Wussten Sie, dass der Rapper Sido Sinto ist? Oder dass bei der Castingsshow „Deutschland sucht den Superstar“ Sinti und Sintize bereits mehrmals vorn dabei waren? Oder dass die Punk-Band Gogol Bordello bei einem gemeinsamen Auftritt mit Madonna im internationalen Fernsehen einen Song auf Romanes sang?Dies wären Beispiele für eine positive mediale Präsentation dieser Volksgruppen – sie wird jedoch kaum beachtet, weil negative Stereotype ihnen gegenüber in der Populärkultur dominant sind.
Um das Thema der Stereotypisierung von ethnischen Minderheiten und MigrantInnen in der Populärkultur gemeinsam zu bearbeiten, organisierten das Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit (VIDC) und das Karl-Renner-Institut am 27. und 28. Februar 2014 die internationale Konferenz „stop watching, start seeing“. Dies ist auch der Leitspruch des EU-Projekts „BEAMS – Breaking down European Attitudes towards Migrants/Minority Stereotypes“, in dessen Rahmen diese Veranstaltung stattfand. Das BEAMS-Projekt bringt Organisationen aus elf EU-Ländern zusammen, um sich Stereotypen gegenüber MigrantInnen und ethnischen Minderheiten zu widmen, die in den Medien aufgegriffen werden. Da populärkulturelle Erzeugnisse wie Fernsehshows oder Zeitschriften einen bedeutenden Anteil an der öffentlichen Meinung haben, ist das Ziel des Projektes, derlei Klischees als solche zu erkennen und aufzubrechen.
Beatrice Achaleke, Peggy Piesche, Michael Fanizadeh und Delna Antia, Foto: Daniel Novotny/fotonovo
Selbstverleugnung…
Im ersten Teil der Konferenz wurden erste Forschungsergebnisse des BEAMS-Projektes vorgestellt und in zwei Panels zur Diskussion freigegeben. Die erste Gesprächsrunde widmete sich Roma/Romnja und Sinti/Sintize in Europa. Das einführende Beispiel von der ORF-Journalistin und Aktivistin Gilda Horvath war trotz der internationalen Herkunft des Publikums allen gut bekannt: Der Fall „Maria“, der im Herbst des letzten Jahres durch die europäischen Medien ging, gilt als klarer Fall rassistischer Stereotypisierung gegenüber Roma und Romnja.
Gilda Horvath, Foto: Daniel Novotny/fotonovo
Den Eltern von Maria wurde Kidnapping vorgeworfen, da das Kind nicht – wie von Roma/Romnja erwartet – schwarze, sondern blonde Haare hatte.
Mirjam-Angela Karoly, die die Leiterin der Kontaktstelle für Roma- und Sinti-Fragen bei der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) in Polen ist, arbeitete zwei zentrale Stereotype heraus, mit denen sich Roma/Romnja und Sinti/Sintize konfrontiert sehen: So werden sie zum Einen besonders im Zuge von Kriminalisierung in den Medien thematisiert und als Bedrohung für die innere Sicherheit wahrgenommen. Zum Anderen wird ihnen vorgeworfen, weder willens noch fähig zur Inklusion zu sein. Diese, oft schon jahrhundertealten, Stereotype seien essentiell für die „Sündenbockfunktion“, die Roma/Romnja und Sinti/Sintize in Europa erfüllen müssen, so Romani Rose, Vorsitzender des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma. Dies habe nicht nur zur Auswirkung, dass sie sich Diskriminierungen gegenüber sehen, sondern ihre Identität verdeckt halten, aus Sorge vor Benachteiligungen und Vorurteilen. Gilda Horvath bestätigte diese Beobachtung, wies aber darauf hin, dass es Gegenstrategien gebe: Es findet eine internationale Vernetzung von Roma- und Sinti-Vereinen statt, es werden Meldungen an den Presserat geschickt oder sich offen gegen die abwertende Bezeichnung dieser Volksgruppen ausgesprochen.

Romani Rose, Foto: Daniel Novotny/fotonovo
…und Selbstrepräsentation
Das zweite Panel befasste sich mit rassistischen Stereotypen gegenüber Minderheiten in den Medien und legte den Fokus besonders auf die Bildsprache gegenüber MigrantInnen und ethnischen Minderheiten in Österreich. Zu Beginn fasste die Literatur- und Kulturwissenschaftlerin Peggy Piesche rassialisierte Beispiele aus der Werbung und Berichterstattung verbal zusammen. Damit machte sie deutlich, dass diese so fest in Köpfen verankert sind, dass es nicht einmal des Anblicks der Bilder bedurfte, um die Klischees abzurufen. Beatrice Achaleke stellte anschließend einige Arbeiten des Vereins M-Media vor, die sich mit selbstbestimmter Darstellung von MigrantInnen und ethnischen Minderheiten befasst haben. Einen ähnlichen Ansatz verfolgt das Stadtmagazin „das biber“, dessen Redaktion sich vor allem sog. „neue ÖsterreicherInnen“ zusammensetzt. Die Chefin vom Dienst Delna Antia stellte einige Titelgeschichten des Magazins vor und verdeutlichte so, dass die Selbstrepräsentation dort mit dem spielerischen Umgang mit Klischees verknüpft sei. Dieser Zugang zur Bearbeitung von Stereotypen stellte sich in der anschließenden Diskussion als sehr kontrovers heraus.
Fürsprache und Mitsprache
Der zweite Teil der Konferenz fand am folgenden Tag statt und bestand aus drei thematisch unterschiedlichen Workshops. Die Arbeitsgruppen befassten sich mit visueller Kunst, Film, Comedy oder städtischen Behörden im Umgang mit Stereotypen und wie diese abzubauen seien. Im Zuge dessen wurden Projekte aus den jeweiligen Themenfelder vorgestellt und diskutiert. Am Ende der Konferenz wurden die Ergebnisse zusammengefasst, wobei deutlich wurde, dass auch im Laufe dieser Veranstaltung mehr Fragen aufgetaucht sind, als beantwortet wurden. So sei die Verwendung von Begriffen bezüglich ethnischen Minderheiten uneinheitlich und oft kontrovers. Das komplizierte Verhältnis von Reden für Minderheiten oder Reden mit Minderheiten auf Augenhöhe wurde ebenfalls thematisiert, konnte aber nicht abschließend geklärt werden. Eines wurde jedoch klar: Die Instrumentalisierung von Minderheiten von (nicht nur) rechtspopulistischen Stimmen sei nicht nur ein Angriff auf diese Volksgruppen, so Romani Rose. Es sei ebenso ein Angriff auf die Demokratie, in der kein Mitglied der Gesellschaft auf Grund der Zugehörigkeit zu einer Ethnie diskriminiert werden darf. Daher sei es nicht nur die Aufgabe der von diesen Anfeindungen Betroffenen, sich gegen Rassismen zu wehren, denn die Verantwortung für eine demokratische, gerechte und diskriminierungsfreie Gesellschaft tragen alle.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.