Bei der Veranstaltung „Kulturarbeit im internationalen Kontext“ des Instituts für Kulturmanagement und Kulturwissenschaft (IKM) am 9. März 2013 wurden auch zwei Praxisbeispiele vorgestellt. Darin spiegelten sich sowohl die angesprochenen Problematiken als auch die Hoffnungen in Bezug auf Kultur und Entwicklung wieder. Die abschließende Diskussion warf einige Grundsatzfragen auf.
Klassisches Theater und gesellschaftliche Realitäten
Mit den angesprochenen Problemen in Bezug auf die wenig Kunst-freundlichen Antragsformen für Unterstützungsleistungen hatte auch der Schauspieler und Theatermacher Thomas Groß zu kämpfen. Er stellte als Praxisbeispiel die Arbeit an seinem Stück Slobodija Odysseia, mon Amour vor, das eine Verknüpfung aus dem klassischen Text Odyssee von Homer und der aktuellen Flüchtlingsthematik darstellt. Mit diesem Projekt, für das zahlreiche Schicksale von Flüchtlingen und KriegsrückkehrerInnen recherchiert wurden, wollte Groß eine Verbindung des Theaters zu den Problemen der heutigen Gesellschaft schaffen. Trotz positiver Reaktionen und Zusagen von Theatern erwies es sich aber als schwierig, genügend Geld für das Projekt aufzutreiben. Die langen Vorlaufzeiten, Fristen und Einschränkungen für Anträge erschwerten die Arbeit enorm. Am 4. Oktober 2013 wird das Stück im Zuge des Kulturhauptstadtjahrs Marseille-Provence 2013 im Marseiller Theater nun aber uraufgeführt.
Orchesterarbeit in Kolumbien
Die Orchesterdirigentin Maria Villamil stellte als zweites Praxisbeispiel die Orchesterarbeit in Kolumbien vor. Dort gibt es heute verschiedene staatlich finanzierte Programme zur Musikbildung für Kinder und Jugendliche, die eine Integration sozial benachteiligter Kinder anstreben. Soziale, örtliche und finanzielle Barrieren sollen überwunden werden, indem die Angebote kostenfrei auch in Konfliktregionen angeboten und von „MissionarInnen“ in armen Gegenden beworben werden. Die Programme seien extrem beliebt, 500.000 Kinder und Jugendliche würden zurzeit ausgebildet. Weiterbildungs- und Arbeitsmöglichkeiten in Orchestern danach seien allerdings stark begrenzt.
Villamil gründete mit Freunden daher ein Privatorchester (Fundación Orquesta Sinfónica de Bogotá), um die schlechten Arbeitschancen zu verbessern. In diesem Kontext, so Villamil, sei auch die Frage nach den eigenen kulturellen Wurzeln interessant. Denn das Orchester an sich sei eigentlich ein kulturelles Fremdkonzept, das von Europa nach Lateinamerika getragen wurde. Die besondere Vermischung kultureller Elemente (Mestizaje) sei es aber, so Villamil, was heute die Kultur in Kolumbien ausmache. So verfüge das Privatorchester auch über ein Kammerorchester, das kolumbianische Musik spielt und so den Charakter der Mestizaje ausdrücken möchte.
Die Frage der Abhängigkeiten in der EZA
Ein großer Teil der Veranstaltung war der Diskussion am Ende des Nachmittags gewidmet. Die Frage, ob Kunst- und Kulturangebote gesellschaftliche Probleme tatsächlich lösen könnten, stand dabei im Mittelpunkt. Immer wieder wurde betont, dass Kultur als Teilsystem der Gesellschaft nur ein Baustein von vielen sei und dass punktuelle, kurzfristige Initiativen zu wenig seien. Anger stellte auch die Frage nach der Schaffung von Abhängigkeiten durch Kulturprojekte der EZA. Schmidjell erklärte, dass die EZA leider oft bewusst eingesetzt werde, um neue Märkte zu erschließen. Im Falle Österreichs sei die Gefahr dank verschiedener Prinzipien wie „Ownership“ aber gering. Um sinnvolle Projekte gewährleisten zu können, sei es für Österreich aber besonders wichtig, mehr zuzuhören, was lokale KünstlerInnen wollen und womit sie sich identifizieren. In Europa sei man in der Kulturdebatte schon etwas müde geworden, vom globalen Süden gehe hier aber eine starke Kraft aus, die man nicht ignorieren solle. Projekte zu implementieren sei zudem zu wenig, viel mehr müssten die Strukturen verändert werden.
Nützliches Instrument oder gefährliche Moralisierung?
Ein anderer wichtiger Aspekt, der aufgeworfen wurde, war jener der Überforderung der Kunst. Sie solle Bewusstsein schaffen, Verhalten ändern und zur Konfliktlösung beitragen. Wimmer problematisierte hier die Idee, dass alles automatisch besser werde, wenn sich Menschen mit Kunst beschäftigten. Es sei eine große Errungenschaft, dass Kunst grundsätzlich für nichts gut sein müsse. Im Zusammenhang mit der Frage nach der positiven Wirkung von Kunst sei es daher problematisch, immer nur von der Form (Kunst), nicht aber von den Inhalten und dem Kontext zu sprechen. Gad brachte hier das Beispiel des Freedom Theatre Jenin ein, das mit Kindern und Jugendlichen des Flüchtlingslagers in Jenin arbeitet. Ziel sei es, in der Krisenregion durch die Theaterarbeit Persönlichkeiten zu stärken, was auch auf höchst tragische Weise funktionierte: Einige der TeilnehmerInnen wurden zu SelbstmordattentäterInnen. Andererseits, ergänzte Schmidjell, erzählten zwei Jugendliche, die mit dem Theaterprojekt in Wien waren, dass sie einen solchen Weg geplant hatten und erst durch die Theaterarbeit davon abgekommen seien.
Sowohl Publikum als auch Vortragende schienen sich darin einig, dass Kunst zwar eine starke Kraft besitze, verschiedene Thematiken vermitteln und Menschen zu Aktionen motivieren könne. Wie die Rezeption allerdings aussehe, hänge immer auch von den RezipientInnen ab. Während Gad in diesem Zusammenhang auf die Wichtigkeit der Vermittlung hinwies, warnte Groß vor der Gefahr einer Instrumentalisierung von Kunst. Kunst und Moral würden ständig vermischt, indem man der Kunst subjektive Moralvorstellungen überstülpe. Ein solches Vorgehen sei sehr gefährlich, denn Kunst, so Groß, könne nur dann ihre volle Strahlkraft entwickeln, wenn sie schockieren und Dinge sagen darf, die man nicht wertet.
Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.