Am 12. Juni stellte Philipp Salzmann sein erstes Buch vor: „Die Nahrungskrise in Sub-Sahara Afrika. Politische Ökonomie der Nahrungsunsicherheit von KleinbäuerInnen“. Darin schlägt er die Brücke zwischen globalen und lokalen Problemzusammenhängen, indem er die Situation in Sub-Sahara Afrika in den Kontext des neoliberalen Nahrungssystems einbettet.
Eine widersprüchliche Situation
Trotz hoch gesteckter politischer Ziele sind in den letzten zwei Dekaden 750 bis 850 Mio. Menschen von Hunger betroffen, das ist mittlerweile kein Geheimnis mehr. Das paradoxe an dieser Situation ist jedoch, dass viele „nahrungsunsichere“ Menschen ProduzentInnen von Nahrung sind. Diese, eigentlich widersprüchliche Situation trifft auf weite Teile des afrikanischen Kontinents zu und hat die Nahrungsunsicherheit vielerorts zu einer Langzeitkrise werden lassen.
Vor diesem Hintergrund stellt Philipp Salzmann in seinem Buch die Frage, wie es innerhalb des globalisierten neoliberalen Nahrungssystems zu Nahrungsunsicherheit im postkolonialen Subsahara Afrika kommt.
Foto: Florian Wörgötter
Festgefahrene Strukturen, dominante AkteurInnen
Der Politikwissenschaftler und Absolvent der Internationalen Entwicklung befasst sich schon lange schwerpunktmäßig mit dem Thema Nahrungs(un)sicherheit, Ernährungssouveräntität und Agrarpolitiken in Sub-Sahara Afrika . In seinem, kürzlich erschienen Buch untersucht er die systemisch-strukturellen Ursachen für Nahrungsunsicherheit von KleinbäuerInnen und deren politökonomische Marginalisierung. Um dahinterliegende Machtverhältnisse freizulegen, steht daher die Analyse dominanter AkteurInnen und wirtschaftspolitischer Strukturen im Fokus seiner Arbeit.
In vielen Regionen Sub-Sahara Afrikas zeigen diese noch heute Abdrücke vergangener Entwicklungen: So führte die starke Verschuldung mehrerer Länder in eine zunehmende Abhängigkeit von Darlehen der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds. Daran gekoppelte „Strukturanpassungen“ führten zur Neoliberalisierung des Agrarsektors: Dies äußerte sich in der marktwirtschaftlich gesteuerten Deregulierung der Bodenmärkte, dem Rückzug des Staates aus der Förderung und Unterstützung von KleinbäuerInnen sowie der zunehmenden Kommodifizierung von Saatgut. Die zunehmende Produktion für den Export ging dabei zulasten der kleinbäuerlichen Landwirtschaft und des Subsistenzanbaus, die Öffnung der Märkte für Importprodukte verschärft die Marktkonkurrenz heimischer Erzeugnisse. Auch heute noch drängt die Weltbank auf Modernisierung und die Überwindung kleinbäuerlicher Anbaumethoden.
Was EU Subventionen in Ghana bewirken
Die Kehrseite dieser Entwicklungsmedaille machte der Autor anhand von zwei Ländern – Ghana und Uganda -deutlich. Diese, oftmals als Erfolgsmodelle wirksamer Strukturanpassungen gehandelte Staaten, verfolgen in ihrer staatlichen Agrarpolitik ähnliche Ziele: der Spezialisierung auf gewisse landwirtschaftliche Produkte den Vorrang vor Selbstversorgung zu geben, die kleinbäuerliche Landwirtschaft gleichzeitig zu industrialisieren und kommerzialisieren und Nahrungssicherheit über den (globalen) Markt anzustreben. Folgen dieser Entwicklungen seien jedoch, so Salzmann,dass lokale Produkte gegenüber importierten zunehmend konkurrenzunfähig werden: wurden 1992 noch 95% des konsumierten Geflügels in Ghana von heimischer Produktion gedeckt, machten Geflügelimporte 2007 schon ganze 73% aus. Dass die Importware dabei um 30-40% billiger ist, habe verschiedene Gründe. Ausschlaggebend sei unter anderem, dass das als Futtermittel verwendete Getreide in der EU so stark subventioniert wird, dass der Großteil des (in Massen „produzierten“) europäischen Geflügels, das in der EU keinen Absatzmarkt mehr findet, als billige Reststücke exportiert werden können.
Der Staat verschlimmbessert die Situation
Eine weitere Problematik die Philipp Salzmann in seinem Buch untersucht, ist die Zunahme von „Land Grabbing“ als Strategie der Ressourcenaneignung, besonders getrieben durch die sich ausweitende Agrartreibstoffproduktion in diesen Ländern. Von Staaten als „leeres“ oder „degradiertes“ Land an InvestorInnen ausgewiesen, sind KleinbäuerInnen gegen ihre Enteignung bzw. Verdrängung ihrer Nutzungsformen oft machtlos. Der Ausbau „erneuerbarer Energien“ wie sie die Jatrophapflanze beispielsweise liefert, erscheint im Kontext des Klimawandels als ehrenwertes Ziel, eine weitere Steigerung der Nahrungsunsicherheit ist meist aber die Folge.

Foto: Florian Wörgötter
Solche Verdrängungs- und Enteignungsmechanismen seien keine versehendlichen Randerscheinungen, sondern vielmehr systemimmanente Marginalisierungsmuster, bedingt durch das neoliberale Nahrungssystem.
Zwei anschließende Kommentare von Melanie Pichler, Universitätsassistentin am Institut für Politikwissenschaft und Brigitte Reisenberger, Kultur- und Sozialanthropologin und bei FIAN Österreich tätig, erweiterten die Buchpräsentation um die Betrachtungsweisen der politischen Ökologie und der menschenrechtlichen Perspektive auf Nahrungsunsicherheit. Beide betonten dabei die zentrale und oft unterschätzte Rolle des Staates, der unter anderem wesentlich in die Auf- oder Abwertung von Land und natürlichen Ressourcen involviert sei und dessen Pflicht es auch obliege, bestehende (Menschen)Rechte, auf Land und Nahrung gegen wirtschaftliche Einzelinteressen zu verteidigen.
Lässt ein solches System Freiraum für Widerstand?
Fragt das Buch am Ende und schließt mit einem Hoffnungsschimmer durch aktuell erfolgsversprechende Auseinandersetzungen um die Zurückgewinnung von Boden für KleinbäuerInnen. Vernetzungen in Bewegungen wie der La Via Campesina, spielen hierbei eine wichtige Rolle. Auch der anschließenden Publikumsdiskussion bot diese Frage reichlich Diskussionsstoff. Fragen nach ähnlichen Problemlagen, wie der Ernährungssituation im urbanen Bereich, zeigten das Interesse an weiteren Publikationen dieser Form. Die trotz des Auftaktes der Fußballweltmeisterschaft in Brasilien gut besuchte Buchpräsentation endete in anregenden Gesprächen bei Brot und Wein.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Weiterführende Links:
- La Via Campesina: https://www.viacampesina.at/cm3/index.php
- FIAN Österreich: https://www.fian.at/
- Mandelbaum Verlag, in dem das Buch von Philipp Salzmann erschienen ist: https://www.mandelbaum.at/books/816/page/1/