Arbeit und das gute Leben für alle: Die Menschen für sich selbst gewinnen.

Die Soziologin Frigga Haug stellte am 22. Juni 2015 ihr Konzept der „Teilzeitarbeit für alle“ vor und diskutierte mit dem Publikum darüber, wie eine Politik der Erwerbsarbeitsreduktion gemacht werden kann. Ihr Vortrag eröffnete die Dialogreihe „Gutes Leben für alle“.

Rennen, Rackern und Rasen

Frigga Haug begann den Abend in der Wiener Urania sehr erfrischend: Mit Satire. Satire sei nämlich viel geeigneter als Statistiken oder Beschwerden, um Menschen zum Denken anzuregen. So erzählte sie von dem Buch „Job Revolution“ von Peter Hartz aus der Prä-Hartz-IV-Ära, den Joachim Zelter in seinem satirischen Roman „Schule der Arbeitslosen“ verarbeitet. Hartz treibe in seinem Buch nämlich die Inwertsetzung von Lebenszeit auf die Spitze, indem er folgende Rechnung anstellte: Der Mensch arbeite nur zehn Prozent seiner gesamten Lebenszeit, den Großteil seines Lebens verbringe er hingegen damit, ein Baby zu sein, zu schlafen, alt zu sein, krank zu sein oder im Urlaub. Daher solle er sich in seiner Arbeitszeit mehr anstrengen. Es sei nach Hartz´s Berechnung legitim, von ArbeiterInnen zu verlangen, sie sollten „rennen, ackern und rasen“, da sie den Rest ihres Lebens ja nichts Produktives tun würden.

Freisetzung als Beraubung

„In der Krise des Kapitalismus ist ein gutes Leben für alle ja wirklich das unverschämteste, was einem einfallen kann!“ scherzte Haug weiter. Das Verhältnis des Menschen zur Arbeit sei ambivalent: Einerseits entwickle der Mensch in der Arbeit sich selbst, sowie seine Liebesfähigkeit. Andererseits werde er, je reicher er materiell sei, menschlich umso ärmer. Das von Menschen Geschaffene überfalle sie selbst hinterrücks, Arbeit kontrolliere die Menschen also zunehmend.

In der Soziologie beobachte man seit etwa 30 Jahren, dass der Gesellschaft die Arbeit ausgehe, wie ein Bergwerk, dessen Ressourcen erschöpft sind. Arbeitslosigkeit schüre Angst, wie in Spanien, wo 50 Prozent der Jugendlichen arbeitslos seien und somit keinen Zugang zur Gesellschaft erhalten. Eine polit-ökonomische Analyse verdeutliche, dass die Produktivkräfte der Arbeit sich inzwischen so weit entwickelt haben, dass weniger Arbeitszeit notwendig sei, um die gesellschaftlichen Bedürfnisse zu befriedigen. Diese Konsequenz zeuge von Reichtum, doch davon profitierten die Arbeitslosen nicht. Die Freisetzung von Arbeit empfänden viele Menschen daher als Beraubung von Wohlstand und Möglichkeiten der Teilhabe an der Gesellschaft. In solchen Krisen schrumpfe die Solidarität, eine „Rette sich wer kann“-Mentalität nehme Überhand.

Teilzeitarbeit für alle und „Vier-in-Einem“

Als Alternative schlug Haug „Teilzeitarbeit für alle“ in Kombination mit ihrem „Vier-in-Einem-Modell“ vor. Statt acht Stunden sollten alle, unabhängig von Ausbildung oder Berufssparte, nur vier Stunden am Tag arbeiten. Erwerbsarbeit stelle in ihrem Modell nur einen von insgesamt vier Bereichen dar, denen sich jeder Mensch, zeitlich ausgewogen, widmen solle. Die anderen Bereiche seien Pflegearbeit von Alten, Kranken und Kindern in der Familie, Politische Arbeit und Eigenarbeit oder Selbstentwicklung – “ Also alles Lebendige um uns herum“, so Haug.

Skepsis gegenüber der Teilzeitarbeit sei tief verankert, weil sie mit geringer Bezahlung und wenig Verantwortung assoziiert werde. Diese Argumente seien aber nicht gültig, wenn alle dieselbe Stundenanzahl arbeiten würden.

Der ganze Globus ist im Eimer

„Wie machen wir Politik?“ und „Wie denken wir, dass Transformation geschehen kann?“, fragte Haug ins Publikum. Als Gegenfrage aus dem Publikum wurde gefragt, warum Haug denn am Konzept des Kapitalismus festhalten wolle, bei dessen offensichtlichen Krisen und Bedrohung für den Planeten. Obwohl ihr die große Gefahr des Kapitalismus bewusst sei, meinte Haug, ginge es ihr nicht primär darum, den Kapitalismus abzuschaffen, aber sehr wohl um Wachstumskritik und eine globale Perspektive.

Sie warnte scharf vor „Öko-Diktaturen“, wie Sie der CDU-Politiker Geißler vorgeschlagen habe. Es könne nicht sein, dass wir für eine Diktatur, eine Art Faschismus seien, um die Erdkugel zu retten. „Das ist doch keine Politik der Linken! Ihr seid doch irgendwie alle Linke!“ ermahnte sie das Publikum. Der einzige Ausweg sei, dass die Einzelnen ihr Leben ändern, aber Lebensstile seien nicht vorschreibbar. Der Lebensstil sei eng mit der Art der Erwerbsarbeit verknüpft, daher sehe Sie eine Umgestaltung der Erwerbsarbeit als eine Hilfe, die Vorstellung über ein gutes Leben für alle, abseits von Konsumvorstellungen und Ressourcenintensiven Lebensplanungen, zu verändern. Damit sei dem Globus geholfen, der, ohne eine Abwendung vom derzeitigen Konsumverhalten in den Ländern des globalen Nordens, „im Eimer“ sei.

Vielleicht bin ich eine Arbeitsasketikerin…besonders als Frau!

Auf die Frage, warum sie die Erwerbsarbeit an sich verteidige, antwortete Haug: „Vielleicht bin ich eine Arbeitsasketikerin…besonders als Frau!“. Damit sprach sie die ungleichen Geschlechterverhältnisse an. Ihr Konzept sei inklusiv, weil alle an der Gestaltung der Gesellschaft teilhaben sollten, also auch an der Entscheidung über die Verteilung der Arbeit insgesamt. Da Frauen in den aktuellen Gesellschaften meist die reproduktiven, unbezahlten Arbeiten übernehmen, müsste über diese Verteilung neu verhandelt werden. Das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens greife in diesem Sinne zu kurz – es stehe zwar in einem Dialektischen Verhältnis mit ihrem Konzept der Teilzeitarbeit, löse die Frage der gemeinsamen Verantwortung nicht.

„Aber wie?“ fasste der Moderator Andreas Novy (WU/Grüne Bildungswerkstatt) einige Fragen zusammen, wie der Weg zu einer Transformation aussehen könne. Ein Rezept nennen könne sie gar nicht, so Haug. Denn Politik sei ein Prozess und ein Experiment. „Wir können es nur versuchen und daraus lernen. Es geht darum, sich gemeinsam für die eigenen Lebensbedingungen einzusetzen. Um Zeit für Muße, Kunst, Politik und geliebte Personen zu haben.“ Letztendlich sei, so Haug, die eigentliche Frage: „Wie gewinnen wir die Menschen für sich selbst?“



Die Autorin studiert Internationale Entwicklung und ist Mitglied im Online-Redaktionsteam.
Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at

Weiterführende Links:

– Dialogreihe „Gutes Leben für alle“: https://www.guteslebenfueralle.org/

– Die Vier-In-Einem-Perspektive: https://www.vier-in-einem.de/

– Interview mit Frigga Haug im Online-Standard vom 03. Juli 2015: „Ein Wellnesscenter kann nicht das größte Glück sein

– Video zum Vortrag: https://www.youtube.com/watch?v=NuJuhxalyno

Fotos: © Peter R. Horn (GBW)

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik, Themen.