Nachhaltigkeit in der Wissenschaft: „Wir brauchen Freiräume, Zeit, Netzwerke und Mut zum Wandel!“

Wie die Hochschulen die Gesellschaft auf dem Weg zu mehr Nachhaltigkeit unterstützen können, berieten über 100 ExpertInnen aus Forschung und Lehre, Hochschulverwaltung, den Ministerien sowie der Zivilgesellschaft bei der Konferenz “Wissenschaft im Wandel”, veranstaltet von der Allianz Nachhaltige Universitäten.
„Wir stehen derzeit vor der großen Herausforderung, unser Leben auf der Erde nachhaltig zu gestalten – und das Zeitfenster dafür sind die nächsten zehn bis fünfzehn Jahre“, erklärte Arjen Wals von der Universität Wageningen und Inhaber des UNESCO Chair in Social Learning and Sustainable Development in seiner Keynote auf der Konferenz “Wissenschaft im Wandel”, die am 13. November 2018 im Rahmen der EU-Ratspräsidentschaft in Wien stattfand.
„Wir müssen jetzt handeln”, betonte auch Helga Kromp-Kolb (Allianz Nachhaltige Universitäten in Österreich), „wir können nicht mehr darauf warten, dass unsere Kinder im Kindergarten etwas über Nachhaltigkeit lernen!” Gerade die Hochschulen müssten daher zu Triebfedern des Wandels werden: „Es gilt, die zentralen Fragen zu erforschen, Wissen zu vermitteln, aber vor allem auch an der Transformation der Gesellschaft aktiv mitzuarbeiten”, so die Wissenschaftlerin vom Zentrum für Globalen Wandel und Nachhaltigkeit an der Universität für Bodenkultur Wien.

Universitäten als Innovationsmotor.

Doch dafür braucht es zunächst einen Paradigmenwechsel an den Hochschulen selbst, „hin zu einem integrierten, systemischen und transformativen Ansatz”, fasste Gerald Steiner (Donau-Universität Krems) ein Ergebnis der Konferenz zusammen. In vier Working Sessions diskutierten Lehrende, Forschende und Studierende konkrete Maßnahmen hin zu mehr Nachhaltigkeit an Österreichs Hochschulen. Um die 17 UN-Nachhaltigkeitsziele (SDGs), zu denen sich Österreich verpflichtet hat, zu erreichen, gelte es in der Lehre Freiräume für Lehrende und Studierende zu schaffen, „und diese auch zu institutionalisieren, um Experimentierräume für nachhaltige Lebensstile zu schaffen”, so Lisa Bohunovsky (Allianz Nachhaltige Universitäten) zur Working Session 1 zum Thema Transformatives Lernen.

Machtstrukturen und Lernbereitschaft.

Auch in der zweiten Session zu Lehre forderten die ReferentInnen kritisches Denken und das Aufzeigen sowie die transparente Verhandlung von Machtstrukturen. Dabei wurden auch Berührungspunkte der Nachhaltigkeitsbildung und der Entwicklungszusammenarbeit diskutiert. Andreas Obrecht (Oesterreichischer Austauschdienst) erläuterte die Grundfrage: „Wie schaffen wir es, Bildung und Wissenschaft so neu zu denken, dass die europäische Hegemonie nicht fortgeschrieben wird und eine Zusammenarbeit mit dem globalen Süden auf Augenhöhe stattfindet?“ Eine Forderung der Sessions war es, die SDGs stärker in den Curricula zu verankern. “Gleichzeitig brauchen wir auch eine Hochschul-Organisation, die bereit ist, selbst zu lernen und sich zu verändern”, erklärte Margarita Langthaler (Österreichischen Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung).

In Dialog mit der Gesellschaft treten

Im Bereich der Forschung wurde gefordert, die Förderstrukturen neu zu denken: Nicht nur die Anzahl der Publikationen, sondern ein gesellschaftlicher Impact-Faktor wäre wünschenswert: „Wir müssen über unsere Anreiz- und Belohnungssysteme nachdenken – und wir brauchen Freiräume, um über die komplexen Fragen nachdenken zu können und vernetzt zu forschen “, sagte Thilo Hofmann, der Leiter des Forschungsverbundes Umwelt der Universität Wien. Ministerien und FördergeberInnen sowie die Hochschulen müssten neue Kooperationen finden, „es braucht neue Freiräume und Habitate, aber auch den Mut zur Veränderung – einerseits Empowerment und andererseits Offenheit aller Beteiligten“, so Konferenzorganisatorin Andrea Höltl von der Donau-Universität Krems. Die Wissenschaft müsse dafür auch die Partizipation aller AkteurInnen der Gesellschaft aktiv fördern.

Studierende als MultiplikatorInnen

Für diesen Dialog spielen insbesondere die Studierenden eine wichtige Rolle, wurde in mehreren Sessions betont. „Studierende sind nicht nur in der Zukunft, sondern auch in der Gegenwart wichtige MultiplikatorInnen, erklärte Heidi Esca-Scheuringer von der Fachhochschul-Konferenz (FHK).
„Wenn wir die Studierenden nicht in die Diskussion mit einbeziehen, können wir es eigentlich gleich bleiben lassen”, spitzte es Hans Stötter von der Universität Innsbruck zu. Dafür brauche es jedoch neue Methoden des Dialogs mit Studierenden, aber auch die Rahmenbedingungen für die Studierenden selbst, damit sie sich als AkteurInnen einbringen können – „auch hier ging es also um Raum, um Zeit und um Strukturen”, so Margarete Kernegger vom Runden Tisch Hochschulbildung Global.

Spielräume nutzen

In der Abschluss-Diskussion betonten die VertreterInnen der Hochschulkonferenzen – Eva Blimlinger (uniko), Andreas Altmann (FHK), Sabine Sedlacek (ÖPUK), Christoph Berger (RÖPH) –, dass Spielräume vorhanden seien, „man muss sie aber auch nutzen“, so Sabine Sedlacek. Mit Peter Iwaniewicz vom Ministerium für Nachhaltigkeit und Tourismus, Christian Smoliner vom Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Forschung sowie Klement Tockner (FWF) und Emmanuel Glenck (FFG) wurde anschließend über die Möglichkeiten debattiert, die Förderstrukturen zu ändern und die Kooperation mit den verschiedenen gesellschaftlichen AkteurInnen zu fördern.

Am Folgetag wurden die Ergebnisse im Rahmen der Konferenz „Wachstum im Wandel“ präsentiert und diskutiert.  Hier wurde betont, dass bloße Ergänzungen zum bestehenden System nicht ausreichend seien, es brauche umfassende Neuorientierungen in Forschung und Lehre, so Arjen Wals von der Wageningen University, „insbesondere müssen bei der Bewertung unserer Leistungen stärker die gesellschaftliche Wirksamkeit mit einbeziehen“. Für vernetztes und ganzheitliches Lehren und Forschen brauche es Freiräume, längerfristige Förderstrukturen, aber auch Mut und Zivilcourage aller Beteiligten.

Dieser Artikel wurde dem Paulo Freire Zentrum von der Allianz Nachhaltige Universitäten in Österreich zur Verfügung gestellt. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

 



Weiterführende Links:

Allianz Nachhaltige Universitäten
Konferenz „Wissenschaft im Wandel


 

Veröffentlicht in Entwicklungsforschung.