais. Sein Volk lebt die Tradition, den Mais zu beschützen und dessen Vielfalt zu bewahren. Denn Mais bedeutet für die Hopi Reichtum und ist von symbolischer Bedeutung in ihrer spirituellen Praxis. Diesen Mais wollen Biotechkonzerne patentieren. Samen- und Pflanzenpatentierung sind ein weltweites Problem. Einer der größten Produzenten genmanipulierten Saatguts ist die Firma Monsanto. Durch das US-Patentrecht liegen sämtliche Rechte an Samen und Pflanzen bei Monsanto. Ein US-amerikanischer Saatgutschützer und Farmer berichtet im Film, wie Monsanto ihn seiner Felder enteignete, weil das genmanipulierte Getreide seines Nachbars seine Felder bestäubt habe. Die einzige Möglichkeit diese Genpflanzen zu ernten, führt über einen sogenannten Ppartnerschaftsvertrag mit dem Konzern.

Globale Proteste gegen Monsanto.

Auf der anderen Seite der Welt berichtet Suman Khulko, eine junge, indische Bäuerin, wie sie ihren Bruder davon abhielt, genmanipuliertes Saatgut zu kaufen, denn dieses mache die Menschen und das Land krank. Durch Vorträge der Autorin, Physikerin und Aktivistin Vandana Shiva, wurde sie selbst aktiv und setzt sich in ihrer Region für die Regeneration, Verteilung und den Austausch von Saatgut ein. „Wir müssen die Vielfalt und die Freiheit des Lebens schützen“, betont Vandana Shiva in einem Interview. Nicht nur die genmanipulierte Saat, sondern auch krebs- und krankheitserregende Pestizide werden von Biotechkonzernen vertrieben und empfohlen. Gegen die umstrittenen Praktiken dieser Konzerne gibt es vielerorts Widerstand. Im Film werden Proteste gegen Monsanto aus 450 Städten gezeigt.

Wo bleibt der Aktivismus in städtischen Gebieten?

Der Film arbeitet mit dramatischer Bildsprache und bewegenden Interviews und weckt dadurch starke Emotionen. Leider  gelingt den Filmemachern jedoch keine ganzheitliche Abbildung der Thematik. Es werden nur die negativen Seiten der industriellen, Landwirtschaft portraitiert. Das Feindbild im Film ist ebenso eindeutig, wie die HeldInnen. KleinbäuerInnen, SaatguthüterInnen, -SammlerInnen und AktivistInnen werden als repräsentative Symbole des Wiederstands dargestellt. Städtische Bevölkerung beziehungsweise Menschen, die keinen direkten Kontakt oder Bezug zu Saatgutvielfalt haben, werden gänzlich ausgelassen. Es wird zwar zu Aktion und Aktivismus aufgerufen, jedoch werden keine Initiativen oder Projekte in städtischen Gebieten vorgestellt.

Starke Emotionen und schöne Bilder.

Etwas weniger Pathos und mehr Sachlichkeit hätten der Dokumentation gut getan. Für den Anspruch einer Ökodokumentation, fehlen wissenschaftliche Basisinformationen. Die Interviews mit ExpertInnen und WissenschaftlerInnen dienen im Film letztlich der Geschichtenerzählung. Es scheint, die Regisseure wollten zu viele Themen und ProtagonistInnen in einen Film packen, weshalb ein sachlicher Dialog wenig Platz findet. Auch die geographische Auswahl der Beispielprojekte bleibt unhinterfragt, teilweise mag der Sensationsgehalt für die Filmemacher ausschlaggebend gewesen sein.

„Werde Teil unserer Saatgut-Revolution!“

„Unser Saatgut – Wir ernten, was wir säen“ ist ein Film, im klassisch US-amerikanischen Dokumentationsstil, der zwischendurch ganz schön auf die Tränendrüse drückt und in ein emotionales Plädoyer mündet, die gemeinsame Zukunft der Samenvielfalt zu retten. Die Botschaft ist  klar und wird vor dem Abspann eingeblendet: „Werde Teil unserer Saatgut-Revolution!“ Trotz der angeführten Kritik stellt der Film aber eine gute Basis für das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Saatgut und Gentechnik dar und beleuchtet ein oft unterrepräsentiertes Thema in massentauglichem Format.

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an: redaktion@pfz.at

 


Weiterführende Links:
Website zum Film

Scatterseed Projekt


 

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