Die Schattenseite der Fußball-WM in Brasilien

2014 werden Tausende von Menschen nach Brasilien pilgern, um bei der Fußball-Weltmeisterschaft (WM) live dabei zu sein. Die Vorbereitungen sind bereits in vollem Gang. Neben den neuen Stadien und Hotels nehmen auch die Menschenrechts-verletzungen immer größere Ausmaße an. SozialaktivistInnen kämpfen auf internationaler Ebene für die Bedürfnisse und Rechte der BrasilianerInnen. 
Seit 190 Jahren ist Brasilien nun unabhängig – und doch findet sich die Logik der portugiesischen Invasion teilweise heute noch. Die damalige Überzeugung, Brasilien wäre unbewohnt und würde niemandem gehören, scheint im Rahmen der Vorbereitungen zur Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wieder aufzuflackern. Riesige Stadien und Hotelburgen werden in Wohngebieten – zum Beispiel in den Armenvierteln (favelas) – hochgezogen, als gäbe es dort keine Menschen. Durch Ausnahmeregelungen für die Bauprojekte versuchte die „Internationale Föderation des Verbandsfußballs“ (FIFA) sogar, in die brasilianische Verfassung einzugreifen. Mit der Zwangsumsiedlung vieler BrasilianerInnen aus ihren Wohnungen wird deren Menschenrecht auf Wohnen und Bewegungsfreiheit verletzt. Darüber hinaus bringen die gigantischen Bauvorhaben oft Umweltzerstörungen mit sich und auch deren wirtschaftliche Nachhaltigkeit ist zweifelhaft.

Basiskomitees für Menschenrechte

Im Juni 2014 ist es soweit; bis dahin müssen die Fußball-Arenen und die touristische Infrastruktur fertig gebaut und bereit für den internationalen Ansturm sein. Während das halbe Land zur Baustelle wird, setzen sich so genannte Basiskomitees (Comitês Populares da Copa) in den 12 Austragungsstädten für die Rechte der brasilianischen Bevölkerung ein. Sie fordern einen Dialog gegen den sozialen Ausschluss und die Menschenrechtsverletzungen, die mit dem vermeintlichen Fortschritt im Zuge der WM einhergehen. Einer der AktivistInnen im Rahmen dieser Bewegung ist Argemiro Ferreira de Almeida. Als Mitglied des WM-Basiskomitees von Salvador sowie des Dokumentations- und Kommunikationsnetzwerks für städtische soziale Bewegungen Rede Rua in São Paulo reiste er nach Europa, um dort seine Arbeit bekannt zu machen und die Probleme in Brasilien auf eine internationale Bühne zu heben. Mit Projekten und Kampagnen europäischer Organisationen (wie beispielsweise in Österreich der Dreikönigsaktion oder des vidc – Wiener Institut für internationalen Dialog und Zusammenarbeit) sollen gleichzeitig konkrete Aktionen in die Wege geleitet werden.

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Argemiro Ferreira de Almeida; Foto: Herbert Wasserbauer

Die vielfältigen Aktionen der Basiskomitees hätten, so Argemiro Ferreira de Almeida, inzwischen Bewusstsein für die Probleme rund um die Weltmeisterschaft geschaffen. Durch die gute nationale und internationale Vernetzung – unter anderem in der Fußballwelt und im wissenschaftlichen Bereich – gelang es der Bewegung, mit ihren Anliegen bis an die Vereinten Nationen heranzutreten. Aus den mittlerweile gesammelten Materialien ist ein Dossier über den Zusammenhang von Megaevents und Menschenrechtsverletzungen in Brasilien entstanden. Weiters erarbeiteten die AktivistInnen zahlreiche you tube-Filme, die die Motivation der sozialen Bewegung veranschaulichen.

Copa pra quem? WM für wen?

Laut den VeranstalterInnen bringt die WM nur Vorteile für Brasilien: Die Infrastruktur der Städte werde ausgebaut, der Tourismus gefördert, Städte im Landesinneren würden aufgewertet, das Image Brasiliens verbessert und neue Arbeitsplätze geschaffen. Die WM bedeute Fortschritt, Wachstum und Entwicklung. Aber wer ist es, der profitiert? Für wen ist der Fortschritt und welche Art von Entwicklung wird angestrebt?

Argemiro Ferreira de Almeida sieht den Gewinn klar auf Seiten der Banken, der Tourismusbranche und der ausländischen Immobilienunternehmen, die für die Bauprojekte engagiert werden, weil sie scheinbar als Einzige die benötigten Spitzentechnologien beherrschen. Diesen gehe es in erster Linie darum, den maximalen Profit aus dem Megaevent zu ziehen, kritisiert der Sozialaktivist. Die brasilianische Bevölkerung habe von den Gewinnen jedoch wenig bis gar nichts und könne sich großteils nicht einmal ein Ticket zu einem WM-Spiel leisten. Die Existenz der WM-Basiskomitees zeige, dass sich große Teile der Gesellschaft eine andere Art von Entwicklung wünschen und als notwendig erachten, als sie die FIFA für Brasilien vorgesehen hat. Ihr Ziel ist es deshalb, das Megaevent so umzugestalten, dass in dessen Rahmen Menschen- und Bürgerrechte respektiert werden sowie die Sicherheit für Menschen und Stadtteile gewährleistet ist. Nur so können die Vorteile einer solchen Sportgroßveranstaltung auch die Bevölkerung erreichen.

In Frage stellt Ferreira de Almeida auch die Langlebigkeit dieses vermeintlichen Fortschritts. Offiziell sollen die neuen Stadien nach der WM für große Konzerte genutzt werden und der Tourismus dadurch vor allem in den Städten im Landesinneren weiter wachsen. Die Erfahrungen der letzten Fußball-WM 2010 in Südafrika zeigen aber, dass dieser Plan nicht wirklich funktioniert. Auch dort wurden damals enorme Stadien und unzählige Hotels gebaut, die seitdem aber kaum mehr gefüllt werden konnten. Nun wird bereits mit dem Gedanken gespielt, die Bauten wieder abzureißen.

Der „heilige“ Fußball

Fußball, so Argemiro Ferreira de Almeida, sei für viele BrasilianerInnen mehr als ein Spiel oder ein Megaevent. Der Nationalsport sei Kultur, Kunst, Unterhaltung und Religion. Dieser emotionale Zugang lässt wenig Platz für Kritik oder die problematischen Auswirkungen der WM. Die Arbeit der Basiskomitees sei deshalb oft undankbar, weil niemand hören will, dass die Kunst und das Schöne durch die WM in etwas rein Kommerzielles transformiert werden. Umso mehr brauche es laut den AktivistInnen intensive Bewusstseinsarbeit, die die Schäden durch die FIFA und ihre PartnerInnen sichtbar macht. Wie schon Paulo Freire, betont auch Argemiro Ferreira de Almeida, wie wichtig es ist, dass sich die BürgerInnen als AkteurInnen ihrer eigenen Lebenswelt verstehen, die sie beeinflussen, gestalten und verändern können. Sie müssten zeigen, dass Brasilien nicht unbewohnt ist und somit endlich diese „koloniale Logik“ aufbrechen. Auch wenn die Basiskomitees inzwischen als Dialogpartner im Rahmen des Megaevents anerkannt werden, steht ihnen demnach bis 2014 noch viel Arbeit bevor.

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Die Autorin ist Mitarbeiterin im Paulo Freire Zentrum.

Veröffentlicht in Entwicklungspolitik.