Lebenswelten auf der Leinwand – mit der Ethnocineca im Gespräch

Von 14. bis 17. Mai 2013 findet im Votivkino heuer zum siebenten Mal die Ethnocineca statt. Auf dem Filmfest werden Dokumentarfilme mit ethnographischen Inhalten gezeigt. Die Autorin hat sich mit Nadja Haumberger und Marie-Christine Hartig, die beide das Filmfest mitorganisieren, getroffen und über Entstehungsgeschichte, Inhalte und Zielsetzungen der Ethnocineca gesprochen. 

Die Ethnocineca begann mit den Screenings ethnographischer Arbeiten von ProfessorInnen des Instituts für Kultur- und Sozialanthropologie der Universität Wien. 2007 wurden diese durch Werner Zips als Filmtage der audiovisuellen Ethnographie wiederbelebt und finden seither einmal jährlich statt. Die OrganisatorInnen sind folglich überwiegend Studierende und AbsolventInnen des Studiengangs, agieren aber als eigenständige Gruppe unabhängig von der Universität, auch wenn viele Kooperationen mit dieser stattfinden. Sie erhalten zwar teilweise Förderungen oder Sponsoring, die Arbeit ist jedoch ehrenamtlich und verlangt den Beteiligten großes Engagement ab – das sie gern leisten.

Die Ethnocineca hat gleich zwei Alleinstellungsmerkmale: Es ist nicht nur das einzige Filmfest in Österreich, dass sich mit visueller Anthropologie beschäftigt, sondern zusätzlich das einzige, das ausschließlich Dokumentarfilme zeigt.

Offen für alle

Das Filmfest richtet sich nicht nur an Studierende der Kultur- und Sozialanthropologie, sondern explizit an alle Interessierten, vor allem auch abseits des universitären Umfelds. Es versteht sich als „Plattform für partizipative, interkulturelle Wissensvermittlung und -produktion“ (aus dem Pressetext) und bilde somit einen Schnittpunkt zwischen anthropologischer Wissenschaft und Öffentlichkeit. Menschen außerhalb des akademischen Kontextes werden über Werbung mit Postern und Foldern erreicht, die Ethnocineca ist aber auch im Radio, Web 2.0 und Zeitungen präsent. Die Veranstaltung kann einen kontinuierlich wachsenden Zustrom an ZuschauerInnen verzeichnen, daher findet sie dieses Jahr erstmalig in Kooperation mit dem Votivkino statt. Um auch Menschen mit kleinem Budget zu ermöglichen, die Filme zu sehen, gilt  das „pay-as-you-wish“-Prinzip: Man kann selbst entscheiden, wie hoch das Eintrittsgeld sein soll.

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Filmfestmitorganisatorinnen Marie-Christine Hartig und Nadja Haumberger; Foto: Johanna Rodehau-Noack

Die Einreichung von Filmen erfolgt nach einem Open Call: Es sollen Dokumentationen mit kritischem Anspruch und ethnographischen Schwerpunkt sein, weitere thematische oder sonstige Einschränkungen gibt es nicht. Heuer haben drei KuratorInnen aus über 200 Einreichungen 36 Filme ausgewählt. Die bisherigen Schwerpunkte der Ethnocineca haben sich aus den Einreichungen selbst ergeben, dieses Jahr gibt es auf Grund der großen Vielfalt der Themen keinen spezifischen Fokus, das Augenmerk lag primär auf der Ausgewogenheit des Programms.



Ein Nischenprojekt mit gesamtgesellschaftlicher Bedeutung

Die Motivation zur Gründung und Erhaltung des Projektes ergab sich unter anderem aus der Erkenntnis, dass die Kultur- und Sozialanthropologie in der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen wird, obwohl sie sich mit gesellschaftsrelevanten Thematiken beschäftigt. Sie bildet eine Nische in der Wissenschaft und der ethnographische Film im Besonderen sei dann die „Nische der Nische“, so Haumberger. Die Ethnocineca setzt sich daher zum Ziel, mittels Dokumentarfilmen Menschen verschiedener Kulturen in ihrem Alltagsleben darzustellen, ohne zu generalisieren. Partikularität, eine offene Erzählweise und die Zusammenarbeit mit den betreffenden AkteurInnen seien dabei besonders wichtig. Der Slogan „we need to see the world from as many perspectives as possible“ (wir müssen die Welt aus so vielen Perspektiven wie möglich betrachten) drückt genau dies aus: Lebenswelten sollen zugänglich gemacht, Kultursensibilität geschaffen und Perspektivenvielfalt geboten werden. Die differenzierte Darstellung der jeweiligen Thematik ist daher ein wichtiges Kriterium in der Filmauswahl.



Film als Medium der Wissensvermittlung

Der Film ist in der Kultur- und Sozialanthropologie eine gängige wissenschaftliche Methode, aber auch als Medium eine niederschwellige Möglichkeit, mit kultur- und sozialanthropologischen Themen an die Öffentlichkeit zu gehen. Dies sei vor allem außerhalb der Universität wichtig, um Inhalte zugänglich zu machen, da die – meist schwierig zu verstehenden –  relevanten wissenschaftlichen Texte außerhalb der Forschung eher wenig rezipiert werden.

Zusätzlich halten WissenschafterInnen der Disziplin zu Beginn der Veranstaltung Vorträge. So wird dieses Jahr Peter I. Crawford von der Universität Tromsø über teilnehmende Beobachtung sprechen. Bei einigen Terminen werden die FilmemacherInnen anwesend sein und nach der Vorführung für Gespräche zu Verfügung stehen. Den feierlichen Abschluss bildet das Ethnofest im Fluc.

Eine direkte Wissensvermittlung findet abseits des Filmfestes durch die Projektwerkstatt statt. In den Workshops ermöglichen ExpertInnen aus der Kultur- und Sozialanthropologie, dem Filmbereich sowie anderen visuellen Geisteswissenschaften Einblicke in das anthropologische Filmschaffen. Ein weiterer Teil der Projektwerkstatt ist die Produktion eines Dokumentarfilms durch die Teilnehmenden selbst, der anschließend auf dem Filmfest gezeigt wird. Weiters veranstaltet die Ethnocineca einmal monatlich den Filmklub im Weltmuseum, wo Werke aus den Archiven der Kultur- und Sozialanthropologie gezeigt werden, die auch teilweise schon im Programm vergangener Filmfeste liefen. Im Anschluss gibt es Raum für Diskussionen. Der Filmklub bietet somit ein Forum für visuelle Ethnographie während des ganzen Jahres.


Veranstaltungshinweis:

Zeit: 14. bis 17. Mai 2013, ab 16.30 Uhr, Eröffnung am 14. Mai ab 18.00 Uhr

Ort: Votivkino, Währinger Str. 12, 1090 Wien, Ethnofest: Fluc, Praterstern 5, 1020 Wien

Weitere Infos unter: https://www.ethnocineca.at/

Die Autorin ist Praktikantin im Paulo Freire Zentrum und studiert Internationale Entwicklung an der Universität Wien. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.