Brasilien hat in den letzen zehn Jahren einen bemerkenswerten Transformationsprozess durchgemacht – das ist der Ausgangspunkt des Buches „Inside a Champion. An Analysis of the Brazilian Development Model“. Als sechststärkste Wirtschaft weltweit und stetig weiter wachsend, scheint das ehemalige „Entwicklungsland“ nicht einmal von der internationalen Wirtschafts- und Finanzkrise etwas mitzubekommen.Der 2012 erschienene Sammelband der Heinrich Böll Stiftung vereint Beiträge von 17 AutorInnen und WissenschaftlerInnen, die sich vor diesem Hintergrund die Frage stellen, ob das Land, das von der internationalen Gemeinschaft als wirtschaftlich erfolgreich, umwelt- und klimaschonend und sogar als sozialverantwortlich wahrgenommen wird, tatsächlich das „Wirtschaftswunderkind“ ist, das es nach außen hin zu sein scheint.
„Entschuldigen Sie die Störung, wir verändern gerade das Land!“
Dieser Schriftzug zierte Protestplakate in São Paulo und anderen Städten Brasiliens, als es in den Sommermonaten 2013 zu Demonstrationen gegen die schlechten Lebensbedingungen und die mangelhafte Infrastruktur kam. Von dem „Boom“ des Landes bekommen weite Teile der Bevölkerung nichts mit und auch von anderen Nebenwirkungen des rasanten Transformationsprozesses erfährt die Außenwelt nur sehr wenig. Vielmehr ist bekannt, dass der von Hunger und Armut betroffene Anteil stark zurückgegangen ist und mit der Wirtschaft eine breite Mittelschicht gewachsen ist. Sogar auf der Klimakonferenz in Kopenhagen zeigte sich Brasilien mit ehrgeizigen Zielen zur Emissionsreduktion als Vorreiter. Dass die brasilianische Zivilgesellschaft eine durchaus andere Sicht auf die Entwicklungen im eigenen Land hat, zeigen neben den Protesten auch die verschiedenen Beiträge des Buches. Auf 223 Seiten beleuchten die AutorInnen die unterschiedliche Wahrnehmung innerhalb und außerhalb der Landesgrenzen. Sie erläutern die Funktionsweise und Nebenwirkungen des brasilianischen Entwicklungsmodells und machen auf dessen wenig stabiles Fundament – den Export von Rohstoffen, die auf dem Weltmarkt starken Preisschwankungen unterlegen sind – aufmerksam.
Das Buch folgt einer klaren Struktur und gliedert sich in vier Teile: Im ersten Teil mit dem Titel „Strukturen des Modells“, werden dem/der LeserIn die Hintergründe der aktuellen wirtschaftlichen, politischen und sozialen Situation Brasiliens nähergebracht. Darstellungen der historischen Entwicklung machen deutlich, dass das Modell der Ressourcenausbeutung und gesellschaftlichen Segregation entlang dieses Produktionsmusters schon alte Wurzeln hat.
Was kostet der Fortschritt?
Die Beiträge belassen es jedoch nicht bei der sachlichen Darstellung dieses Modells: Vermeintlich progressive Wirtschaftszweige wie die „Green Economy“ oder internationale Programme wie das REDD (Reducing Emissions from deforestation and forest degradation) werden auf ihre versteckten negativen Auswirkungen hin untersucht. Dabei zeigen die AutorInnen auf, wie das Land der Superlative – was die Vorkommen verschiedener wertvoller Ressourcen wie Süßwasser, Biodiversität, Metalle, „erneuerbare Energie“ anbelangt – von dieser Vermarktung der Umwelt profitiert.
In „Kosten des Modells“, dem zweiten Teil des Buches, werden einzelne Aspekte der Auswirkungen des vermeintlichen Fortschritts genauer analysiert. Wie z.B. jene, die die Abhaltung der „Mega-Events“ – der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 – mit sich bringen. In diesem und im folgenden Teil, „Die internationale Dimension“, zeigen die Beiträge, dass es falsch wäre, Brasilien in diesem Zusammenhang allein an den Pranger zu stellen. Sie verdeutlichen durch die Einbettung in den internationalen Kontext, welche Dynamiken (von außen) das brasilianische Entwicklungsmodell vorantreiben und welche AkteurInnen davon profitieren.
Der letzte Abschnitt befasst sich mit den möglichen und bereits existierenden „Alternativen“ zum bestehenden Modell. Dass es neben dem boomenden Agrobusiness und der Technologisierung der Landwirtschaft alternative Herangehensweisen gibt, wird in dem Kapitel über Agroökologie als mögliche Lösung der Nahrungsmittel-, Ökologie- und Sozialkrise aufgezeigt.
Aufstand im Paradies oder das wahre Gesicht eines „Schwellenlandes“
Die verschiedenen Beiträge des Sammelbandes geben Einblicke in das „Wirtschaftswunder Brasilien“ und verschaffen dem/der LeserIn eine Vorstellung davon, warum sich gerade jetzt, wo sich vermeintlich alles bessert und Brasilien nicht mehr Empfänger, sondern Geber von Hilfsgeldern ist, die Unzufriedenheit der BrasilianerInnen auf den Straßen entzündet. Trotz einiger Fortschritte im politisch-rechtlichen Bereich, im Bezug auf den Lebensstandard eines Teils der Bevölkerung oder der Kriminalitätsrate, kommen fast alle AutorInnen doch zu eher ernüchternden Bilanzen des „Aufstiegs“ Brasiliens.
Wenn man auch manchmal einige Fachtermini im Wörterbuch nachschlagen muss und manche Themenfelder wie die Finanzpolitik zum Teil sehr detailliert und ohne weitere Kontextualisierung bestimmter Parameter erläutert werden, sind die meisten Beiträge doch sehr zugänglich und verständlich geschrieben. Sie bieten mitunter sogar amüsante Abschnitte, wie beispielsweise die Erfolgsgeschichte des „Superstars“ Lula. Ein empfehlenswertes Buch für all jene, die hinter die Fassade des Aufsteigers Brasilien schauen wollen.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.
Heinrich Böll Foundation (Ed.): Inside a Champion. An Analysis of the Brazilian Development Model. Rio de Janeiro: Heinrich Böll Stiftung, Office Brazil, 2012. ISBN 978-85-626-6907-1.