Österreich und die Herausforderungen der internationalen Agrarpolitik

„Intensivierung? Ja, aber nachhaltig“ war das Motto der diesjährigen 60. Wintertagung des Ökosozialen Forums in Wien. Der Auftakt am 21. Jänner 2013 widmete sich dem Thema Agrarpolitik. Dem überwiegend männlichen Publikum wurden zahlreiche Vorträge, Podiumsdiskussionen und sogar eine Predigt geboten.Eine Woche lang fanden in verschiedenen Städten Österreichs Veranstaltungen zu Thematiken wie Gemüse-, Obst- und Gartenbau, Geflügelproduktion, Unternehmen Bauernhof oder Ackerbau statt. Gerade heute, so eröffnete Stephan Pernkopf, Präsident des Ökosozialen Forums die Tagung, wo wir uns mit einer Abnahme der Produktionsfläche bei gleichzeitig steigenden Bevölkerungszahlen konfrontiert sehen, sei ein gemeinsames Nachdenken und Diskutieren von zentraler Bedeutung. Vor dem Hintergrund, dass bis 2050 eine Zunahme der Bevölkerung auf etwa neun Milliarden Menschen zu erwarten sei und entsprechend die Lebensmittelproduktion erheblich steigen müsse, sei die Beschäftigung mit nachhaltigen Strategien einer solchen Produktionssteigerung unabwendbar. Aufgrund dieser Herausforderungen müsse sich der Agrarsektor heute und zukünftig einer nachhaltigen Entwicklung verschreiben. Weniger Verschwendung und mehr Effizienz auch in den Schwellen- und Entwicklungsländern sowie im Idealfall eine nach ökologisch-biodynamischen Kriterien betriebene Landwirtschaft, seien entsprechende Devisen. In diesem Rahmen erklärte Pernkopf das Ökosoziale Forum zur Denkfabrik und Umsetzungswerkstatt, um diesen Anforderungen nachzukommen.

Von Schuld und Verantwortung

Ken Ash, der Direktor der Abteilung Handel und Landwirtschaft der Organization for Economic Cooperation and Development (OECD), gab zu Beginn einen Rückblick auf die Veränderungen der globalen agrarpolitischen Zusammenhänge in den letzten zehn Jahren. Da die Nachfrage an landwirtschaftlichen Produkten inzwischen das Angebot überholt habe, bedürfe es seines Erachtens eines fundamentalen strukturellen Wandels. Diesen zu bewerkstelligen liege dabei keineswegs allein in der Verantwortung der Landwirtschaft. Hunger sei nicht nur eine Folge vom Versagen der Landwirtschaft. Auch die Politik und wirtschaftliche Interessen bedingten die globale Ungleichverteilung von und den unterschiedlichen Zugang zu Nahrung.

Eine nachhaltige Strategie gegen diese Ungerechtigkeiten müsse den Umgang mit den endlichen Ressourcen wie fossiler Energie, Boden und Wasser sowie mit den Veränderungen durch den Klimawandel in den Vordergrund stellen. Dabei könne weder mit der „policy of the past“ oder dem „business as usual“ weiterverfahren werden. Die Antwort auf all diese Herausforderungen sah Ash in den altbekannten Forderungen (der OECD) nach global effizienteren Märkten, mehr Transparenz, besseren Zoll- und Handelsbedingungen sowie in der Öffnung von Märkten, um ein besseres Investitionsklima zu schaffen.

Investition und Innovation – die Lösung aller Probleme?

Ein Fehler der Vergangenheit sei es gewesen, so fuhr Ash fort, dass in Entwicklungsländern nicht genügend in (Aus-)Bildung von Menschen und Wissenstransfer, in Industrieländern zu wenig in Wissenschaft und Technologie investiert worden wäre. Wachstumsfördernd für alle Länder sei es dabei, weniger Ressourcen zu verschwenden und sie effizienter einzusetzen. Von welcher Art Wachstum hier die Rede war, wurde leider nicht genauer definiert.

Als Teil dieser angestrebten, auf allen Ebenen nachhaltigen Entwicklung wurde den Anwesenden auch die Rolle der Landmaschinen vorgestellt. Innovationen im Bereich der klimafreundlicheren landwirtschaftlichen Kraftfahrzeuge seien nicht zu verachten, so Andreas Krauser, Präsident einer Traktorfirma. Einem Werbeauftritt ähnlich, wurde der Beitrag des Unternehmens zur Schaffung von Arbeitsplätzen, einer „sicheren Zukunft“ und als wichtiger globaler Handelspartner auch für Entwicklungsländer wie Brasilien oder China hervorgekehrt. Der „Segen“ Brasiliens – das Zuckerrohr  zur Bioethanolgewinnung – würde durch neue innovative Technologien des Unternehmens seine volle Gewinnspanne entfalten.

Die Problematik der Agrotreibstoffe, die jedes Jahr Tonnen an Lebensmitteln verschlingen, ganz zu schweigen von den Arbeitsbedingungen auf den Zuckerrohrplantagen oder dem Kohlendioxid, das während der Herstellung in die Atmosphäre freigesetzt wird, wurde an dieser Stelle völlig unter den Tisch gekehrt. Nach dem Vortrag über den Hunger in der Welt ließ das wohl den einen oder anderen im Publikum sauer aufstoßen – wie einige Kommentare zeigten: Anstatt den vorgetragenen Forderungen nach mehr Technologie, um die zukünftig nötige (nachhaltige) Produktionssteigerung zu sichern, sollten vielmehr (globale) Verteilungsfragen bedacht werden. Die derzeitige Produktion an Nahrung sei ausreichend, um die gesamte Weltbevölkerung mit ca. 4000 Kalorien pro Kopf pro Tag zu ernähren (der Mindestwert liegt bei ca. 2000 Kalorien). Das Problem, so ein Teilnehmer, liege zum einen in der Verschwendung und dem Überfluss, den ein Teil der Weltbevölkerung verursache, und zum anderen in der Tatsache, dass Nahrung besonders in den Gesellschaften des globalen Nordens ihren Wert verloren habe.

Landwirte als Hüter der religiösen Kultur

Über den verlorenen Wert der Lebensmittel als Teil der Schöpfung Gottes predigte nach der Mittagspause mit deftiger Hausmannskost der Bischof der Diözese Gurk. Er appellierte an die Anwesenden, den Respekt vor der Schöpfung wieder zu gewinnen und den Beitrag, den die Bäuerinnen und Bauern bei der Wahrung dieser Schöpfung leisten, zu würdigen. „Frieden fördern heißt, die Schöpfung bewahren“, so der Bischof. Die naturgegebene Schönheit und ihre Früchte müssten wieder wertgeschätzt werden. Unser Leben in dieser Welt müsse sich umwelt-, sozial-, international-, und generationenverträglicher gestalten. Die Anwesenden wirkten sichtlich bewegt von den eindringlichen Worten des Bischofs – vielleicht auch ein wirksamer Weg die Menschen zu berühren und neue Denkanstöße zu geben, auch wenn die Predigt mit ihrem Appell an die Besinnung auf religiöse Werte im Rahmen des Forums gegenüber den wissenschaftlichen Beiträgen etwas fehl am Platz wirkte.

Die Autorin ist Mitglied im Online-Redaktionsteam des Paulo Freire Zentrums. Reaktionen bitte an redaktion@pfz.at.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.