Unter diesem Titel lud der Verein Braveaurora aus Linz am 19. Juni zu einer Fachtagung, um das umstrittene Thema „Freiwilligenarbeit in Entwicklungsländern“ zu diskutieren. Der selbst als Entsendeorganisation aktive Verein brachte auch die Kehrseiten des sogenannten Volunteerings zur Sprache.Als Eröffnungsredner war Helmuth Hartmeyer, unter anderem langjähriger Mitarbeiter der Austrian Development Agency (ADA) und Verfechter des Globalen Lernens, in den Gewölbesaal des Linzer Ursulinenhofs eingeladen. Er begann seine etwas polemische Keynote mit einem Rückblick in die Geschichte der Entwicklungszusammenarbeit (EZA), ehe er auf das Thema Volunteering zu sprechen kam. Rund 50 Jahre EZA haben nicht den gewünschten Effekt gebracht. Zu groß seien die Probleme gewesen, zu klein die verfügbaren Mittel. Häufige Strategiewechsel haben die Entwicklung weiter erschwert. Trotz allem solle aber nicht vergessen werden, dass auch manche IdealistInnen etwas bewirken konnten.
Die Motive für Volunteering seien vor allem das gute Gefühl, Prestige und dass es sich gut im Lebenslauf mache. Es gebe einen „Markt der Lebenslaufverbesserung“, wo eine scheinbare Idylle in Afrika konstruiert werde. Die Geschichte der betroffenen Länder werde durch die Geschichten der Rückkehrer ersetzt, die unreflektiert stehen gelassen werden: „Ein paar Wochen dort und schon wird die Kultur verstanden.“ Auslandsaufenthalte können helfen, Themen erfahrbarer zu machen und außerdem Solidarität entstehen lassen – das sei aber nicht immer der Fall. Damit das gelingt, bedürfe es viel Vorbereitung und einer Reflexion der eigenen kulturellen Verortung, also einer gewissen Reife. Wichtig sei eine Begegnung auf Augenhöhe und ein Lernprozess, der vor dem Einsatz beginne und auch danach noch weitergehe.
Auch die ADA fördere Auslandseinsätze, weil sie den interkulturellen Dialog sowie die Erfahrungen, die nach Österreich zurückfließen, für wichtig erachte. Die EZA sei ein „Rosengarten“ mit immer komplexeren Zusammenhängen geworden. Da könnten solche Prozesse, wie sie im Volunteering stattfinden, hilfreich sein. Mithilfe der notwendigen Reflexion lasse sich wieder ein Anschluss, ein Anknüpfungspunkt an die Welt zu finden. Hartmeyer übergab anschließend das Wort für drei weitere, kürzere Vorträge.
Das Geschäft mit den Freiwilligen
Daniel Rössler, Autor von „Das Gegenteil von gut ist gut gemeint“, brachte das Thema Freiwilligentourismus zur Sprache. Es müsse unterschieden werden zwischen diesem sogenannten „Voluntourismus“ und der Freiwilligenarbeit, stellte er klar. Durch die große Nachfrage nach Auslandseinsätzen sei am Markt ein entsprechendes Angebot entstanden. Der Voluntourismus nehme zu: Oft seien die Einsätze teure Kurzurlaube über wenige Wochen ohne eine gewissenhafte Auswahl der Freiwilligen. Der globale Süden schaffe das Angebot zur Nachfrage, egal wie sinnvoll es sei. In Ghana beispielsweise seien sehr viele neue Waisenhäuser errichtet worden, gerne werden die Freiwilligen dort eingesetzt. Viele Kinder dort haben aber in Wirklichkeit eine Familie.
Rössler kritisierte außerdem, dass am Markt im Norden noch immer mit kolonialem bzw. neokolonialem Gedankengut geworben werde, weil dies die größte Reichweite bringe. Das Bild einer armen, unselbstständigen Bevölkerung (- das eben nicht der Realität entspricht, Anm.) wecke hier in Europa den Drang, eingreifen zu müssen. Oft werde außerdem propagiert, dass für Auslandseinsätze keine Vorkenntnisse nötig seien, „weiß“ sein quasi als Qualifikation ausreiche. Hier in Österreich sei es aus gutem Grund selbstverständlich, dass PädagogInnen auch die nötige Ausbildung mitbringen müssen: „Die Industrie produziert gefährliche Botschaften.“
Christine ter Braak-Forstinger erzählte von der Arbeit des Vereins Braveaurora. Der Verein arbeite an der Wiedereingliederung ghanaischer „Waisenkinder“ in ihre Kernfamilien oder erweiterten Familien. In ihrer Arbeit sei sie auch mit Vorbehalten seitens der Volunteers konfrontiert worden, die sich nicht sicher waren, ob ihre Arbeit richtig sei: Schließlich ginge es den Kindern im Waisenhaus doch gut, wahrscheinlich besser als bei der Familie. Auch mit Eigeninitiativen der Volunteers habe man anfangs schlechte Erfahrungen gemacht. Es gebe darum heute mehr Vorbereitung und mehr Reflexion innerhalb des Vereins. Wichtig sei ihnen auch, die lokale Bevölkerung und die lokalen Behörden einzubinden und in jedes Projekt einen „Exit Plan“ einzubauen: Die Bevölkerung solle nicht von der Arbeit des Vereins abhängig gemacht werden.
In Astrid Winklers Input ging es schließlich um Kinderrechte. Mit der Stationierung von Friedenstruppen sei oft ein Anstieg der Ausbeutung von Kindern in der Region verbunden, erzählte sie. Auch Fälle sexuellen Missbrauchs durch Volunteers habe es schon gegeben. Für NGOs sei es daher unerlässlich, Kinderschutzrichtlinien zu etablieren. Das schließe unter anderem ein klares Leitbild, Präventions- und Interventionsstrategien, Beschwerdeverfahren und Kommunikationsstrategien ein.
Man kann nicht einfach die Welt retten
In drei zeitgleich stattfindenden Workshops wurden anschließend an die Vorträge verschiedene Themen näher behandelt. Die Ergebnisse wurden zum Abschluss für alle präsentiert und kurz diskutiert.
Im bestbesuchten Workshop, „Volunteering und Professionalisierung“, diskutierten die TeilnehmerInnen die unterschiedlichen Erwartungshaltungen von Organisationen und ihren Freiwilligen. Viele junge Freiwillige handeln aus eigennützigen Motiven, war ein Ergebnis der Diskussion. „Helfen wollen“ werde aber als Grund vom sozialen Umfeld besser akzeptiert. Organisationen komme oft die Aufgabe zu, Illusionen der potentiellen Freiwilligen über ihre Arbeit zu zerstören, um die jungen Menschen gut auf den Einsatz vorzubereiten.
In einem anderen Workshop wurden Pros und Contras von Freiwilligenarbeit in Form von Reimen aufgearbeitet. Als Ergebnis stand bei der Abschlusspräsentation eine Gruppe von FreiwilligentouristInnen („das öffnet die Perspektive und geht voll in die Tiefe“, „wir haben Geld und retten die Welt“) in einem „Rap-Battle“ einer Gruppe von Betroffenen („ihr sagt, was wir machen sollen und wisst doch gar nicht, was wir wollen“) gegenüber. Der dritte Workshop gab weitere Einblicke in die Arbeit von Braveaurora.
Aus dem Publikum wurde in einer Abschlussrunde noch angemerkt, dass Volunteering eigentlich kein Hilfseinsatz im Sinne der EZA sei und hier unterschieden werden solle. Vielmehr gehe es bei Volunteering um Erfahrungsaustausch. Die TeilnehmerInnen diskutierten darüber, dass die Bedingungen für den Austausch nicht auf beiden Seiten gleich seien. Volunteers aus Afrika, die nach Europa wollen, hätten es aufgrund der strikten Einreisepolitik ungleich schwerer.
Als grobes Resümee blieb dem Publikum schließlich, dass Volunteering eine komplexe Angelegenheit ist. „Man kann nicht einfach ausziehen und die Welt retten“, fasste Moderator Friedbert Ottacher zusammen.
Der Autor studiert Internationale Entwicklung und ist Mitglied des Redaktionsteams des Paulo Freire Zentrums.. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at