Die Risiken und Nebenwirkungen des globalen Warenhandels

Dass sich die Preise unserer Lebensmittel und Konsumgüter über die Jahre ändern, wissen wohl die meisten. Welche komplexen Ursachen und Auswirkungen das hat, damit befassten sich unter anderem die Vortragenden am 20. Juni 2013 bei der Veranstaltung „Commodity Dependence and Economic Development: The Case for Global Action“.Vor dem Hintergrund des enormen Preisanstiegs verschiedener Handelsgüter in den letzten Jahren, lud die Österreichische Forschungsstiftung für Internationale Entwicklung (ÖFSE) drei ExpertInnen ein, um Licht in das Dunkel der wirtschaftlichen Verstrickungen zu bringen. Machiko Nissanke, Ökonomin an der School of Oriental and African Studies (SOAS) in London, hat sich auf den Bereich der Wirtschaftsentwicklung in und zwischen Entwicklungs- und Schwellenländern spezialisiert. Moderiert von Karin Küblböck diskutierten außerdem Andrey Kuhleshov vom Common Fund for Commodities (CFC) sowie Cornelia Staritz, wissenschaftliche Mitarbeiterin der ÖFSE.

Die Rückkehr der Güter auf die Agenda der Entwicklungspolitik

Der Anstieg und die Schwankungen der Preise haben schon lange Auswirkungen auf die Entwicklungspolitik, sowohl für vermehrt exportierende als auch für stark vom Warenimport abhängige Länder. Welche Marktmechanismen dahinter stehen und wie mit diesen Herausforderungen umgegangen werden kann, ist schon einige Zeit in der entwicklungspolitischen Debatte präsent und seit einem Jahr Schwerpunktthema der ÖFSE.

Trotzdem hat erst der Preisboom der Jahre 2007/2008 die Bedeutung der Waren und des Warenhandels wieder verstärkt auf die Agenda der Entwicklungsdebatte gebracht, unter anderem durch den Einfluss von Menschen wie Machiko Nissanke. Neben ihrer Forschung war sie beratend in verschiedenen internationalen Organisationen wie der UNDP, der Weltbank und der Afrikanischen Entwicklungsbank tätig. Den Anwesenden beim Vortrag machte sie die Komplexität der Prozesse deutlich, die in den vergangenen Jahren die schnellen und starken Preisfluktuationen bewirkten. So sei der Warenmarkt der Dynamik des jeweiligen historischen Kontextes unterworfen. Der Anstieg der Preise ergebe sich nicht nur aus der zunehmenden Nachfrage, auch wenn dieser besonders in den Ländern Asiens eine entscheidende Rolle spiele. Vielmehr seien der zeitgleiche Rückgang der Investitionen und des Angebots, die zunehmende Energieknappheit und die Veränderung des Klimas ebenfalls wichtige Einflussfaktoren.

Die unsichtbare Hand des Finanzmarktes

Mindestens genauso bedeutend, erklärte Nissanke, sei aber das Auftauchen neuer Akteure im Bereich des Warenhandels: Zunehmend werden Güter in den Finanzmarkt inkorporiert, Hedgefonds und andere Investmentinstitutionen drehen durch Spekulationen in „Future Markets“ an den Preisen. Die dadurch abnehmende Regulierbarkeit der Preise und die Entfernung von dem eigentlichen Wert der Ware nennt Nissanke die „Finanzialisierung des Warenmarktes“.

Wie äußern sich diese Entwicklungen nun in den Ökonomien der involvierten Länder und warum profitieren die exportierenden Länder nicht automatisch vom Preisanstieg der Güter? Dass der Reichtum exportierbarer Ressourcen nicht immer ein Segen für ein Land ist, zeige sich besonders in Subsahara-Afrika und Südasien. Die „Least Developed Countries“ dieser Regionen bekämen die Preisschwankungen besonders stark zu spüren, da sie oft dem Angebot der AbnehmerInnen wenig entgegensetzen können. Nur wenn solche Ressourcen gleich in dem Land in gewinnbringende Waren verarbeitet würden, erklärte Nissanke weiter, könnte es die (wirtschaftliche) Entwicklung vorantreiben. Dahinter stünden oft aber wirtschaftliche Interessen und verzwickte Beziehungen zwischen nationalen und internationalen Stakeholdern, die die Wertschöpfungskette nach ihrem Geschmack regulieren.

Nicht zu vernachlässigen sei außerdem die Strukturveränderung der „emerging economies“, wie besonders China oder Brasilien, die zunehmend in dem Ressourcen- und Warenhandel mit Afrika mitmischen. Vor diesem Hintergrund der sich ändernden internationalen und nationalen Warenverkehrslandschaft, müssten Afrikas Ökonomien vermehrt sicherstellen, dass sie ihren Teil des „Aufschwunges“ abbekommen, betonte Nissanke.

Und die Moral von der Geschicht’…

Konkret riet Machiko Nissanke daher zu einem komplexen Rezept wirtschaftlicher Mechanismen, die die Warenpreise in eine gewisse Regulierbarkeit und Stabilität zurückführen sollten, sodass der Warenhandel sein eigentliches Entwicklungspotenzial für Märkte zurückbekommen könnte.

Ähnliche Punkte brachte auch Cornelia Staritz von der ÖFSE an, die die höheren Preise von Gütern als potentiell positiv für die Wirtschaftsentwicklung exportierender Länder erachtete: Das eigentliche Problem, weshalb dieses Potential aber nicht ausgeschöpft werden kann, sei die stark asymmetrische Machtkonstellation, die eine „gerechte“ Verteilung der Gewinne verhindere. Dafür würden auch die InvestorInnen des Finanzmarktes, die ihre Verhandlungsmacht gegenüber dem Warenhandel ausbauen, sorgen. Cornelia Staritz hielt daher ein regulierend eingreifendes Politikgerüst, wie die EU eines sein könnte, für erforderlich. Schließlich wies Andrey Kuleshov auch auf die zentrale Rolle der Agrotreibstoffe hin, die neben der „Finanzialisierung“ ausschlaggebend für den aktuellen Anstieg der Güterpreise sei.

It’s the economy, stupid!

Diese beiden Punkte wurden in der abschließenden Diskussion wieder aufgegriffen, als sich ein Vertreter der Organization of the Petroleum Exporting Countries (OPEC) zu Wort meldete und von der jahrelangen Leugnung der Effekte der Spekulationen und der Agrotreibstoffe auf die Güterpreise in den eigenen Reihen berichtete, die heute einstimmig als Hauptfaktoren anerkannt würden. Die facettenreiche Diskussion ließ etwas Ruhe in den sehr informationengeladenen Vortrag kommen, der interessante Kernbotschaften vermittelte, jedoch zum Teil in einem Tempo geführt wurde, das schwierig zu folgen war. Die Inhalte und ihre Zusammenhänge voll zu verstehen wurde dadurch für einige der Teilnehmenden zur Herausforderung. Für Wirtschaftslaien blieb der Abend eher schwer verdaulich.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.