DIE NACHT ERSCHIEßEN

„Die Kretins, die Bettler, die Kiffer, die gottverdammten Guanaco-…“ Der Junge hält inne. „Das ist ein Schimpfwort.“ – Hurenkinder. Das Gedicht, das der Junge aus einem ihm gereichten Buch vorliest, ist von Roque Dalton (1935 – 1975), des bedeutendsten Dichters El Salvadors. Der, der dafür bekannt war, kein Blatt vor den Mund genommen zu haben.

Dalton schrieb Poesie für alle, ohne jegliches Pathos und mit einer Sprache, die sich vor Kraftausdrücken nicht scheut – denn so reden die Leute nun einmal. Damit stellte er sich gegen die lateinamerikanische Tradition der hymnischen Dichtung, für die z.B. Pablo Neruda steht.

Subversion und Utopie

Roque Dalton war Schriftsteller, Dichter, Revolutionär, Guerrillero, Vater und Liebhaber. Sein Leben kannte zahlreiche Episoden und Wendungen, die die Regisseurin Tina Leisch gemeinsam mit dem Schriftsteller Erich Hackl in dem Portraitfilm „Roque Dalton, erschießen wir die Nacht! – Roque Dalton, ¡fusilemos la noche!“ nachgezeichnet hat. Dalton war bekennender Antikapitalist und den salvadorianischen Diktaturen mit seinen spitzzüngigen Schriften bald ein Dorn im Auge. Zweimal als Aufrührer gegen die Obrigkeiten zum Tode verurteilt, konnte er jedes Mal entkommen. Als er schließlich für den bewaffneten Guerilla-Kampf aus dem Exil in Cuba zurückkehrte, wurde er von einem Genossen, unter bisher offiziell ungeklärten Umständen, erschossen. Die Motivation für den Mord war wahrscheinlich der nachweislich falsche Verdacht, Dalton sei ein Spion der CIA gewesen.

Der Film folgt nicht der oft üblichen Dokumentationsästhetik, mit der Stimme aus dem Off über alten Fotos, in die langsam hinein gezoomt wird. Die Biographie Daltons wird hier ausschließlich aus den Erinnerungen von Angehörigen, FreundInnen, KollegInnen und ehemaligen KameradInnen, sowie aufgenommenem Originialmaterial rekonstruiert. Roque Dalton lebt an den Orten der Erlebnisse selbst auf: Leisch und Hackl haben Dalton aus alten Fotos ausgeschnitten und auf Karton geklebt ins Bild gestellt. Ein solches „trashiges Pappmonument“, wie Leisch es nennt, hätte ihm sicher gefallen – dem, der so viel Spott übrig hatte für jene, die auf Pathos Wert legten. Das Gesamtwerk Daltons in drei zerlesenen Bänden, mit vielen bunten Post-Its markiert, begleitet den Weg auf der Suche nach den Spuren Daltons. Einblendungen, in denen SalvadorianerInnen auf der Straße, im Gefängnis, im Wohnzimmer oder im Uni-Hörsaal Gedichte von Dalton rezitieren, bilden Intermezzi zwischen Interview-Passagen.

Leitmotiv Widerstand

Leischs Arbeiten bewegen sich seit jeher „in gesellschaftlichen Konfliktzonen“, sie drehen sich oft um Widerstand und Subversion. In Theaterexperimenten arbeitete sie mit PatientInnen des psychiatrischen Krankenhauses am Steinhof die Morde an psychisch Kranken im Nationalsozialismus auf. Andere Male entwarf sie Stücke mit InsassInnen der Strafanstalten in Gerasdorf und Schwarzau. Sie ist unter anderem Mitbegründerin von kinoki, einem Verein für audiovisuelle Selbstbestimmung, der sich der politischen und emanzipativen Filmarbeit verschrieben hat.

Die Poesie Roque Daltons lernte Leisch kennen, also sie in den achtziger Jahren, zu Zeiten des Bürgerkrieges, in El Salvador lebte. Sie sei damals gewarnt worden, nicht mit seinen Werken umherzulaufen, denn bei den zu dieser Zeit üblichen Militärkontrollen wäre man mit Dalton in der Tasche gleich als umstürzlerisch entlarvt gewesen.

Auch im Film schwingen diese Themen mit. Es geht um die Auflehnung gegen Obrigkeiten, gegen das Kapital, den US-amerikanischen Imperialismus, aber es geht auch um Gefühle, um Hoffnung und um die Angst, verhaftet zu werden. Das Passepartout für Daltons cineastisches Portrait ist schließlich der Kalte Krieg mit der Blockkonfrontation, die kubanische Revolution, der sowjetische Realsozialismus (den Dalton in Moskau und Prag selbst kennenlernte) oder der Versuch der Etablierung einer sozialistischen Gesellschaft in Chile unter Salvador Allende. Trotzdem ist das Werk Daltons nicht nur ein Kind seiner Zeit, die antikapitalistischen Texte haben an Aktualität nichts eingebüßt. Dies wird besonders deutlich, als Laura Suarez, eine Migrantin aus Argentinien, die im Wiener Prater einen Imbiss betreibt, Daltons Poem „Anklage“ vorliest. Dort wird im Namen derer, die in einem anderen Land leben und die für andere die schmutzige Wäsche waschen oder Toiletten putzen der Kapitalismus angeprangert. Laura stockt beim Vorlesen, sie schluckt die Tränen herunter – Dalton spricht ihr aus dem Herzen, obwohl das Gedicht schon vor Jahrzehnten verfasst wurde.

Dalton für alle

Daltons Oeuvre bietet jedoch nicht nur Begleitliteratur zum Klassenkampf. Sie könne auch, so Leisch, prächtig als „Diebesgut für frischverliebte Liebesbrief- oder EmailschreiberInnen“ Verwendung finden oder die Seele El Salvadors für TouristInnen offenbaren, die nicht nur am Land, sondern auch den Leuten interessiert sind. Eine bestimmte Zielgruppe hat der Film jedoch nicht. Leisch wünsche sich vor allem, dass ihre Arbeiten Kreise ziehen und an ungewöhnliche Orte kommen.

Es wird deutlich, dass die FilmemacherInnen Leisch und Hackl selbst Daltons Poesie bewundern und ihn für seinen politischen Aktivismus respektieren. Es ist eine, mit kleinen besonderen Regie-Ideen gespickte, Hommage an einen Utopisten und Poeten, die es schafft, Daltons Leben und Werk nicht zu überhöhen, aber ihm die Wertschätzung auszusprechen, die es verdient. Das begeisterte Fazit muss daher lauten: „Roque Dalton, erschießen wir die Nacht!“ ist ein sehenswerter Film – für solche, die Poesie und Witz mögen, für solche, die eigentlich nicht besonders viel für Lyrik übrig haben, für solche, die von der (wie Leisch es gern nennt) „Weltrevolution“ träumen – und für alle anderen.

Nähere Informationen zu Spielzeiten und Trailer: hier.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums.  Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at .

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.