
Jeder und jede von uns möchte ein gutes Leben führen. Was es im Einzelfall dafür braucht und wann ein gutes Leben gut genug ist, muss jeder und jede für sich selbst entscheiden. Fest steht jedenfalls, dass der gesellschaftliche Rahmen darüber mitentscheidet, was gut ist.Auf welchen Werten und Ideen die Eckpfeiler eines guten Lebens aus Sicht der Gesellschaft aufbauen, kann sehr unterschiedlich sein. Mit einem zumindest für westeuropäische Ohren eher ungewöhnlichen Konzept beschäftigt sich Elisabeth Schmid in ihrem Buch „Die Frage nach dem guten Leben. Buen Vivir in Ecuador und Entwicklung als Freiheit im kritischen Vergleich“.
Schon das Coverbild zieht uns hinein in die Welt Ecuadors, denn es stammt von Oswaldo Guayasamín, dem wohl wichtigsten bildenden Künstler Ecuadors des 20. Jahrhunderts. Ecuador hat seit einigen Jahren eine neue Verfassung. Interessant daran ist, dass erstmals in einer Verfassung die Natur als Rechtssubjekt anerkannt wird. Dem liegt das Leitprinzip des buen vivir zugrunde, das auch als sumak kawsay bezeichnet wird und für ein Leben in Fülle steht. Die Autorin, die selbst einige Jahre in Ecuador gelebt hat, stellt dieses Konzept dem Fähigkeitenansatz von Amartya Sen gegenüber, der ein gutes Leben mit größtmöglicher persönlicher Freiheit und der individuellen Nutzung von Möglichkeiten und Fähigkeiten gleichsetzt. Dieses selbstbestimmte Leben als Definition eines guten Lebens stellt einen Paradigmenwechsel im Entwicklungsdiskurs dar.
Kosmovision
Schmid hält jedoch fest, dass der Fähigkeitenansatz im Kapitalismus verhaftet bleibt. Sie kritisiert, dass Amartya Sens Konzept als Beispiel für das moderne gute Leben Ungleichheiten und Ungerechtigkeiten, die im gesellschaftlichen System verankert sind, bestätigt und fortsetzt. Das gute Leben ist jedoch kein immer besseres Leben. Will man kapitalistische und eurozentristische Modelle aufbrechen, fehlt es an Alternativen. Das Leben in Fülle ist eine mögliche Antwort. Es deckt Machstrukturen auf und zeigt, wie ein gutes Leben möglicherweise noch definiert werden kann. Dabei stützt es sich auf das Vermächtnis der andinen Völker und geht von einer gleichwertigen Beziehung zwischen Mensch und Natur aus. Das Leben in Fülle ist ein Leben in Harmonie und Gleichgewicht mit allem, was existiert. Im sumak kawsay wird das Leben als Gesamtheit, als Kosmovision gesehen. Statt Wettbewerb zählen hier Solidarität, Komplementarität und gegenseitige Unterstützung.
Entwicklungskonzept
Dass die lateinamerikanischen Gesellschaften nach wie vor stark von Armut, Rassismus und Ausgrenzung geprägt sind, steht außer Frage. Zuerst war es die Kolonialzeit, die tiefe Furchen im kollektiven Bewusstsein hinterlassen hat. Doch auch sechs Jahrzehnte Entwicklungshilfe haben ihre Spuren hinterlassen. Man merkt die umfassende Expertise der Autorin beim Thema Entwicklung – war sie doch selbst jahrelang in der Entwicklungszusammenarbeit tätig. Also geht sie gekonnt auf die tiefgreifende Verflechtung zwischen Kapitalismus und dem Konzept der menschlichen Entwicklung ein. Fakt ist jedenfalls, dass durch „Entwicklung“ koloniale Strukturen und Machtverhältnisse weiter fortgeschrieben werden können.
Politisches Projekt
Als Gegenbewegung erfolgte in Ecuador eine Stärkung des traditionellen Wissens um Mensch und Natur. Wie es diese holistische Sichtweise bis in den Verfassungsrang geschafft hat, wird von der Autorin sehr anschaulich dargestellt. Sie unternimmt Ausflüge in Theologie und Philosophie, um das Konzept des sumak kawsay genauer zu erklären. Sie nimmt uns auf eine spannende Reise mit, in deren Verlauf wir einen Einblick in den Entstehungsprozess der neuen Verfassung bekommen. Ihr Wissen bezieht sie aus vielen Gesprächen mit verschiedenen Beteiligten dieses Prozesses: Ihre GesprächspartnerInnen kommen aus Politik, Wissenschaft, indigenen Bewegungen und NGOs.
Weiterentwicklung
Zum sumak kawsay oder dem Leben in Fülle gehört auch, in einer Gesellschaft verschiedene Lebensweisen als gleichberechtigt anzuerkennen. Schließlich soll ein gutes Leben nicht nur ein paar von uns vorbehalten sein. Von den in der Verfassung niedergeschriebenen Prinzipien der Plurinationalität und Interkulturalität bis zur im Alltag gelebten Inklusion und Gleichstellung auf sämtlichen Ebenen von Diversität ist es jedoch noch ein weiter Weg. Doch die Weichen sind gestellt, und Ecuador unternimmt zumindest den Versuch, einen anderen Weg zu gehen. Davon können wir viel lernen.
Fazit: Alles ist miteinander verbunden. Auch der Mensch ist nur Teil des Ganzen.
Die Autorin ist Übersetzerin und Dolmetscherin und beschäftigt sich mit interkultureller Kommunikation. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.