Nossa Copa? Die Fußball-Weltmeisterschaft in Brasilien bleibt umstritten

Im Juni 2014 startet die Fußball-Weltmeisterschaft (WM) der Männer in Brasilien, doch gerade im Gastgeberland blicken viele Menschen dem Großereignis mit gemischten Gefühlen entgegen. Mit einer „Fußballnation zwischen Begeisterung und Protest“ befassten sich die TeilnehmerInnen der Diskussion des Club 2×11, die am 10. April in der Hauptbücherei am Gürtel in Wien stattfand.Am 12. Juni 2014 um 17 Uhr (Ortszeit) geht es los, der Anpfiff des Eröffnungsspieles Brasilien – Kroatien wird in der neu errichteten Arena de São Paulo ertönen, Fußball-Fans dürfen auf vier spannende Fußballwochen hoffen. Doch wie in diversen Berichterstattungen und Nachrichten in den letzten Monaten immer wieder zu sehen oder zu lesen war, hat die Vorfreude auf das sportliche Event einen bitteren Beigeschmack. Zwangsräumungen und Menschenrechtsverletzungen, die im Zuge der WM-Vorbereitungen durchgeführt und begangen wurden, die hohen Ausgaben für den Bau von Stadien bei gleichzeitiger Vernachlässigung des Bildungs- und Gesundheitssystems oder die Verteuerungen im öffentlichen Verkehr wurden auf den brasilianischen Straßen lautstark kritisiert. Heute scheinen die enormen sozialen Proteste und Demonstrationen, die ihren Höhepunkt während des Confederations Cups im Juni 2013 erreichten, zwar abgeflaut zu sein, die kritischen Stimmen sind aber keineswegs verstummt.

Am 10. April veranstaltete der Club 2×11 (2006 gegründet vom Fußballmagazin ballesterer, dem Sportwettanbieter tipp3 und der Hauptbücherei der Stadt Wien) in Kooperation mit der Initiative Nosso Jogo und der brasilianischen Botschaft Wien eine Diskussion zu den Rahmenbedingungen und Auswirkungen der WM. Moderiert von Reinhard Krennhuber von ballesterer diskutierten der brasilianische Botschafter in Wien Evandro Didonet, der Fotograf, Journalist, Grafiker und Autor Alois Gstöttner, Bernhard Leubolt von der Wirtschaftsuniversität Wien, Fabiano de Lima Campos, Fußballprofi beim LASK Linz und Olivia Machado, die sich im Rahmen ihrer Masterarbeit mit den sozialen Protesten in Brasilien befasst hat.

Entstehung des Protestes

Der Anstoß zu den Protesten in der WM-Vorbereitungszeit sei eigentlich von linksgerichteten Studierenden aus der Mittelschicht ausgegangen, die sich für kostenfreien Transport einsetzten, erklärte Leubolt. Dies würde vor allem armen Menschen zugute kommen, da diese besonders unter den Teuerungen leiden. Die Proteste seien dann aber von verschiedenen Medien aufgegriffen worden, um Stimmung gegen die Mitte-links-Regierung zu machen. Daraufhin, so Leubolt, hätten sich weitere Teile der Bevölkerung den Protesten angeschlossen um ihre Stimme vor allem gegen Korruption zu erheben. Neben vielen anderen Aspekten spielten hier auch existierende Konflikte zwischen alter und neuer Mittelschicht sowie der armen Bevölkerung eine Rolle in der Ausbreitung der Proteste.

Demonstrationen flauen ab

Laut einer neuen Umfrage stünden 41% der BrasilianerInnen der WM negativ gegenüber, so Didonet. Die Demonstrationen in Bezug auf das Megaevent seien ein Beispiel für das politische Bewusstsein der Bevölkerung. Die Regierung nehme die Forderungen der Menschen wahr und sei bemüht, auch darauf zu reagieren, erklärte der Botschafter.

Im Moment allerdings seien die Demonstrationen zurückgegangen, berichtet Machado, die sich wenige Tage zuvor noch vor Ort in ihrer Heimatstadt Rio de Janeiro ein Bild von der aktuellen Lage machen konnte. Dies sei vor allem auf das repressive Vorgehen der Polizei gegen die DemonstrantInnen zurückzuführen. Während im Sommer 2013 noch eine breite Masse ihrem Unmut öffentlich kundtat, hätten die Leute nun Angst, auf die Straße zu gehen. Die große Unzufriedenheit der Menschen sei aber immer noch zu spüren, so Machado, Politik sei zu einem sehr wichtigen und alltäglichen Gesprächsthema geworden.

Die gemischten Gefühle, mit denen viele der WM entgegenblicken, wurden an diesem Abend besonders im Statement von de Lima Campos deutlich. Als Fußballer sehe er die WM als ein großes Fest für Sportler und Bevölkerung, ein Fest, von dem jeder Fußballer sein Leben lang träume. Als brasilianischer Staatsbürger dagegen sehe er keinen Grund dafür, die WM in Brasilien durchzuführen. Es gebe andere Prioritäten und das für die WM aufgewandte Geld solle lieber in Bildung, Gesundheit oder Sicherheit investiert werden.

Was von der WM bleibt

Welche Auswirkungen die WM auf den Fußball aber auch auf die BrasilianerInnen haben könnte, zeige sich, so Gstöttner, beispielsweise in Rio de Janeiro, wo während des Confederations Cups bereits jene Handlungsrichtlinien umgesetzt wurden, die auch für die WM gelten sollten. So gebe es hier bereits ein Verbot, als freieR VerkäuferIn Getränke oder T-Shirts im Umfeld der Stadien zu verkaufen. Dieses Verbot werde mit der WM vermutlich auf ganz Brasilien ausgeweitet. Da aber viele Menschen von diesem Verkauf lebten, sei dieses Vorgehen problematisch.

Ein anderer wichtiger Kritikpunkt, so Gstöttner, sei auch, dass es keine regionalen Anpassungen bezüglich der Anforderungen des Weltfußballverbandes (FIFA) gebe. So müsse beispielsweise ein Stadion in Manaus die gleichen Anforderungen erfüllen, wie eines in Berlin. Dies führe dazu, dass Manaus – eine Stadt, in der es keinen Profiverein gebe – als Vermächtnis dieser WM ein für vier Spiele neu errichtetes Stadion für 40.000 Menschen bekäme.

Während solche Investitionen zu kritisieren seien, könne man aber auch positive Nebenwirkungen erkennen, so Leubolt. So seien im Zuge der WM-Vorbereitungen der öffentliche Verkehr und die Kanalisation auch in von Armut betroffenen Gebieten ausgebaut worden. Diese positiven Effekte betonte auch Didonet. Zwar sei es kein Geheimnis, dass viele geplante Projekte nicht umgesetzt wurden, dennoch habe man viele Verbesserungen erreicht.

Da sich die Diskussion auch sportlichen Themen widmete, war die Zeit für eine Vertiefung vieler der angesprochenen Aspekte leider zu kurz. Gelegenheit dazu bot, nach einer kurzen Vorstellung des neu erschienenen Buches von Gstöttner „Gooool do Brasil – Kartografie einer nationalen Leidenschaft“, der gemeinsame Ausklang des Abends bei einem brasilianischen Buffet.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.