Bei glühender Hitze gehen manche Leute baden. Andere hingegen diskutieren in den kühlen Gemäuern der Friedensburg Schlaining über zivilgesellschaftliches Engagement in Konflikten. Hoffnungen, Visionen und Ernüchterungen prägten die dortige Sommerakademie und zeigten Handlungsbedarf auf.Zivilgesellschaft spielt in der Konfliktbearbeitung eine kaum wegzudenkende Rolle, darüber waren sich zu Beginn der Veranstaltung, die von 5. Bis 10. Juli 2015 im Südburgenland stattfand, fast alle einig. Schon am Eröffnungsabend der 32. Sommerakademie an der Friedensburg Schlaining mit dem Titel „Zivilgesellschaft im Konflikt – Vom Gelingen und Scheitern in Krisengebieten“ wurden die vielen Hoffnungen spürbar, die damit verbunden sind. Trotzdem oder gerade deshalb stellten sich die rund 130 TeilnehmerInnen der Herausforderung, Zivilgesellschaft kritisch zu hinterfragen.
Von Spannungsfeldern und angebundenen Kamelen
„Glaube an Allah, aber binde dein Kamel an.“ Dieses islamische Sprichwort zog der Organisator der Sommerakademie Maximilian Lakitsch in seiner Vorstellungsrede heran, um das Ziel der Veranstaltung deutlich zu machen: „Wir wollen das Kamel anbinden“, also die Hoffnungen erden und konkrete Handlungsoptionen für ziviles Engagement in Krisengebieten entwickeln.
Trotzdem kamen die TeilnehmerInnen zu Beginn nicht darum herum, sich mit der Komplexität des Begriffs Zivilgesellschaft auseinanderzusetzen. Karin Fischer von der Universität Linz regte das Publikum dazu an, über dessen Widersprüchlichkeit nachzudenken, gerade in Bezug auf den Staat. Zivilgesellschaft definiere sich in Abgrenzung zum Staat, möchte ihn verändern und brauche ihn gleichzeitig, da er den Raum schafft, wo Zivilgesellschaft wirken kann. Wir hätten es hier, so die Sozialwissenschaftlerin, mit einem relationalen und historisch veränderbaren Begriff zu tun, deshalb sei es wichtig, reale Zivilgesellschaften in ihrem jeweiligen Kontext zu betrachten.
Potentiale und Risiken der Zivilgesellschaft im Konflikt
Friedensarbeit geht nicht ohne Zivilgesellschaft, so der Grundtenor der Veranstaltung. Sie ist der Kontakt zur Bevölkerung vor Ort, sie gewährleistet langfristiges Engagement, sie baut lokale Strukturen und Kapazitäten auf. Sie kann für eine Auseinandersetzung auf emotionaler Ebene sorgen, Diskurse entfalten und Argumentationslinien eröffnen. Diese große Stärke hob vor allem Tilman Evers vom Forum Ziviler Friedensdienst hervor und ging sogar noch weiter: Als „Dauerreformatorin des Kapitalismus“ sei sie zentral für die Meinungsbildung im Vorfeld von Entscheidungsfindung.
Im ernüchternden Vortrag von Ulrich Menzel (TU Braunschweig) sah die Bedeutung der Zivilgesellschaft jedoch weniger rosig aus. Dass er sich in seiner Rede nur auf Deutschland bezog und keinerlei Bezug zu Österreich herstellte, wurde durch seine zentrale These nebensächlich, dass die europäischen Länder gegenüber der mächtigen USA ohnehin wenig Spielraum für eine moralische Außenpolitik hätten. Er zeigte damit auf, wie schwierig es sei, als europäische Zivilgesellschaft im Weltgeschehen aktiv zu sein.
Zivilgesellschaft könne aber auch, zum Beispiel im Rahmen von Entwicklungszusammenarbeit, Akteurin in der Durchsetzung von Macht sein und somit imperialistischer Gewalt dienen. Mit dieser provokanten These ermahnte Helmut Krieger von der Universität Wien dazu, Konflikte und Kriegszonen immer im Rahmen von globalen Machtverhältnissen zu sehen. Deren Reproduktion durch Entwicklungszusammenarbeit und Konfliktbearbeitung beunruhigte auch Karin Fischer. Sie kritisierte die Arroganz, mit der „ExpertInnen“ aus dem Globalen Norden dem Globalen Süden zeigen möchten, wie „Good Governance“, also der „gute“ Staat und die „gute“ Zivilgesellschaft, auszusehen habe. Hier bräuchte es dringend eine tiefere Reflexion des eigenen Handelns und einen Perspektivenwechsel, um Zivilgesellschaft und Staat aus Sicht des Globalen Südens zu definieren.
Zusammenarbeit auf mehreren Ebenen
Um die Potentiale zu nutzen und die Risiken abzuschwächen, müsse Zivilgesellschaft, das wurde immer wieder betont, mit anderen Akteuren kooperieren. Als ersten Schritt müsse es mehr organisierte Zusammenarbeit innerhalb der Zivilgesellschaft geben, denn nur mit klaren AnsprechpartnerInnen können zivile Kräfte überhaupt als Akteure in Krisengebieten wahrgenommen werden. Angesichts der vielen komplexen Krisen wird weiters eine Zusammenarbeit zwischen zivilen und staatlichen Akteuren immer dringender, dies betonten beispielsweise Helmut Schnitzer vom Bundeskanzleramt und Tilman Evers vom Forum Ziviler Friedensdienst.
Zu durchaus kontroversen Reaktionen im Publikum führte das Plädoyer für mehr zivil-militärische Kooperation von Kay Brinkmann (Deutsche Bundeswehr) und Andreas Papp (SOS-Kinderdorf). Der Kontakt von zivilen Akteuren mit der lokalen Bevölkerung auf der einen Seite sowie die logistischen, finanziellen und personellen Kapazitäten der Militärs auf der anderen Seite seien für einen nachhaltigen Friedensprozess gleichermaßen wichtig. Brinkmann sprach sich deshalb für eine Annäherung auf Augenhöhe aus, wofür zuerst die jeweiligen Stärken und die gemeinsamen Interessen identifiziert werden müssten. „Akteursegoismen“ auf beiden Seiten gelte es zu überwinden.
Von einer Annäherung zwischen Menschen mit divergierenden Einstellungen sprach auch Nenad Vukosavljević und warnte vor einem Täter-Opfer-Denken in der Konfliktbearbeitung. Friedensarbeit, so der Aktivist vom Centre for Nonviolent Action in Sarajewo, sei nur möglich, wenn auch die „Feinde“ mit einbezogen würden. Dabei gehe es nicht darum, Gewalttaten zu rechtfertigen, sondern sich auf einer menschlichen Ebene gegenseitig zu verstehen.
Dass diese anstehenden Herausforderungen viel Mut, Energie und vor allem einen langen Atem brauchen, war wohl allen TeilnehmerInnen der Sommerakademie klar. Nur gut, dass es rund um die intensiven Reflexionen auch viel Raum gab, sich in informellem Austausch und einem lebendigen Rahmenprogramm gegenseitig Kraft zu geben.
Die Autorin ist Friedens- und Konfliktberaterin sowie ehemalige Mitarbeiterin des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen an redaktion@pfz.at