Im Rahmen der Kapuscinski Development Lectures sprach Ilan Kapoor im C3 – Centrum für Internationale Entwicklung am 12. Mai 2015 über das Phänomen der Promi-Wohltätigkeit. VertreterInnen von NGOs und dem Außenministerium diskutierten dieses umstrittene Thema am Podium vor 120 BesucherInnen.
Madonna rettet schwarze Babies.
Ilan Kapoor, Professor für kritische Entwicklungsforschung an der York University, erläuterte seine Analyse von wohltätigen Prominenten der Unterhaltungsbranche anhand des Ideologiebegriffs des slowenischen Kulturkritikers Slavoj Žižek. Žižeks Analyse beziehe sich auf die Rolle gesellschaftlicher Ideologien. Kapoor griff seine Thesen auf und machte darauf aufmerksam, dass Unterhaltungsstars eine wichtige Rolle in der internationalen Politik spielen.

Foto: Ilan Kapoor; ©Karin Sumetsberger
Der U2-Sänger Bono gibt Benefizkonzerte, der Superstar Madonna adoptiert ein schwarzes Baby und Hollywood-Schauspielerin Angelina Jolie reist als Botschafterin von UNHCR (Flüchtlingskommissariat der Vereinten Nationen) in den Irak. Das alles, so Kapoor, für die eigene Vermarktung: Wenn weltweit gefeierte Idole „Armen helfen“, poliere dies ihr Image ordentlich auf. Auch wenn die MusikerInnen bei Benefizkonzerten nicht bezahlt werden, so steige anschließend der Verkauf ihrer CDs. Bei Berichten über Stars in Krisengebieten gehe es in erster Linie um Gefühle und Erlebnisse der Promis selbst. Die Problematiken, wie etwa Armut und Hunger in afrikanischen Ländern, für die sie sich vermeintlich engagieren, verblassen in den Medien hinter der Glorifizierung der Person des Stars.
Wenn Madonna mit ihren Adoptivkindern aus Malawi im Arm von den Titelseiten der Presse lächelt, reproduziere dies Gender-Stereotypen wie die Fürsorge von Frauen und idealisiere traditionelle Familienrollen. Dies verstärke eine gemeinsame Identität westlicher Gesellschaften. Im Sinne der postkolonialen Theoretikerin Gayatri Chakravorty Spivak seien solche Adoptionen neo-kolonial: Eine weiße Frau „rette“ ein schwarzes Kind.
Im Kapitalismus agiert nicht die Mehrheit, sondern die Elite.
Auch der Kapitalismus werde gefördert, wenn Bono rufe: „Wir sind Abenteuer-Kapitalisten!“ und Africa als sexy Ort für Investitionen bewerbe. „Kapitalismus“, warf Kapoor ein, „ist aber die Wurzel der Ungleichheit.“ Kapoor vermutete, Promis fänden sadistischen Gefallen an dem globalen Gefälle, an dessen Spitze sie selbst stehen und sich daher von oben herab als RetterInnen der Leidenden aufspielen können.
Afrika werde in Kampagnen für den Westen als exotisches Museum, in dem man Wildheit, Schmerz und Gefahr finde, instrumentalisiert und missbraucht. „Wir sind alle Teil des Problems“ sprach Kapoor das Publikum direkt an. „Als Fans, StudentInnen und BürgerInnen glauben wir, dass Stars echt sind und delegieren Wohltätigkeit und Veränderung an sie. So können wir unserem gehetzten Alltag nachgehen, ohne uns weiter um Ungleichheiten zu sorgen. Irgendjemand denkt und handelt für uns. Aber solche Dynamiken entpolitisieren und machen uns zu passiven ZuschauerInnen und untergraben Demokratie“.
Quick and dirty – Promi-Wohltätigkeit in Österreich.
Peter Launsky-Tieffenthal (BMEIA) erzählte in der Podiumsdiskussion von seinen früheren Erfahrungen bei der UNO. Um auf Inhalte aufmerksam zu machen, habe man mit NGOs, Universitäten, Firmen und Promis zusammengearbeitet: So auch bei den letzten Präsidentschaftswahlen in Kenia, wo AthletInnen für gewaltfreie Wahlen eintraten. Da die populären SportlerInnen viele Menschen ansprachen, bewertete der ehemalige Diplomat dieses Vorgehen als erfolgreich und positiv. Er dankte Kapoor aber auch dafür, eine für ihn neue kritische Perspektive auf das Einbinden von Promis in politische, humanitäre Themen zu geben.

Foto: Am Podium: Werner Raza, Monika Culen, Max Santner, Peter Launsky-Tieffenthal, Ilan Kapoor; ©Karin Sumetsberger
Monica Culen (Fundraising Verband Österreich) betonte, wie wichtig es für NGOs sei, ihre Aktivitäten öffentlich sichtbar zu machen. Im Gegensatz zu Kapoor meinte sie, die Zusammenarbeit mit Promis sei dafür ein gutes Mittel. Dass diese selbst auch von solchen Kooperationen profitierten, damit müssten wir leben. Ilan Kapoor widersprach dieser Ansicht. Stars für Marketingzwecke zu benutzen sei „quick and dirty“ und passe somit zwar zum heutigen Zeitgeist, sei aber abzulehnen. Seiner Ansicht nach gebe es keine nachhaltigere Alternative, um auf Ungleichverhältnisse und NGOs hinzuweisen, als Bildung. Die Ergebnisse von Bildung würden zwar erst nach einer gewissen Zeit sichtbar, seien aber effektiver als kurzweilige Finanzspritzen oder Promi-Besuche in „armen“ Ländern.
Max Santner (Österreichisches Rotes Kreuz) ging auf Kapoors Buch Celebrity Humanitarianism: The Ideology of Global Charity (2013) ein und bekräftigte, dass Entwicklung ein westliches Konzept sei und Promi-Wohltätigkeit und deren Legitimation im Neoliberalismus verankert seien. Er selbst sehe das Rote Kreuz nicht als Charity-Organisation, sondern als Mandat, humanitäre Dienste zur Verfügung zu stellen.
Homework before fieldwork.
„Wir im Westen sollten bei uns selbst anfangen und unsere eigenen Regierungen unter Druck setzen, etwa Strukturanpassungsprogramme nicht zu unterstützen. Homework before fieldwork!“, so Kapoor.
Das Publikum hinterfragte, ob man wohltätige Stars überhaupt humanitär nennen und von Moral sprechen könne, solange es Hierarchien von Geben und Nehmen gebe. Kapoor schlug „Anonyme Geschenke“ als Alternative vor. Monica Culen appellierte daran, Freude am Geben zu haben und es zu genießen. Ein Teilnehmer merkte daraufhin an, dass Menschen im globalen Süden vielleicht gar keine „Hilfe“ wünschen würden. Er verstehe nicht, wie die hierarchischen Strukturen der internationalen Entwicklung so konsequent ignoriert werden könnten. Culen erwiderte, sie könne an diesen Systemen nichts ändern und humanitäre Organisationen würden bei ihrem Mandat bleiben.
Ilan Kapoor betonte in seinen Statements, dass das kapitalistische System eine menschengemachte Ideologie sei und daher auch veränderbar. Wir alle müssten uns bewusst machen, wie repressiv und absurd die systeminhärenten Phänomene, etwa die Delegation politischer Verantwortung an Superstars, tatsächlich seien.
Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at
Weiterführende Links:
– Website von Ilan Kapoor: https://www.yorku.ca/ikapoor/
– Kapuscinski Development Lectures: https://kapuscinskilectures.eu/
– Video des Vortrags: https://www.oefse.at/infoservice/aktuellesnews/#c1495
– Interview mit Ilan Kapoor in Ö1: https://oe1.orf.at/konsole?show=ondemand&track_id=404155&load_day=/programm/konsole/tag/20150511