„Manege frei“ für Ermächtigung

2014 bis 2016 ist Brasilien Schauplatz internationaler Mega-Events: der Fußball-WM und der Olympischen Sommerspiele. Die damit einhergehenden Umbauprozesse zementieren buchstäblich brasilianische Ungleichheitsverhältnisse. In einem von der Dreikönigsaktion (DKA) am 26. April 2013 organisierten Austauschtreffen erzählte Cesar Marques über das Konzept des „sozialen Zirkus“ und seine Bedeutung hinsichtlich solcher Ereignisse.
Seine Mutter sei Analphabetin gewesen, leitete Marques das Austauschtreffen ein. Daher habe sie ihm zwar keine Geschichten vorlesen können, doch konnte sie ihm sehr wohl welche erzählen. Dabei habe er von klein auf gelernt, Menschen und die Geschichten über ihre Körper zu verstehen. Der Körper sei fundamental in Brasilien, die brasilianische Gesellschaft basiere nicht zuletzt auf der Ausbeutung bestimmter Körper: von SklavInnen zu Zeiten des Kolonialismus und afro-brasilianischer Menschen bis heute. Speziell zu Tourismuszeiten komme es daher zu „Säuberungen“ von unerwünschten Körpern auf den Straßen reicher Gebiete in Rio de Janeiro. Rassistische Stadtpolitik funktioniere somit darüber, manchen Menschen das Recht auf einen physischen sowie sozialen Platz in der brasilianischen Gesellschaft zu versagen bzw. es ihnen wegzunehmen, wie dies bei der Copa (Fußball-Weltmeisterschaft) der Fall sei.

Fußball in Brasilien – vom Traum des Favela-Jungen zum Mittelklasse-Business

Die Rolle des Fußballs in Brasilien habe sich drastisch verändert, erzählte Marques. Die Rekrutierung für internationale Fußballmannschaften geschah früher vor allem in den armen Vierteln unter den vielen täglich auf der Straße kickenden Jungen. Ronaldo oder Ronaldinho würden diese jahrzehntelange Fußballpolitik verkörpern. Im Gegensatz repräsentierten derzeitige Fußballstars wie Leonardo einen Wandel hin zu einer mittelklassebasierten Fußballkultur, die den Fokus auf in elitären Fußballschulen ausgebildete Spieler setze. Die Unterschicht wurde somit vom Fußballfeld vertrieben; und nicht nur von dort.

Von der Position diskriminierter Menschen aus, die Marques einnahm, bedeute die Copa in keinster Weise Positives. Der Ausbau von Straßen und Veranstaltungsstätten führe zu massiven Umsiedlungen zentral gelegener Favelas (Armensiedlungen) in die Peripherie. Die Stadt locke mit leeren Versprechen und der Mythos, dass StraßenverkäuferInnen vom Fußballtourismus profitieren würden, wird durch das Monopol der Fifa auf den Verkauf von Getränken und Speisen während des Events zunichte gemacht. Darüber hinaus betonte Marques geschlechtsspezifische Folgen: Die Anwerbung von Arbeitern aus dem Nordosten führe zu einem Anstieg sexualisierter Gewalt und gleichzeitig würde der internationale Sextourismus befördert. Somit werde ein Großteil der armen, vor allem „schwarzen“ Menschen entweder vom Fußballgeschehen verdrängt – als Spieler, als ZuschauerInnen und als Begünstigte – oder ihre Körper werden auf verschiedenste Weise ausgebeutet. Angesichts sich fortschreibender Unterdrückung afro-brasilianischer Menschen müsse der Körper daher, so Marques, zur Basis von Veränderung werden.  

Sozialer Zirkus – Ermächtigung über den Körper

Das Konzept des „sozialen Zirkus“ wurde Anfang der 1990er vom gemeinnützigen Verein SER – „se essa rua fosse minha“ („wenn diese Straße meine wäre“) – ins Leben gerufen. Der Situation von Straßenkindern und -jugendlichen sollte spielerisch begegnet werden. Aus diesem Grund begab sich Marques zusammen mit anderen auf Streifzüge durch die Straßen Rios, um herauszufinden, was Kinder und Jugendliche dort so spielten. Beeinflusst von der Capoeira, einer afro-brasilianischen Kampfkunst, schien die Akrobatik einen besonderen Stellenwert einzunehmen. Aus diesem Grund entstand die Idee, einen Zirkus aufzubauen: Über körperliche Tätigkeiten können soziale Themen bearbeitet werden, denn das Individuum muss sich immer zu einer Gruppe in Beziehung setzen. Ein Zirkus verbreitet Humor und Fröhlichkeit. Und, nicht zu vergessen: Ein Zirkus ist mobil, das heißt, er kann überall auftreten und intervenieren. Mittlerweile fungiert der soziale Zirkus als Vorbild für viele Projekte in verschiedenen Regionen Brasiliens sowie in anderen Ländern, beispielsweise in Kanada, wo Cirque du Soleil auf diesen Techniken basierend Projekte mit kanadischen Kindern durchführt.

Inspiriert von Paulo Freires und Augusto Boals Ideen und Techniken bildet SER Kinder und Jugendliche zu MultiplikatorInnen aus, die sowohl auf den Straßen Rios als auch in verschiedenen „Comunidades“ („Gemeinschaften“) die Methoden des sozialen Zirkus weitergeben. Im Zentrum stehen Thematiken, mit denen Kinder und Jugendliche auf der Straße laufend konfrontiert sind, beispielsweise die stetigen „Säuberungsaktionen“ der Stadt. Darüber hinaus verfolgt SER andere bewusstseinsbildende Tätigkeiten: So werden MultiplikatorInnen in Schulen geschickt, um zu kontrollieren, ob das 2003 eingeführte Recht auf afro-brasilianischen Geschichtsunterricht wirklich umgesetzt wird. SER ist auch an der Mitgestaltung der Lehrbücher für diesen Unterricht beteiligt. Doch gehe es, betonte Marques, nicht um eine Perpetuierung rassifizierter Grenzen, vielmehr sollten diese über Körperarbeit thematisiert werden.

Wider der Schwarz-Weiß-Logik

In Brasilien herrsche der Mythos, es gäbe keinen Rassismus. Und wenn es einen gäbe, dann sei es das Problem afro-brasilianischer Menschen, merkte Marques kritisch an. Es war die afro-brasilianische Bewegung „movimento negro“, die rassistische Segregation zu einem politischen Thema machte und Antidiskriminierungsregelungen erkämpfte. Doch habe sich in „weiße“ Körper darüber hinaus eingeschrieben, nicht mit „schwarzen“ Menschen zu reden, ja besser, gar nicht mit ihnen in Kontakt zu treten, so Marques. In diesem Sinne arbeite SER nicht nur mit afro-brasilianischen Kindern und Jugendlichen, sondern mit allen. Ziel des sozialen Zirkus bestehe darin, den Respekt vor dem Sein des Anderen zu erlernen und sich über den eigenen Körper zum anderen in Beziehung zu setzen. Dies kann nicht nur eine Aufgabe jener sein, die von Rassismus betroffen sind.  

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.  Foto: Verena Rassmann.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.