Religion und Menschenrecht. Paulo Freire und das Projekt der Moderne.

Das Jahrbuch der Paulo Freire Kooperation 14 trägt den Titel „Religion und Menschenrecht. Paulo Freire und das Projekt der Moderne“. Der Sammelband beinhaltet zehn Texte zu sehr unterschiedlichen Themen, die teilweise auf Paulo Freires Gedanken zurückgreifen und Freires Ideen in einen aktuellen Bezug setzen.

Der Streit um religiöse Symbole im öffentlichen Raum

Religion wird in dem Sammelband vor allem anhand religiöser Symbole diskutiert. Das Erlauben/Verbieten religiöser Symbole im öffentlichen Raum ist das Thema von vier der zehn Artikel des Sammelbandes, beispielsweise Anhand der Debatte um Kopftuch oder Kreuz im Klassenzimmer.

Konrad Yona Riggenmann betont in seinem Artikel die Problematik des Kreuzsymbols. Seiner Ansicht nach schwinge im Symbol des Gekreuzigten immer eine Anklage „der Juden“ und damit eine Diskriminierung mit. Der Artikel von Erica und Teodore Adriano Costa Zanardi verbindet die Debatte um religiöse Symbole mit der Menschenrechtsdebatte. Der Streit um das Kopftuch ist für sie symptomatisch für das Integrationsverständnis in Europa. In diesem Verständnis könnten die Anderen, nur wenn sie zu den Eigenen werden, das heißt, wenn sie sich vollständig anpassten, in die Gesellschaft integriert werden. Die AutorInnen sehen darin eine Verletzung der fundamentalen Menschenrechte. Leider bleibt das der einzige Beitrag, der sich mit dem Thema Menschenrechte auseinandersetzt.

Zweierlei Maß

Die religiösen Symbole des Christentums bzw. des Islams würden in Deutschland nach zweierlei Maß beurteilt. Christliche Symbole im öffentlichen Raum würden in der öffentlichen Debatte als unbedenklich gelten, während vor allem das Kopftuch anscheinend nicht mit demokratischen Werten in Einklang gebracht werden könne. Die (einseitige) Darstellung religiöser Symbolik im öffentlichen Raum wird von den AutorInnen als Zeichen von Intoleranz gegenüber anderen Geisteshaltungen gedeutet. Eine offene Gesellschaft brauche statt einseitigen Verboten echten Dialog und Impulse, die das Miteinander der Kulturen und Religionen förderten, so der Tenor der Artikel. Wie unterdrückerisch Religion sein kann, erläutert Joachim Dabisch anhand der vielen Kriege, die im Namen von Religion geführt werden. Und das nicht nur in den letzten Jahren im Nahen Osten, gerade das Christentum diente in seiner 2000-jährigen Geschichte oft als Grund zur Unterwerfung Andersdenkender (er verdeutlicht das anhand der Kreuzzüge und der Kolonisierung Lateinamerikas).

Das Verhältnis von Staat und Religion in der Türkei

Ültanir erläutert in seinem Artikel das in der türkischen Verfassung verankerte Prinzip des Laizismus, der Artikel geht aber kaum über eine reine Beschreibung der historischen Entwicklung des türkischen Systems, Definitionen von Laizismus und Säkularität und einer Beschreibung des Religionsunterrichtes in der Türkei hinaus. Beim Lesen vermisst man eine klare Fragestellung und/oder Aussage.

Gesellschaftskritik

Neben den Artikeln zu Religion und Menschenrechten finden sich im Sammelband weitere gesellschaftskritische Artikel.

Arnold Köpcke-Duttler beschreibt in seinem Artikel eine Alternative zum ausbeuterischen System der Globalisierung: eine regionale Währung, genannt Regiogeld. Durch Regiogeld soll solidarische Ökonomie unterstützt werden. Darin sieht er einen Akt der Befreiung im Sinne Freires. Köpcke-Duttler nennt in seinem Beitrag eine Vielzahl unterschiedlicher theoretischer Ansätze, von Karl Marx zu Georg Simmel, zu Paulo Freire über theologische Argumente zu Ansätzen der Physik. Leider werden aber kaum Querbezüge zwischen diesen Theorien aufgezeigt, nur die Namen und Hauptideen genannt, ohne eine tiefere Analyse.

Michael Pleister analysiert anhand der Symbolfigur des deutschen Politikers Karl Theodor zu Guttenberg Personifizierung und Medieninszenierung als Symptome der deutschen Gesellschaft. Guttenberg war als Verteidigungsminister einer der beliebtesten und medial präsentesten deutschen Politiker, bis 2011 die Plagiatsaffäre zu seiner Doktorarbeit seine politische Karriere beendete. In der Zuspitzung der Politik auf einzelne Personen sieht Pleister ein Symptom eines allgemein entmündigenden Zeitgeistes. Personen würden unabhängig vom größeren Kontext betrachtet, damit würden Widersprüche innerhalb der Gesellschaft verschleiert. Menschen würden losgelöst von der Welt gesehen und damit eine kritische Reflektion im Sinne Freires über Menschen in ihrer Beziehung mit der Welt verhindert.

Dieter Wolfer geht in seinem Beitrag auf die Entwicklung der sozialen Arbeit in Deutschland und die derzeitige Überforderung des Systems durch Kostenreduzierung, Bürokratisierung und steigende Anforderungen ein.

Exkurs nach Afrika

Die Beiträge von Thomas Friedrich stehen etwas für sich und weisen weder einen Bezug zu anderen Artikeln, noch zu Paulo Freire auf. Friedrich schreibt ein Plädoyer für die afrikanische Literatur. Er gibt in seinen drei Rekursen zur Literaturarbeit in Afrika einen guten Überblick über zeitgenössische afrikanische AutorInnen.

Fazit

Das Buch ist ein Sammelband im wörtlichen Sinne – eine Sammlung unterschiedlichster Artikel. Da es keine Einleitung oder Ähnliches gibt, ist kein roter Faden erkennbar, die im Titel genannten Themen Religion und Menschenrecht werden nur in einem Beitrag beide thematisiert, Religion knapp in der Hälfte der Artikel.

Die meisten Artikel beziehen sich auf einen deutschen Kontext, immer wieder wird auf deutsche Realitäten, Gesetze, Entwicklungen, PolitikerInnen etc. Bezug genommen. Die Aussagen sind damit nicht ohne weiteres auf andere Kontexte übertragbar. Es ist interessant, wie die Ideen Freires auf diesen deutschen Kontext angewendet werden. Der Bezug zu Paulo Freire gelingt jedoch nicht in allen Artikeln. Einige AutorInnen verweisen überhaupt nicht auf Paulo Freire, andere nennen zwar seinen Namen und verweisen auf seine Gedanken, ohne jedoch Freires Ideen in die eigentliche Analyse miteinzubeziehen.

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